Die Welt ernähren, ohne sie zu zerstören


Der Prüfungen auf Stadt- und Waldcampus sind in vollem Gange. Kurz vorher hat unsere Bloggerin Steffi sich auf den Weg nach Berlin gemacht und die World Food Convention 2018 besucht. Für ackerdemiker.in berichtet sie davon.


In nicht allzu ferner Zukunft werden wir uns unseren Planeten mit neun Milliarden anderen Menschen teilen. So die Prognosen. Wie können sie alle täglich gesund essen, satt werden, ohne die Umwelt weiter zu zerstören, ohne Böden zu vergiften, ohne auf periodische Hungerkatastrophen zuzusteuern? Ist das überhaupt möglich?


Es ist möglich, da waren sich viele Teilnehmer*innen der Berliner World Food Convention Ende Juni einig. Der Tagesspiegel organisierte diese zweisprachige Diskussionsplattform, auf der Vertreter*innen von Politik, Wissenschaft, Industrie, NGOs, Besucher*innen und Selbermacher*innen zusammentrafen.


In Deutschland werden jährlich pro Kopf etwa 80 Kilogramm Lebensmittel weggschmissen. In Industrienationen landen 30 Prozent der Nahrungsmittel in der Tonne, sagten Bundesentwicklungsminister Gerd Müller und Grünenpolitiker Anton Hofreiter. Der Überfluss, in dem wir leben, könnte schon heute neun, zehn, womöglich sogar noch mehr Milliarden Menschen ernähren – wenn er nur gerechter verteilt wäre. Wir brauchen eine internationale Agrarwende, fasste Gerd Müller schnell klipp und klar zusammen.

Wie die konventionelle Landwirtschaft in vielen Teilen der Welt mit den Schutzgütern Gesundheit, Boden, Wasser, Luft umgeht, wurde diskutiert – etwa unter den Stichworten Glyphosat oder Genetisch veränderte Organismen (GVO).

Von beidem sind längst ganze Systeme anhängig. Gen-Soja mästet die Schweine der sogenannten entwickelten Länder. Wir bekommen vergleichsweise extrem günstige Lebensmittel. Deren wahre Kosten werden externalisiert, also umgeschlagen auf unsere Gesundheit, andere Länder, andere Generationen nach uns. Wir produzieren „konventionell“ zu einem hohen Preis, meinte ein Biolandwirt aus dem Publikum.


#goldigeaussichten?

„Goldener Reis“ mit gelben Körnern enthält Betacarotin; er wurde im Labor entwickelt, um den Vitamin-A-Mangel in asiatischen und afrikanischen Ländern zu beheben, wo sich viele Menschen vielleicht nur eine Portion Reis am Tag leisten können. Können neueste Technologien also einen Wandel bringen? Machen sie es möglich, alle Menschen satt zu bekommen und gesund zu halten? Wir brauchen neue Technologien, Gen-Pflanzen seien die Zukunft, sagte Volker Koch-Achelpöhler, der das EU-Verbindungsbüro der BAYER-AG in Brüssel leitet. Es seien etwa Kulturpflanzen denkbar, die auch auf versalzenen Böden gedeihen oder mit Dürreperioden besser zurechtkommen. Ist es nicht das, was der Klimawandel zwingend notwendig macht?

GVOs sind spannend im Reagenzglas, im Labor, aber sie haben nichts in Ökosystemen verloren, positionierte sich Anton Hofreiter. Er gab ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man sie ins Freiland entlässt: In Kanada etwa kreuzte sich angebauter Gen-Raps mit heimischen Kreuzblütlern. Es entstanden Superunkräuter, die kaum mehr in den Griff zu bekommen sind.

Glyphosat-resistent gezüchtete Feldfrüchte ermöglichen inzwischen einen massiven Einsatz des Totalherbizids. Darüber freuen sich natürlich die Konzerne, die es produzieren.

Kann ökologischer Landbau, auch wenn er sie nicht zerstört, die Welt ernähren? Biobäuerinnen und -bauern würden nur 50-70 Prozent dessen ernten können, was konventionelle Bauern einfahren, lautete ein Argument. Anton Hofreiter hielt dagegen: Es gäbe längst hocheffektive, erfolgreiche ökologische Anbauverfahren. Die müssten weiter entwickelt und ausgebaut werden. Wir brauchen Innovationen, vor allem für Biolandwirt*innen, war sich Hofreiter sicher. Aber wir dürften uns nicht in die Technik retten und etwa politische Probleme vergessen. Die besten Innovationen helfen nicht, wenn Krieg und Armut die Ernten vernichten. Die Armut sei auch unseren unfairen Handelsbeziehungen geschuldet. Deutschland exportiert billige Geflügelteile nach Afrika, die dort die lokalen Preise drücken. Ansässige Bauern können ihre Produkte zu gewohnten Preisen nicht mehr verkaufen.


#„We know what to do. But we don’t know how to get re-elected until it’s done.”

Ein Leiter des International Center for Tropical Agriculture, Dr. Debisi Araba, gab einen Einblick, welche Art von Technologie die Landwirtschaft in Afrika in Zukunft revolutionieren könnte.

Er hofft, dass die Digitalisierung eine gute Vernetzung von Kleinbäuerinnen und –bauern ermöglicht. So sollen sie untereinander Kontakt halten und sich etwa über Marktpreise informieren können. Denn gerade auf sie kommt es an, die sogenannten Smallholder, von denen es in Afrika und Asien bis 2050 noch geschätzte zwei Milliarden mehr geben wird. Sie sollen Angaben über sich in Datenbanken einspeisen und so eine zielgruppenspezifische Ansprache ermöglichen. Zum Beispiel, wenn sie Bescheid bekommen, ob und wann sie welche Subventionen erhalten.

Was wohl deutsche Datenschutzbeauftragte dazu sagen würden?

Für Open-Source-Daten sprach sich auch Professor Joachim Hertzberg vom Osnabrücker Institut für Informatik aus, und Dr. Arif Husain vom UN-World Food Programme. Er fasste in drei Worten auch einen fatalen weltweiten Trend zusammen: „We eat more.“ Tatsächlich. Unglaubliche zwei Milliarden Menschen sind übergewichtig, während immer noch eine knappe Milliarde hungert. Und, so Husain, weltweit bekommen wir mehr und mehr das selbe Angebot; in jedem Hotel kann man Spiegelei und Schinken bekommen, Chips und ein dunkelbraunes, süßes kohlensäurehaltiges Getränk werden in den entlegensten Winkeln der Erde konsumiert. Wir dürfen die Menschen nicht entfremden von ihren natürlichen Ernährungsgewohnheiten, die sie über Jahrhunderte entwickelt haben, sagte Gerd Müller. Wir brauchen faire Preise für Lebensmittel, mit einer Einpreisung des Kapitals der Natur. Wir müssen über Grenzen hinausdenken.


Was bewirkt unser Schnitzel auf dem Teller? Jedes Mal, wenn wir Hunger haben, haben wir selbst in der Hand zu entscheiden, ob wir nun weitere Regenwaldrodung, mehr Pestizide und Kunstdünger unterstützen. Oder vielleicht Biodiversität.

Die größte Marktmacht liegt am Ende der Kette, sagte Stefanie Sabet von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. Es sei ja auch schon ein Trend zu Qualität statt Quantität erkennbar, aber eben noch nicht beim Großteil der Konsument*innen.

Wir brauchen wieder eine bewusste Esskultur, meinte jemand aus dem Publikum. Essen muss wieder stärker in unser Bewusstsein rücken. Kinder bekämen heute nicht die Aufklärung zu Lebensmitteln, die sie bräuchten.


Reden ist Silber, Handeln ist Gold. Was also ist machbar? Start-Up-Gründer*innen stellten zum Ende der Veranstaltung ihre Projekte vor.

Zum Beispiel Natalie Kirchbaumer, eine Gründerin von meine ernte. Sie sagte, Menschen hätte die Verbindung zu ihrem Essen verloren. Ihr Start-Up möchte deutschlandweit auch Städter*innen ermöglichen, selbst zu ackern, ihre Lebensmittel eigenhändig zu pflegen und zu ernten.

Ebenso die Marktschwärmer , die Kund*innen in Europa mit regionalen Erzeuger*innen vernetzten. Innovativ kam auch Monitor Fish daher. Die Gründer wollen über eine Software die Fischgesundheit in Aquakulturen verbessern. Stenon ermöglicht es Landwirt*innen, ihren Ackerboden genau zu untersuchen. Goodforgrowth, bereits mit eigenen Marken in Supermarktregalen vertreten, möchte vor allem Kindern Obst und Gemüse schmackhaft machen. Damit die kommende Generation besser is(s)t. Gründerin Natacha Neumann meinte, der Grund für die vielen hochverarbeiteten, verpackten Produkte in den Läden sei, dass die Menschen die Kunst des Kochens verlernt haben.


#cookmal

Gekocht wurde übrigens auch, damit die Convention-Teilnehmer*innen nicht verhungert von ihren Stühlen kippten. Und siehe da, es war möglich, mit vegetarischen und veganen Leckereien aus vorwiegend regionalen Produkten alle satt und ziemlich zufrieden zu bekommen. An die Mittagspause schlossen sich noch einige Stunden mit spannenden Vorträgen und Diskussionsrunden an.


Auch Dr. Gunhild Stordalen, Gründerin der EAT-Foundation, schwärmte von einer gesunden, überwiegend pflanzlichen Ernährung. Sie zitierte den Journalist Michael Pollan, der die mögliche Lösung zur Rettung der Erde, unser aller Gesundheit und Ende des Welthungers in acht Worten lieferte:„Eat real food. Not too much. Mostly plants.”


Und wir fassen noch einmal nach LaNu-Manier zusammen: Vermeide Lebensmittelverschwendung und wertschätze jedes Nahrungsmittel, ganz besonders jene , die ökologisch und nachhaltig erzeugt wurden - im Einklang mit Boden und Natur erzeugt und gerecht zu den Menschen auf der ganzen Welt.