Gemeinsam Zukunft pflanzen

Der regenerativen Landwirtschaft ist Janine Raabe im Studium begegnet. Ökosysteme zu regenerieren und in Kooperation mit der Erde gesunde Lebensmittel zu erzeugen - das ist mittlerweile zu ihrer Leidenschaft und zu ihrem Lebensprojekt geworden. Zusammen mit ihrem Partner und einer Gemeinschaft von motivierten Menschen, unter ihnen auch weitere Alumni der HNEE, hat sie den Hof Lebensberg gegründet.

Wenn alles klappt, wird dort diesen Winter ein essbarer Wald mit ca. 30.000 Bäumen und Sträuchern gepflanzt. Im Interview erzählt sie, wie sie ihre Berufung fand und was sie uns Studis mit auf den Weg gibt.


Fotos: Janine Raabe

Während deines IFEM Studiums an der HNEE hast du dich mit regenerativer Agroforstwirtschaft beschäftigt – was hat dich daran fasziniert?

Im Studium habe ich festgestellt, dass eigentlich alle Ökosysteme der Welt, durch uns Menschen beeinflusst, massive Probleme bekommen. Große Teile der Wälder, die ursprünglich bestanden existieren einfach nicht mehr. Das stellte mich vor die Frage, wie wir das Ruder eigentlich noch herumreißen und als Menschheit wieder auf einen guten Kurs kommen können. Zwischenzeitlich hatte ich Zweifel, ob das überhaupt möglich ist. Diese Zweifel ließen mich beinahe das Studium abbrechen. Nach meiner Reise in Portugal habe ich beschlossen, dass ich nicht alles hinschmeißen möchte und doch noch einmal zurückkehre, um etwas zu finden, was mir sinnvoll erscheint - etwas, das mir das Gefühl gibt, wirklich etwas Positives in die Welt bringen zu können.

Ich bin dann über ein Video von Ernst Götsch gestoßen, der in Brasilien 700 Hektar Regenwald wieder aufgeforstet hat. Das hat mich sehr inspiriert. Ich habe mich bei ihm für ein Praktikum beworben, welches ich zum Glück auch bekam. In den acht Monaten, die ich bei ihm arbeiten konnte, merkte ich: Es gibt tatsächlich eine Möglichkeit, dass wir Menschen komplett degenerierte Ökosysteme wieder regenerieren können, dass wir Flüsse wieder zum Fließen, Quellen wieder zum Sprudeln bringen und den Boden wieder lebendig machen können. Wir können sehr artenreiche, abundante Ökosysteme schaffen, die eine Fülle von landwirtschaftlichen Produkten erzeugen, ohne dabei Raubbau an der Erde zu betreiben.

Ich habe mir gesagt: Das möchte ich gerne auch in Europa machen.

Mittlerweile bist du am Aufbau eines Hofprojekts beteiligt um diese Vision von einer regenerativen Landwirtschaft in die Tat umzusetzen. Wie kam es dazu? Wie ist dein Weg nach dem Studium verlaufen?

Ich bin zurückgekommen um in Holland meine Abschlussarbeit zu schreiben, wo ich auch meinen Partner kennenlernte. Wir haben zusammen mit einer Gruppe einen Waldgarten entworfen und gepflanzt und konnten so weiter in die Thematik der regenerativen Agroforstwirtschaft hineinwachsen, bis wir uns schließlich selbständig machten. Obwohl die Nachfrage nach unserer Arbeit in den Niederlanden recht hoch war, stellten wir fest, dass wir gar nicht unbedingt in Holland bleiben wollten. Wir entschieden uns weiterzuziehen. Kurz haben wir darüber nachgedacht in den Mittelmeerraum zu gehen, wo Aufforstung auch ein sehr wichtiges Thema ist. Da wir zu diesem Zeitpunkt aber auch schon unser erstes Kind und Beratungsprojekte in Deutschland hatten, entschieden wir uns zurück nach Deutschland zu kommen. Es war vor allem der Süden von Deutschland der uns anzog, also machten wir uns mit unserem Bus auf Hofsuche-Tour.

Nach drei Wochen landeten wir auf dem Kahlforster Hof in der Pfalz. Der Besitzer Michael König, den wir zufällig über eine Baumschule kennengelernt hatten, war bereits seit einiger Zeit auf der Suche nach Menschen, die hier einen regenerativen Betrieb aufbauen wollen, da ihn das Thema sehr antreibt.

Der Kahlforster Hof ist ein schöner, alter Hof, der in Alleinlage auf einer Bergkuppe liegt, mit vielen großen Ackerflächen, über die ganz schön der Wind pfeift. Zwei Tage blieben wir dort, um uns mit Michael König und Joachim Böttcher von der Stiftung Lebensraum über unsere Ziele und Visionen auszutauschen – wir merkten, dass diese sehr ähnlich waren. Als Michael uns fragte, ob wir bleiben wollen, sagten wir Ja. Wir haben dann gemeinsam den Entschluss gefasst, dass der Hof in die Hände der gemeinnützigen Stiftung Zukunftsland überführt wird, welche wir gemeinsam gründeten. Michael ist damit einen riesigen Schritt gegangen, den Hof zu stiften und damit über Generationen hinweg seinen Bestand und die die Vision vom Hof Lebensberg zu sichern.

Anfang des Jahres haben wir angefangen eine Hofgemeinschaft zu suchen. Trotz Corona-bedingter Schwierigkeiten sind wir mittlerweile eine Gruppe von ca. 25 Menschen (einer davon ist Valentin Kunze, ein ÖAM-Absolvent) - das ist sehr schön und spannend.

Euer erstes großes Projekt für den Hof Lebensberg soll die Pflanzung eines Agroforsts sein. Was genau macht einen Agroforst eigentlich aus?

Agroforst an sich ist die simple Kombination von Landwirtschaft und Forstwirtschaft. Gehölze werden beispielsweise in den Ackerbau miteingebunden – eine spannende Sache, wenn man sich überlegt, dass eigentlich ganz Mitteleuropa mal bewaldet war und Bäume in unsere Kulturlandschaft gehören.

Wir sprechen bei unserem Ansatz von der regenerativen Agroforstwirtschaft, weil wir nicht nur auf gewinnbringende Kombinationen setzen wie z.B. Wertholz mit Getreide, sondern auch diverse Mischkulturen anpflanzen wollen.

So pflanzen wir zum Beispiel Walnüsse, Haselnüsse, Esskastanien und weitere Nüsse für hochwertige Nahrungsmittel und daneben Pioniergewächse, die den Boden aufbessern und Sträucher, die Blüte tragen sowie tiefwurzelnde Gehölze.

Zwischen den Reihen betreiben wir Ackerbau und zum Teil auch Viehhaltung – das Ganze ist eine Mehrfachnutzung des Geländes. Das Schöne an der Vielfältigkeit des Systems ist, dass die Nutzungen sich gegenseitig unterstützen. Der Laubabwurf der Bäume sorgt dafür, dass der Boden sich verbessert und die Gehölze sorgen für eine tiefe Durchwurzelung. Die Tiere, die auf die Ackerflächen gelassen werden um z.B. Ernterückstände oder Gründüngungen abzugrasen, führen Nährstoffe direkt zurück in den Boden - ohne aufwendige Futter-Mist-Kooperationen.

Und was sind die nächsten Schritte, um diesen Plan in die Tat umzusetzen?

Diesen Winter haben wir das Ziel 30.000 Bäume auf einer Fläche von 11 Hektar zu pflanzen, mit diversen Hecken und Strukturen – insgesamt über 120 Arten. Weil der Boden hier sehr verarmt und verdichtet ist, müssen wir ihn erstmal auf die Pflanzung vorbereiten, z.B. mit Terra Preta. Dies ist eine Art Dauerhumus, welcher über Jahrtausende stabil im Boden verbleibt. Ein wesentlicher Bestandteil davon ist die Biokohle, die durch Mikroorganismen aktiviert wurde. Wir werden Mulchmaterial auf die Baumreihen geben, um sie so vor Dürre und Trockenheit zu schützen. Außerdem spendet der Mulch Lebensraum und Futter für das Bodenleben. Weil die Region hier sehr trocken und niederschlagsarm ist, haben wir eine Tröpfchenbewässerung miteingeplant.

Um das alles und die Verpflegung unserer freiwilligen Helfer*innen zu finanzieren, haben wir eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Wir sind zuversichtlich, dass wir es schaffen, die Gesamtsumme von 175.000 € zu erreichen und somit im Winter mit dem Pflanzen loslegen zu können. Das Schöne ist, dass alle Bäume und Sträucher, die gespendet werden, der gemeinnützigen Stiftung Zukunftsland gehören werden.

Mit der Gründung eines alternativen Landwirtschafts-und Gemeinschaftsprojekts begleitest du einen spannenden und sicher auch teilweise herausfordernden Prozess. Wie hat dein Studium an der HNEE dich dafür vorbereitet? Kannst du aus deinem Wissen aus dem Studium schöpfen?

Ich habe das Gefühl, dass mir das Netzwerk, das ich in Eberswalde aufbauen konnte und das Wissen aus der Biologie und Ökologie, welches ich mir aneignen konnte, durchaus geholfen hat. Es bildete eine sehr gute Grundlage, die ich eigenständig noch erweitert habe.

Die Möglichkeit während des Studiums selber Schwerpunkte zu wählen und sich in die Richtung weiterzuentwickeln, die einen interessiert, ist ein unheimlicher Luxus – als Student*in ist man sehr frei. Ich schätze die Zeit sehr wert und sehe sie als eine große Bereicherung.

Zu guter Letzt: Was würdest du uns jetzigen Studis mit auf den Weg geben?

Wenn ich auf meinen eigenen Weg zurückschaue, bin ich sehr dankbar, dass ich gefunden habe, was mich begeistert, was mich antreibt und was mir Hoffnung gibt. Viele Menschen die nach Eberswalde kommen um zu studieren sind grundsätzlich wahrscheinlich ökologisch oder nachhaltig eingestellt und werden deswegen von der Hochschule angezogen. Umso mehr man sich im Studium allerdings mit den Themen der Welt beschäftigt, umso mehr erkennt man auch wie komplex die Problemlage ist. Deswegen ist es sehr wertvoll etwas zu finden, was einen antreibt und was einen motiviert…und den Mut zu haben diesem Interesse nachzugehen und es zu vertiefen.

Das Crowdfunding „Gemeinsam Zukunft pflanzen“ findet ihr hier: https://www.startnext.com/gemeinsam-zukunft-pflanzen

Es läuft noch bis zum 07.12.20.