Ackerdemiker*innen berichten aus der Blockwoche #2 Existenzen gründen

Ein Beitrag von Tom Hollander


Einmal im Semester haben wir an der HNEE eine ganz besondere Woche – die Blockwoche. Fünf Tage am Stück haben Studierende und Dozierende Zeit und Raum, sich einem konkreten Thema zu widmen. Aus 90 Minuten wöchentlicher Lehrveranstaltung werden eine Woche geblockte Lehrveranstaltung 9 to 5.


In unserer diesjährigen Winterblockwoche (4. Dezember bis 8. Dezember) haben wir von ackerdemiker.in die Modulteilnehmer*innen gebeten, uns Einblicke in ihre persönlichen Erfahrungen der Blockwoche zu geben. Den zweiten, folgenden Bericht, hat Tom Hollander, ÖAMer, aus dem  Modul Existenzgründung in der Landwirtschaft verfasst.


Fast selbst ist der Mensch!

Seminare sind ja ein Mikrokosmos. Beziehungsweise kann der entstehen, wenn unterschiedliche Teilnehmer*innen aufeinander stoßen und merken, dass ihre vermeintlich höchstpersönlichen Themen und Fragen auch noch andere umtreiben. Diese Weitung des Horizonts und eine Verbundenheit mit Gleichgesinnten schaffen einen sozialen Schmelzpunkt, sie beflügeln, hinterlassen Schlüsselerlebnisse. Ich persönlich lernte meine erste Freundin auf einem Seminar kennen und auf einem Zweiten kamen wir zusammen. Denselben Effekt erzielen bei anderen Menschen Festivals, Kreuzfahrten  oder Betriebsausflüge.


Dieses spezielle Seminar stellte die Teilnehmer*innen vor die EINE Frage im Leben einer Bäuerin oder eines Bauers, wichtiger noch als „Wer bin ich“, „Was baue ich an“ oder „Welche Farbe hat mein Traktor?“. Unter dem vielversprechenden Titel „Existenzgründung in der Landwirtschaft“ hatten Dr. Marianne Nobelmann und Matthias Zaiser, landwirtschaftlicher Berater, eine Lernreise zu den vielen Stationen einer Gründung vorbereitet, zur Idee, zu den menschlichen Konstellationen, zur Finanzierung, zu Unterstützungsmöglichkeiten.


Diese Reise startete am Montag der Blockwoche mit der Person der möglichen Gründerin. Was ich kann und weiß, was mir wichtig ist im Berufsleben, gibt auch für eine Gründung den Rahmen vor. In der Organisations- und Arbeitspsychologie hat Edgar Schein dazu den chicen Begriff „Karriereanker“ geprägt, nebst dazugehörigem Konzept. Und auch Zweifel an den eigenen Fähigkeiten begleiten die allermeisten von uns durchs Leben, da kann es hilfreich sein, einen Schritt von sich zurückzutreten um einzuschätzen ob „Das mit der Gründung“ klappen kann.


Sarah Spindler, ÖLV Alumna sagt von sich selbst, sie sei oft unsicher und tue sich schwer mit Entscheidungen. Trotzdem ist sie vor kurzem mit ihrem Mann bei einer befreundeten Bäuerin in den Karolinenhof nahe Oranienburg eingestiegen. Am Dienstag erzählte sie uns sehr offen von ihrer Freude an dem Hof, der Arbeit und der Gemeinschaft. Und wie bei einer Autorenlesung oder einem Wahlkampfauftritt überfiel mich auch bei dieser Begegnung eine angenehme Bewunderung: Es ist die Begegnung mit der eigenen, möglichen Zukunft. Ich sehe mich selbst in diesem Moment als der Gründer eines Hofes, erzählend von Brennnesseln und ihren vielfältigen Vermarktungsmöglichkeiten. Wenn ich dann ganz leise bin, innerlich meine ich, spüre ich, ob das Bild stimmig ist, oder ob ich mir nur – wie früher an Weihnachten – etwas wünsche, womit ich dann doch nicht spielen werde.


Auch Matthias Zaiser war voll des Lobes über dieses geglückte Beispiel einer außerfamiliären Hofübergabe: „Gründung kommt vom Machen. Wenn man nur lange genug überlegt, findet sich immer ein Grund, warum es nicht klappt.“ Er sagte das viel schwäbischer, mit einem Stoppelbart, der im Laufe der Woche immer länger wurde. Wäre


ich eine Frau, ich hätte mich bestimmt in ihn verguckt, zwecks Seminar und so. 

Das am Samstag nach der Blockwoche bei uns keine neuen Pärchen zu verzeichnen waren lag sicher daran, dass der Großteil sich eh schon kannte, weil fast alle Teilnehmer*innen ÖLV im fünften Semester studierten. Einige wenige ÖAMer waren auch darunter. Und es war ja kein richtiges Seminar, keines mit Hochbetten und morgendlichem Stau vor den Duschen. Abends fuhren alle wieder brav nach Hause und konnten nicht noch bis tief in die Nacht mit immer denselben neuen Freund*innen über Vor- und Nachteile einer Gründung durch Gemeinschaften oder Einzelne diskutieren. Für einige bot jedoch gewiss die ausgiebige Mittagspause auf dem Weihnachtsmarkt genau für diese Gespräche Gelegenheit.


Donnerstag = Wandertag


Donnerstag ging es dann auf große Fahrt in die Tiefen der Brandenburgischen Agrarlandschaft (Spreewald). Auf Gut Ogrosen lernten wir ein weiteres junges Gründerpaar kennen, welche vor einiger Zeit eine 80-köpfige Ziegenherd


e mit kleiner Käserei übernahmen. Dabei wurde deutlich, wie sehr die Rahmenbedingungen einer Gründung die Entwicklung des jeweiligen Unternehmens lenken. Die Ausgangslage Sarah Spindlers auf dem Karolinenhof ist kaum mit jener der neuen Ziegenbauern ÖLV Alumni Janine und ihrem Ehemann Tobias auf Ogrosen zu vergleichen. Das Gut Ogrosen ist eine Höfegemeinschaft, Gebäude und Flächen werden gepachtet und es besteht kein akuter Anlass für Erneuerungen und Umbauten, die Herde passt zu der Größe der Käserei, was will mensch mehr?




Ein ganz anderes Bild erwartete uns beim Betriebsbesuch Nummer zwei auf das Landgut Pretschen, ein großer, spezialisierter Demeter-Betrieb mit Milchvieh, Chicoréetreiberei und bombastischem Gewächshaus. Der Betriebsleiter, Sascha Phillipp, hatte mit siebenundzwanzig Jahren zuversichtlich einen Betrieb gekauft, auf dem er in den ersten Monaten lediglich am Wochenende und in den Schulferien vorbeischaute.

Nach eine


r wirtschaftlich sportlichen Eingewöhnungsphase von wenigen Jahren baute er aus dem Stand ein für die R


egion sehr großes Gewächshaus. Zwei Jahre mit starken Wetterkapriolen und Anfangsschwierigkeiten unter Glas hätten dabei fast den Ruin bedeutet, konnten aber letztlich durchstanden werden. Gründung, das kam in allen unseren Nachfragen an die verschiedenen Betriebsleiter*innen immer wieder zum Vorschein, ist gerade in der Phase der Unentschlossenheit mit dem Gedanken an ein mögliches Scheitern der Unternehmung verbunden.


Mein persönliches Fazit



Am Montag Abend dachte ich mir: Du wirst nicht gründen, du wirst dich schön irgendwo anstellen lassen und Trecker fahren, ein bisschen Geld sparen und dann, wenn sich die Gelegenheit bietet, irgendwo einsteigen. Am Mittwoch dachte ich mir: Ich würde das gar nicht schaffen, jeden Tag so viel arbeiten. Allerdings in der Ernte, da habe ich das auch geschafft. Aber der Papierkram… na, den gibt es in der Uni auch. Und ich will eigentlich nicht auf einer großen Maschine sitzen und Diesel verbrennen, nur damit in der nächsten Großstadt irgendein*e Konsument*in meine viel zu billigen Tomaten verschimmelt aus dem Kühlschrank holt, weil er/sie generell zu viel einkauft. Dann lieber mein eigener Herr sein, selber machen, klein strukturierte Landwirtschaft wächst schließlich nicht im Jobcenter.


Aber kann ich das eigentlich?

Das Schöne an dieser Welt ist ja, dass sie gar nicht so kompliziert scheint wie sie ist. Oder vielleicht ist das auch das Schöne am Menschen, ich vergesse es immer. Nach dem Seminar bin ich mir immer noch nicht sicher, ob und wie und wann ich gründen werde. Aber die Beschäftigung mit einem Thema bewirkt, dass sich etwas in mir bewegt, verändert, agiler wird. Die Gründung ist dann nur (doch) noch einer der möglichen Schritte auf einem Weg und nicht mehr das unerreichbare Ziel, das Wolkenschloss, der Goldtopf unter dem Regenbogen. Mit etwas Glück und etwas Hilfe kann sie gelingen.