And the Johannes-Schubert-Preis goes to Nadin Edinger

Ein Gastbeitrag von Siegfried Rieger


Am 10. November 2020 wurden zwei Abschlussarbeiten mit dem Preis der Johannes-Schubert-Stiftung prämiert. Unter den ausgezeichneten Arbeiten befindet sich auch eine Bachelorarbeit über drei besenderte Wölfe in Deutschland.


vlnr: Wolfsfähe Gulliwisch (ID1), Wolfsrüde Boris (ID3) und Wolfsrüde Gustav (ID4) - Fotos: FWWJ


Die LaNu-Absolventin Nadin Edinger schrieb 2019 ihre jüngst ausgezeichnete Bachelorarbeit zum Thema „Raumnutzung sendermarkierter, freilebender Wölfe in Brandenburg und Sachsen-Anhalt (Deutschland)“ im Fachgebiet Wildbiologie, Wildtiermanagement und Jagdbetriebskunde (FWWJ) bei Prof. Dr. Siegfried Rieger und Dr. Frank-Uwe Michler.

In ihrer Arbeit werden Fragen zum Raumnutzungs-, Raum-Zeit- und Abwanderungsverhalten des Europäischen Grauwolfes (Canis lupus lupus L., 1758) in Deutschland behandelt. „Die vorliegende Bachelorarbeit leiste damit einen wesentlichen Forschungsbeitrag zum Verständnis des Raumverhaltens von Wölfen in der intensiv genutzten Kulturlandschaft Deutschlands, denn es liegen bisher nur wenige Ergebnisse darüber vor.“, heißt es in der Laudatio zur Wolfsarbeit.


Warum eine Arbeit über Wölfe?

Nadin wusste schon seit dem 2. Semester, dass sie ein wildbiologisches Thema zum Abschluss ihres Studiums in Landschaftsnutzung und Naturschutz bearbeiten wollte. Die Erfahrungen während ihres Praxissemesters in der Döberitzer Heide, wo sie in einem Promotionsprojekt an Wisenten und Przewalski-Pferden forschen durfte, bestärkten sie zusätzlich darin. Im 5. Semester wurde sie auf die Themenschwerpunkte des FWWJ an unserer Hochschule aufmerksam. - „Ich habe mich quasi sofort bei Herrn Rieger und Herrn Michler gemeldet, um die möglichen Bearbeitungsthemen zu besprechen. Das genaue Thema war dann ziemlich schnell gefunden. Natürlich hatte ich gewissen Respekt vor den zahlreichen Herausforderungen, aber es war mir ein großes Anliegen sachlich valide Informationen zur Raumnutzung der Wölfe in Deutschland beitragen zu können.“


Wie wurden die Bewegungsdaten der Wölfe erhoben?

Die drei untersuchten Wölfe wurden auf Flächen der DBU Naturerbe GmbH in Sachsen-Anhalt von Mitarbeitern des FWWJ gefangen, untersucht und mit Senderhalsbändern ausgestattet. Die Halsbänder erfassen regelmäßig, neben anderen Parametern, die jeweilige Position des Tieres. Die erhobenen Telemetriedaten lagen zu Beginn der Analysen in tabellarischer Form vor. „Es standen mir insgesamt 1.073 Telemetrietage mit 23.501 Ortungen zur Analyse zur Verfügung. Ab Mai 2019 befasste ich mich mit verschiedenen Analyse- und Darstellungsprogrammen, um meine Fragestellungen zielführend zu bearbeiten.“, schreibt Nadin. „Ich habe bei der Datenanalyse mit vier verschiedenen Programmen gearbeitet. So wurden zum Beispiel im Programm Ranges alle Streifgebietsgrößen berechnet und in ArcMap kartografisch dargestellt. Mit dem Programm RStudio wurde die lokale Uhrzeit der Ortungen in die sogenannte „Sonnenzeit“ umgerechnet, um eine genaue Unterscheidung zwischen Tag- und Nachtzeit für weitergehende Analysen vorzunehmen.“


Was wurde anhand der Telemetriedaten über die Wölfe herausgefunden?

„Bei der Menge an analysierten Daten entstanden verständlicherweise sehr viele Ergebnisse zum Raumverhalten der drei Wölfe. Jedes Tier wies für sich allein schon spannende Aspekte auf und die Betrachtung dieser im Vergleich erbrachte weitere Erkenntnisse.“, erklärt Nadin. „Sehr spannend sind die Ergebnisse von zwei abwandernden Jungwölfen, die unterschiedliche Abwanderungsstrategien aufwiesen.“


Der junge Wolfsrüde „Gustav“ alias ID4 wanderte bereits im 11. Lebensmonat zielgerichtet aus seinem elterlichen Territorium in der Oranienbaumer Heide (OH) ab. Seine Wanderschaft (Dismigrationsphase) führte ihn durch fast alle Bundesländer Norddeutschlands von der OH in Sachsen-Anhalt losgehend in Richtung Norden bis zur Ostseeküste bei Rostock, zurück an die Müritz, anschließend gen Westen an der Hansestadt Hamburg vorbei bis zur Nordseeküste bei Husum und dann in östliche Richtung quer durch Deutschland bis auf die polnische Seite der Oder bei Schwedt. „Währenddessen wies Gustav eine erstaunlich hohe Laufleistung auf. Im Durchschnitt legte er innerhalb der Abwanderungsphase 33 Kilometer am Tag zurück. Der Rekord lag sogar bei 97 Kilometern binnen 24 Stunden. Er überquerte 27 Mal Autobahnen und 110 Mal Bundesstraßen. Auch große Wasserstraßen wie Elbe, Nord-Ostsee-Kanal und Oder stellten kein Hindernis für ihn dar, denn Wölfe sind sehr gute Schwimmer. Auf der polnischen Seite der Oder schien sich Gustav noch während meines Analysezeitraumes zu etablieren, nach einer zurückgelegten Strecke von mindestens 1.620 Kilometern und in rund 200 Kilometern Entfernung zum elterlichen Territorium.“

Wanderbewegungen des Wolfsrüde „Gustav“ alias ID4


Die junge Wolfsfähe „Gulliwisch“ alias ID1 hingegen führte vor ihrer endgültigen Abwanderung aus dem elterlichen Territorium in der Glücksburger Heide (GH) insgesamt vier Exkursionen in die umliegenden Gebiete durch. Die erste Exkursion begann Gulliwisch erst im 18. Lebensmonat. Nach jeder dieser Exkursionen kehrte sie jedoch in das elterliche und somit gewohnte Territorium zurück. Während der Abwanderungsphase lief sie durchschnittlich 20 Kilometer am Tag. Ihr Laufrekord binnen 24 Stunden lag bei 62 Kilometern. Erst in ihrem 22. Lebensmonat fand sie ein geeignetes Territorium und einen Wolfsrüden. Bei Bad Liebenwerda wurde sie schließlich in rund 60 Kilometern Entfernung zur GH sesshaft. „Diese unterschiedlichen Strategien der Abwanderung bestätigen die Vermutung einer anderen Studie, dass mit zunehmenden Alter des Wolfes von einer abnehmenden Laufleistung und der Besetzung eines neuen Territoriums in der näheren Umgebung zum Elternterritorium ausgegangen werden kann.“ schreibt Nadin.

Wanderbewegungen der Wolfsfähe „Gulliwisch“ alias ID1


Die bemerkenswerte Geschichte vom dritten Wolf, dem Wolfsrüden „Boris“ alias ID3, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Boris wies nämlich ein erstaunlich großes Gesamtstreifgebiet (428 Quadratkilometer , 95er-Kernel) in der Umgebung von Treuenbrietzen auf. Der Wolfsrüde wurde zwar in der Glücksburger Heide (GH) im Januar 2018 gefangen und besendert, war jedoch nicht in dem dort ansässigen Rudel etabliert. Die Telemetriedaten verrieten, dass er Exkursionen in die GH durchführte. Innerhalb seines Streifgebietes lagen mindestens drei weitere Wolfsvorkommen, in die er im Frühling und Sommer 2018 gelegentlich lief. Es schien als würde Boris in einer Art Warteposition sein und regelmäßig in den anderen Territorien nachsehen, ob sich eine Möglichkeit ergibt, Anschluss zu finden. Vom Sommer zum Herbst 2018 verlagerte der Rüde schließlich sein Streifgebiet in westliche Richtung direkt in das Territorium des Wolfsrudels Treuenbrietzen. Es stand die Vermutung nahe, dass Boris den Platz des adulten Wolfsrüden in diesem Rudel eingenommen hat. Anhand von Fotofallenbildern und genetischen Analysen konnte ein Jahr später bestätigt werden, dass Boris sich mit einer Fähe aus Treuenbrietzen verpaart hat und Ende April/Anfang Mai 2019 Vater von vier Welpen wurde.

Wanderbewegungen des Wolfsrüden „Boris“ alias ID3


Was macht Nadin heute?

„Ich befinde mich momentan im 1. Semester Regionalentwicklung und Naturschutz (RuN). Außerdem habe ich seit dem Frühjahr eine kleine Arbeitsstelle beim FWWJ, die für mich sehr lehrreich und spannend ist.“ schreibt Nadin. Zu den Wölfen gibt es noch Aktuelles zu berichten: „Zwei der Wölfe sind heute nicht mehr am Sender. Aus dem aktuellen Fotofallen-Monitoring geht hervor, dass sich Boris weiterhin in der Nähe von Treuenbrietzen in Südbrandenburg aufhält und in diesem Jahr vermutlich wieder Vater geworden ist. Über die Wolfsfähe Gulliwisch liegen mir leider keine aktuellen Informationen vor. Der Wolfsrüde Gustav sendet weiterhin kontinuierlich seine Positionsdaten. Er hält sich allerdings nicht mehr auf der polnischen Seite der Oder in der Nähe von Schwedt auf, sondern ist in diesem Frühjahr in nordöstliche Richtung erneut auf Wanderschaft gegangen. Mittlerweile lebt er seit etwa sechs Monaten an der polnischen Ostseeküste in der Nähe von Danzig. Es bleibt spannend!“