Frisch von draußen – Praxisluft schnuppern mit Paul Adam

Das Studium am Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz beginnt mit Vorlesungen, Seminaren und Exkursionen. Je nach Studiengang heißt es dann irgendwann „ab ins Praxissemester“. Wir interviewen in unserer neuen Rubrik „Frisch von draußen“ Studierende, die gerade ihr Praxissemester absolviert haben oder mitten drinstecken, um zu erfahren wie diese aufregende Zeit für sie war/ist.

Foto links: Paul mit Kolleg*innen in der Kühlkammer des GeoForschungsZentrums Potsdam, Foto Mitte: Baumscheibe einer Sibirischen Lärchelarix sibirica mit Feuernarbe, Foto rechts: Paul im Pollenlabor, Foto Credits: Paul Adam


Seit wann und was studierst du in Eberswalde? In welcher Einrichtung hast du dein Praktikum absolviert?

Ich studiere den Bachelor LaNu seit September 2019. Für das Praktikum im dritten Semester war ich zehn Wochen am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Potsdam und vier Wochen an der HNEE.

Warum hast du dich für diese beiden Stellen entschieden?

Die Idee an einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut zu arbeiten kam mir erst nicht in den Sinn, obwohl „Forscher sein“ ein Kindheitstraum von mir ist. Über die Hochschule erfuhr ich dann von einer freien Praktikumsstelle am Alfred-Wegener-Institut, worüber ich mich sehr freute. Das AWI ist ein Institut für Meeres- und Polarforschung, das hauptsächlich Erdsystem- und Klimaforschung betreibt. Ziel ist es, vergangene und zukünftige Veränderungen der globalen Umwelt aus mariner und polarer Perspektive zu entschlüsseln. Besonders spannend am AWI sind die Polarexpeditionen. Über das Praktikum habe ich gehofft meiner ersten Expedition ein Stückchen näher zu kommen. Da die Kapazitäten am AWI nicht ausreichten einen Praktikanten über 14 Wochen zu betreuen, habe ich anschließend an der HNEE gearbeitet. So konnte ich gleich zwei Forschungsinstitute kennenlernen.


In welchem Bereich hast du dort gearbeitet? Was waren deine Aufgaben?

An der Forschungsstelle des AWI in Potsdam werden vorrangig geowissenschaftliche Studien in den Periglazialgebieten am Rand der Inlandeise und in Permafrostregionen betrieben. In meiner Arbeitsgruppe ging es um die Rekonstruktion vergangener Vegetation und Feuerregime. Die wichtigste Informationsquelle zur Rekonstruktion einstiger Umweltsysteme sind Sedimente. Ich konnte den gesamten Ablauf einer Sedimentkernuntersuchung aus einem sibirischen Thermokarstsee begleiten. Für mich war es sehr interessant die verschiedenen Schritte im Labor durchzuführen. Wir haben die Proben zum Beispiel auf Holzkohle und Pollen untersucht und mussten Arbeiten in einer Kühlkammer bei 4 Grad durchführen. Mit den Ergebnissen versucht man Rückschlüsse auf die damalige Vegetation zu ziehen und zu ergründen, was zu Bränden geführt hat, wie diese sich ausgebreitet haben und welche Vegetationsformen brandgefährdet sind. Daraus lassen sich auch Empfehlungen für die heutige Zeit ableiten. Neben der Arbeit im Labor habe ich viel recherchiert, um herauszufinden, welchen Einfluss der Mensch in dieser entlegenen Region hatte, wie die geologischen Gegebenheiten sind, oder ob es Wetteraufzeichnungen in der Nähe gibt. Ich informierte mich zu Methoden der Feuerrekonstruktion und Paläolimnologie (die Lehre von fossilen stehenden Gewässern und Fließgewässern auf dem Festland) und suchte weltweit nach Laboren und Arbeitsgruppen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Zwischendurch kamen immer wieder neue Aufgaben hinzu. Einen Tag schliff und polierte ich sibirische Lärchenbaumscheiben, um Brandnarben zu entdecken und Jahresringe zu zählen. Dann wiederum packte ich riesige Thermokisten mit Ausrüstung für die nächste Expedition.


An der HNEE wurde ich von Dr. Jana Chmieleski und Dr. Olaf Juschus betreut. Ich konnte an einem Schürf an der EUGAL Pipeline in Mecklenburg-Vorpommern teilnehmen und meine Kenntnisse der Bodenkundlichen Kartierung vertiefen. Im Rahmen des Pyrophob Projekts habe ich Saugsonden installiert und Einblicke in die Langzeituntersuchung von Feuer-gestörten Wäldern erhalten. Ich durfte zudem die Lehre von der anderen Seite kennenlernen und eine Gruppe Studierende in Funktion und Handhabung einer Multiparametersonde und anderer limnologischer Gerätschaften einweisen. Bei der Aufbereitung von Felddaten Borkenkäfer-geschädigter Wälder im Elbsandsteingebirge habe ich den Umgang mit dem Grafikprogramm Inkscape und die Bedeutung präziser Aufnahme im Gelände gelernt.


Und was hat dir am meisten Spaß gemacht, was nicht so sehr?

Am besten gefallen hat mir die Struktur der Einrichtung. Jede*r arbeitet sehr selbständig an den eigenen Projekten und es gibt flache Hierarchien. Ich wurde vom Team sehr herzlich aufgenommen und das Arbeitsumfeld ist entspannt. Die Wissenschaftler*innen kommen aus allen Teilen der Welt und es war interessant mit den Kolleg*innen ins Gespräch zu kommen. Es gibt einen regen Austausch zwischen den verschiedenen Abteilungen und Gruppen. Jede Woche findet ein Meeting statt bei dem jede*r den aktuellen Stand der Projekte vorstellt – vom Praktikanten bis zur Projektleitung. So gibt es immer viel direktes Feedback und es finden sich neue Ideen und Lösungsvorschläge.

Mir haben auch die Untersuchungen im Labor Spaß gemacht: die Analyser zu bestücken, die Kohlenstoffwerte herauszufinden und nach Altersspuren zu suchen. Manchmal haben die Aufgaben auch ein bisschen ziellos gewirkt, da ich das Projekt nicht von Anfang bis Ende begleiten konnte und nicht in alle Zusammenhänge eingebunden war. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt die Analyse des Sedimentkerns, den wir in der ersten Woche geöffnet hatten, bis zum Ende des Praktikums abzuschließen. Leider warten wir immer noch auf die Datierung der einzelnen Schichten und konnten unsere Ergebnisse noch nicht auswerten.


Inwiefern war Dein Praktikum hilfreich? Was nimmst du aus dieser Zeit mit?

Die wertvollsten Erfahrungen habe ich tatsächlich im Bereich der Kommunikation sammeln können. Ich habe noch nie so viele E-Mails geschrieben und telefoniert, oder einfach nur Leute angesprochen, um Hilfe oder Rat zu erbitten. Die Reaktionen waren immer positiv. Ich denke auch, dass ich bei weiteren Laborübungen an der Hochschule nun sehr gut aufgestellt bin.

In der kurzen Zeit, die ich am Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz der HNEE arbeiten konnte, habe ich interessante Einblicke in Forschung und Lehre erhalten. Ich habe gelernt, wie viel Freude es machen kann, Wissen mit interessierten Menschen zu teilen.


Wie blickst Du auf den Abschluss Deines Studiums an der HNEE und deine weitere Laufbahn? Kannst du dir vorstellen später in diesem Job zu arbeiten?

Ich bin sehr froh dieses spannende Berufsfeld kennengelernt zu haben. Der wissenschaftliche Prozess ist jedoch sehr langwierig und ich zu ungeduldig dafür. Der Druck zu veröffentlichen, Projekt- und Förderanträge zu erstellen und zu netzwerken ist auch ein bisschen abschreckend. Aber die Aussicht an Expeditionen teilnehmen zu können und dabei zu helfen die Welt begreiflicher und im besten Fall auch etwas besser zu machen, ist sehr attraktiv. An der HNEE zu arbeiten und an einem bestimmten Projekt mitzuforschen kann ich mir auch gut vorstellen.


Angenommen ein*e Studi interessiert sich ebenfalls für die Praktikumsstelle, was wären Deine Hinweise? Was sollte die Person mitbringen, um hier ein erfolgreiches Praktikum zu absolvieren?

Das AWI ist sehr international ausgerichtet und es wird hauptsächlich auf Englisch kommuniziert und berichtet. Ich kann zwar sehr gut Englisch, wünschte mir aber dennoch ich hätte im Vorfeld einen entsprechenden Kurs belegt. Es könnte also hilfreich sein, die Englischkenntnisse aufzufrischen. Wenn man Interesse an Wissenschaft hat, ist das Praktikum auf jeden Fall sehr empfehlenswert. Die Leute sind sehr nett und kollegial, man bekommt eine gute Einweisung und kann sehr viel lernen. Man sollte also das entsprechende Interesse und Aufgeschlossenheit mitbringen.


Vielen Dank für das Interview!