Ackerdemiker*innen berichten aus der Blockwoche #1 Master Class Course Conference


Ein Beitrag von Jennifer Nitzschke

Einmal im Semester haben wir an der HNEE eine ganz besondere Woche – die Blockwoche. Fünf Tage am Stück haben Studierende und Dozierende Zeit und Raum sich einem konkreten Thema zu widmen. Aus 90 Minuten wöchentlicher Lehrveranstaltung werden eine Woche geblockte Lehrveranstaltung 9 to 5.


In unserer diesjährigen Winterblockwoche (4. Dezember -8.Dezemeber2017) haben wir von ackerdemiker.in die Modulteilnehmer*innen gebeten uns Einblicke in ihre persönlichen Erfahrungen der Blockwoche zu geben. Als Erste berichtet Jennifer Nitzschke, RUNerin aus dem Modul Master Class Course Conference.


#RuntervonderÖkoinsel

In der Blockwoche fand zum zwölften Mal die Master Class Course Conference (MCCC)

„Renewable Energies“ in Eberswalde an der HNE statt. Mit dem Thema „Ende der Wende – Geradeaus in die Zukunft“ konnten wir uns ein realistisches Bild von der laufenden Entwicklung des Klimawandels machen. Dazu mussten wir etwas von unserer Ökoinsel runter, auf der wir an der HNE leben. Um sich ein umfassendes Bild zu machen, muss Mensch sich auch mal mit der „anderen“ Seite beschäftigen, statt immer nur mit den Ökos. So waren zum Beispiel ein Vertreter der AVIA Mineralöl-AG eingeladen, eine Immobilienmaklerin der conwert Immobilienverwaltung GmbH und viele andere Redner*innen, die die Situation und die Zukunftsperspektiven aus ihrer Sicht darstellten, zum Denken anregten und kontroverse Diskussionen hervorriefen.


Die Konferenzreihe stand in diesem Jahr unter der Schirmherrschaft von Dr. Ulrich Müller, dem Generalbevollmächtigten der EWE Aktiengesellschaft. Bei seinem Vortrag am Montagmorgen haben wir erfahren, dass 60% des Energieaufwands in Deutschland für die Wärmeproduktion verbraucht werden; nur jeweils 20% für Verkehr und Strom. Also: Heizung runter, statt Licht aus! Am besten beides. Außerdem hörten wir von ihm zum ersten Mal in dieser Woche von Power to X (P2X). Dieses Verfahren der Sektorkopplung sollte oft zum Thema werden.


Es handelt sich hierbei um die Umwandlung von Strom zu Wärme, Gas, Chemie oder anderen Technologien, die zur Speicherung oder alternativen Nutzung des überschüssigen Stroms aus erneuerbaren Energien dienen.

Dies wird in Zukunft mehr und mehr nötig, da die Energiewende in Deutschland mit scheinbar einfachen, aber doch signifikanten Problemen zu kämpfen hat, wie: An einigen Tagen bläst der Wind stärker, an anderen schwächer. Somit wird an einigen Tagen fast gar kein Strom aus erneuerbaren Energien bereit gestellt und manchmal wird ein Übermaß an Strom produziert, das irgendwie gespeichert werden müsste, damit es an den Tagen mit geringer Produktion nicht zu Stromausfällen kommt. Lithiumbatterien sind hierfür jedenfalls keine ausreichende Lösung, da die weltweiten Lithiumvorkommen nicht ausreichen würden und Batterien im Allgemeinen eher für Kleingeräte geeignet sind. P2X ist nicht nur zum Speichern des Stroms geeignet, sondern auch zur Umwandlung und Weiterverarbeitung bspw. zu Wasserstoff. Somit kann Sektorkopplung in Zukunft auch zur Dekarbonisierung des Verkehrs und von Industrien führen.


Ebenfalls am Montag lernten wir Prof. Dr. Felix Ekardt kennen. Er hinterließ bleibenden Eindruck mit seinem Vortragsthema „Suffizienz in der Energiewende: Grenzen der Technik und die Folgen für die Wachstumsgesellschaft“, aber vor allem beeindruckte er uns auch mit seiner eigenen Umsetzung des Suffizienzgedankens. Er hat kein Handy, heizt seine Wohnung nur auf 19°C und verreist nie mit dem Flugzeug. Spätestens bei dem letzten Punkt haben viele von uns bestimmt ein schlechtes Gewissen bekommen. Wir wissen, dass unsere spirituellen Abenteuerreisen nach Indien, Neuseeland und Peru absolute Klimakiller sind, aber da die anderen Studierenden das auch machen sind unsere Normalitätsvorstellungen dementsprechend geprägt; es ist normal und cool in die entferntesten Länder zu fliegen. Und dabei, so meint Felix Ekardt, hätte Europa so unglaublich viel zu bieten, ohne dass man jemals fliegen müsse. Schon mal vom ökologischen Fußabdruck gehört? Wie viel CO2-Ausstoß verursacht jeder von uns? Bereits bei einer Reise nach Neuseeland gehen ganze 15 t CO² auf unser Konto, wobei ein nachhaltiges Essverhalten nur 2 t CO2-Ausstoß pro Jahr verursacht. Da versinkt unsere Ökoinsel doch glatt im Meer.


Teste Dich (ja, DU!) und deine WG doch mal, wie viele Tonnen CO2 jeder von euch mit seiner Lebensweise in die Atmosphäre pumpt. Zum Beispiel mithilfe dieser Webseite. Mit einem kleinen Buffet beim Get Together konnten wir den ersten Tag ausklingen lassen, uns kennenlernen und unsere Eindrücke von dem langen Tag austauschen.

Am Dienstag gab es teilweise heiße Diskussionen, da der Atomausstieg vermehrt thematisiert wurde. Einerseits behauptete PD Dr. Achim Brunnengräber von der FU Berlin, dass Atomenergie nie wirklich wettbewerbsfähig gewesen sei, weil sie sehr stark subventioniert wurde und die erneuerbaren Energien und Wirklichkeit viel billiger wären; andererseits befürchtete Prof. Dr. Konrad Kleinknecht von der Uni Mainz Blackouts und weitere Preisanstiege durch die erneuerbaren Energien.


Mittwoch und Donnerstag gab es außer den Vorträgen parallele Foren, um in Kleingruppen Ideen zu entwickeln und auch ein bisschen zu spinnen. Denn eins sollten wir nie vergessen: Spaß an der Sache zu haben. Als HNEE Prof. Dr. Hans-Peter Piorr seinen Vortrag über den dramatischen Anstieg der CO2-Emissionen und der CO2-Sättigung der Atmosphäre hielt, erzeugte er etwas Weltuntergangsstimmung im Hörsaal. Auch Sarah Rieseberg von arepo consult schlug vor, dass wir alle bald nach Kanada ziehen könnten, wenn die CO2-Werte in der Atmosphäre noch weiter ansteigen würden. Trotzdem war Herr Piorr begeistert vom Optimismus der Studierenden: „Obwohl die Entwicklung des Klimawandels sehr bedrohlich aussieht entsteht kein Bild der Hoffnungslosigkeit bei dieser Veranstaltung. Die Teilnehmer entwickeln Ideen und lassen ihre positiven Perspektiven nicht aufhalten.“



Zum Abschluss konnten wir uns am Freitag entscheiden zwischen einer Exkursion zu IFE Eriksen AG , einem Betreiber und Entwickler von Wind- und Solarparks, oder zu den Stadtwerken in Prenzlau. Hinterher haben sich die beiden Gruppen in Schwedt wiedergetroffen, um gemeinsam die PCK Raffinerie GmbH zu besichtigen. Hierfür stiegen wir in einen Reisebus und wurden wie in einer Stadtführung über das Gelände kutschiert und haben allerlei Infos über die Raffinerie bekommen, zum Beispiel, dass die Fläche des Geländes größer ist, als die ganze Stadt Schwedt.

Mit dieser Methode können wirklich alle Teilnehmer zuhören, nicht nur die in der ersten Reihe.

Die Exkursion endete bei Wind und Wetter mit der Besichtigung einer Windkraftanlage. Das Gelände der Raffinerie haben wir durch die Scheiben eines Reisebusses besichtigt.







Der Gehalt von Schwefel im Dieselkraftstoff ist in den letzten Jahren beachtlich gesunken, wie im Regal ganz oben zu sehen.

Am Ende der Woche hatten wir Leute gehört, die Strommasten bauen, Häuser renovieren, Erdöl verarbeiten und Menschen, die im Sinne der Nachhaltigkeit forschen und lehren. Letztendlich war für uns Studierende zu sehen, dass sich die Menschen auch außerhalb unserer Ökoinsel der Klimaprobleme bewusst sind und Lösungen suchen.

Die Studierenden waren froh über die Abwechslung. „Es ist immer sehr positiv, wenn es auch mal andere Meinungen gibt“, meint Alexander Pfafferot. Daniel Glaser hingegen findet, dass es ruhig noch mehr kontroverse, kritische Stimmen hätte geben können. Auch Adrian Polak hätte sich über eine Podiumsdiskussion zwischen den Vortragenden mit kontroversen Meinungen gefreut.


Herr Piorr denkt, dass es mehr Blockwochen geben sollte, um mehr Zeit für neue Lernformate zu nutzen. „Hier haben die Studierenden die Chance nachhaltig zu lernen und ihre Interessen fundiert zu entwickeln.“ Deshalb wurde die Konferenz 2013 mit dem Landeslehrpreis ausgezeichnet. Bei dem Modul können Studierende sich, je nach Studiengang, bis zu 6 ECTS holen. Im nächsten Jahr soll die MCCC vom dritten bis siebten Dezember stattfinden. Und wir sollten sicherlich angesichts der Bedeutung des Klimawandels das Angebot von Herrn Piorr („in spätestens 10 Jahren haben wir die globale 2°C mit den derzeitigen CO2-Emissionen erreicht“) wahrnehmen, eine Vertiefung z.B. in Diskussionsveranstaltungen zum Thema vorzunehmen – denn die Zeit drängt.