Die grünen Braunen: Workshop zum Thema Rechtsextremismus und Naturschutz

"Menschen, die ein eigenes Stück Land bearbeiten geht es besser und viele von ihnen leben auch länger.“ Ein eigenes Stück Land ökologisch zu bearbeiten, sei es ein Garten oder Ackerflächen, davon träumen so einige an der HNEE. Viele von uns würden wahrscheinlich davon ausgehen, dass wir es bei dem Zitat mit gleichgesinnten Menschen zu tun haben, die ein naturverbundenes Leben anstreben. Aber schon mal von der Anastasia Bewegung gehört?


Eine demokratiefeindliche Bewegung, die ursprünglich aus Russland kommt, ist derzeit in Brandenburg und in strukturschwachen Gegenden in Deutschland auf dem Vormarsch. Ihr Ziel ist es, Familienlandsitze und Ökodörfer zu gründen und diese autark mit ökologischem Landbau zu betreiben. Momentan gibt es in Deutschland ca. 20 Siedlungen dieser Art. Auf den ersten Blick wirken die Ökodörfer wie Gemeinschaften aus freundlichen Hippies und harmlosen Aussteigern. Doch beim genaueren Hinsehen fällt auf, dass der Bewegung ausgeprägter Antisemitismus und Antifeminismus zu Grunde liegt.


Um demokratiefeindliche und menschenverachtende Ideologien und Denkmuster im Natur- und Umweltschutz zu identifizieren, veranstaltete die Friedrich-Ebert-Stiftung am 30. April 2021 den Online-Workshop „Rechtsextremismus und Naturschutz“. Denn immer wieder kommt es vor, dass demokratische Akteur*innen des Natur- und Umweltschutzes sowie des ökologischen Landbaus mit Kooperationsanfragen, Vereinnahmungsstrategien und Unterwanderungsversuchen von rechts konfrontiert werden. Studierende berichten davon, dass sie auf der Suche nach einem Praktikumsplatz plötzlich bei braunen Ökos landen und mit rechtem Gedankengut konfrontiert werden. Das Seminar gab Antworten darauf, welche Beweggründe extrem rechte Akteur*innen haben, sich in diesen Themenfeldern zu engagieren und welche Ziele sie verfolgen.


Foto Credits: NaturFreunde Deutschlands



Geschichte des deutschen Naturschutzes kennen


Natur- und Umweltschutz wird in der Öffentlichkeit meist als eine junge Bewegung wahrgenommen und mit alternativen Lebensstilen, liberalen Werten und linkspolitischen Strömungen verbunden. Die mehr als 100-jährige Geschichte des deutschen Naturschutzes, die immer wieder auch Verknüpfungen und Überschneidungen mit nationalchauvinistischen und völkischen Ideen und Strömungen aufweist, ist kaum präsent. Auch die Verstrickungen des deutschen Natur- und Umweltschutzes mit den Schrecken des Faschismus sind in der Öffentlichkeit wenig bekannt.


In der NS-Ideologie war der Naturbegriff geodeterministisch geprägt. Natur wurde primär als Lebensraum für das „Volk“ gesehen und von dessen Kultur überformt. So wurden Landschaften zum vermeintlich sichtbaren Ausdruck völkischer Kultur. Personelle und ideologische Kontinuitäten bis hinein in den bundesrepublikanischen Naturschutz sind in großer Zahl vorhanden. Konrad Lorenz, Reinhold Tüxen, Heinrich Wiepking-Jürgensmann und Alwin Seifert sind nur einige Beispiele. Eine systematische Aufarbeitung hat bis heute nicht stattgefunden.



Die Motivation für Naturschutz ist ausschlaggebend


Auch heutzutage engagieren sich extrem rechte Einzelpersonen und Gruppierungen im Natur- und Umweltschutz. Sie wehren sich gegen Gentechnik und Atomenergie. Wir begegnen ihnen auf Demonstrationen gegen Freihandelsabkommen und gegen eine ausbeuterische industrialisierte Landwirtschaft. Tatsächlich decken sich manche Forderungen der grünen Braunen mit denen von (Jugend-) Umweltverbänden und Naturschutzorganisationen, die Herleitungen und Begründungen unterscheiden sich jedoch deutlich! So ist der rechte Natur- und Umweltschutz stets verknüpft mit rassistischen, biologistischen und völkischen Ideen – etwa mit den Neu-Rechten-Konzepten vom „Ethnopluralismus“ oder der „Umvolkung“. Hier geht es immer auch um die Ideen von „angestammten Territorien der Völker“, um die „Reinhaltung“ von Staaten und Gesellschaften, um die „Verteidigung des Eigenen“ und schließlich auch um Remigration und Schutz der Grenzen.


Unter dem Motto „Umweltschutz ist Heimatschutz“ gehen rechtsextremistische Parteien wie die NPD, DVU, Republikaner, Die Rechte oder Der III. Weg auf Stimmenfang. Beim Kampf um den Hambacher Forst stellte sich z.B. die AfD auf die Seite der Waldbesetzer*innen und sprach sich gegen eine Rodung aus. Die Jugendbewegung der Neuen Rechten, Die Identitäre Bewegung (IB) formuliert Sätze wie „Bäume haben Wurzeln, Menschen auch“ und meint damit den Erhalt der ethnokulturellen Identität und die Verteidigung des Eigenen.


Die bereits erwähnte Anastasia Bewegung geht auf die zehnteilige Buchreihe des russischen Autors Vladimir Megre zurück „Anastasia und die klingenden Zedern Russlands“. Anastasia ist eine mythische Frauenfigur, die über die Weisheit der Welt verfügt und Anweisungen für ein Leben in Reinheit gibt. Die Bücher beinhalten einen Mix aus Naturreligion, Esoterik, Verschwörungstheorien und Geschichtsrevisionismus. Auf Youtube gibt es einen Kanal namens „L.O.V.E. Productions“ mit Videos, die den Lebensstil der Anastasia-Siedler vorstellen und mit dem Slogan “Living the (R-)evolution“ werben. Meist sind es junge glückliche Paare, die auf dem Land in einer Gemeinschaft im Einklang mit der Natur leben. Das Erziehungsmodell basiert auf einer Reinheitsfantasie, bei der die Kinder rein und unschuldig sind und diese Reinheit nur ohne staatliche Lehre und in freier Natur erhalten werden kann.



Wachsam bleiben


Im Seminar haben wir auch verschieden Szenarien durchgespielt wie wir uns in Situationen verhalten würden in denen wir mit rechten Gruppierungen in Kontakt kommen. Darauf aufbauend haben wir mögliche Handlungsoptionen im Sinne einer Prävention und Intervention erarbeitet und diskutiert.


Also: Augen auf, kritisch bleiben und gut informieren auf welche „Ökos“ ihr euch einlasst. Und wenn euch etwas komisch vorkommt, dann klare Kante zeigen und euch von rechtsextremem Gedankengut deutlich distanzieren. Für eine offene Gesellschaft in der Stadt und auf dem Land!


Durchgeführt wurde der Workshop von der Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN). FARN wurde 2017 von den NaturFreunden gegründet und untersucht die historischen und aktuellen Verknüpfungen des deutschen Natur- und Umweltschutzes mit extrem rechten und völkischen Strömungen. Einige Inhalte dieses Artikels wurden von der Website und der Präsentation von FARN übernommen.