Kein Frühling für die arabischen Frauen

Aktualisiert: 10. Dez 2019



Es ist nicht einfach, den Vortrag „Frauen im arabischen Frühling“ zusammenzufassen, den Nora Amin am 14. November. anlässlich der „Hochschule für alle“ gehalten hat. Er basierte auf ihrem 2018 erschienenen Essay Weiblichkeit im Aufbruch. Nora Amin ist Schriftstellerin, Tänzerin, Choreografin und Theaterregisseurin. Sie wurde 1970 in Ägypten geboren.


Den Vortrag zusammenzufassen fällt deshalb schwer, weil er inhaltlich anspruchsvoll war, vor allem aber auch, weil das Thema mich als Zuhörerin nicht kaltließ, mich nicht kaltlassen konnte. Es ging um die Unterdrückung der Frau in Ägypten, manifest geworden durch die Massenvergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo 2011 nach dem Sturz von Mubarak. Der Vortrag fand in englischer Sprache mit deutscher Übersetzung statt.


„Man denkt es ist einen Vortrag über die starken Frauen des Arabischen Frühlings und dann kommt so etwas Krasses“, kommentierte eine Zuhörerin nach der Veranstaltung. Nora Amin hat selbst auf dem Tahrir-Platz demonstriert und ist Zeugin der Vorgänge geworden. Sie entschuldigte sich nach dem Vortrag für die deutlichen Worte, stellte aber auch klar: „Über diese Vorgänge wird normalerweise geschwiegen, deshalb betrachte ich es als meine Mission, darüber zu sprechen.“ Und sie hat recht: Die Massenvergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz sind Teil der Geschichte des Arabischen Frühlings in Ägypten. Darüber zu sprechen, ist unangenehm und es schmerzt, aber es ist notwendig.


Gewalt gegen Frauen – Gewalt gegen die Revolution

Für Amin sind die geschändeten Frauen die Heldinnen der Revolution. Aber auch ein Symbol dafür, dass die Revolution in Ägypten gescheitert ist. „Für einen Augenblick war es möglich: Die Gleichheit, die Menschwerdung, die gesellschaftliche Revolution. Wir haben es gespürt“, beschrieb Amin die Stimmung zu Beginn der Revolution und das Gefühl der Frauen auf der Straße, in der Öffentlichkeit. Dann aber wurde alles anders: Es ist davon auszugehen, dass die Vergewaltigungen geplant waren, eine gezielte, politische Strategie gegen die Frauen – und gegen die Revolution. „Es ist, als vergewaltige man die Revolution und die nationale Identität. Es verletzte die Würde der Nation, die Ausdruck gefunden hatte in der Menschenmenge, die sich auf dem Tahrir-Platz versammelt hatte, um Freiheit und Gerechtigkeit zu fordern“, so Amin.

Es sei kein Zufall, dass sich die Aggression gegen Frauen im öffentlichen Raum richtete, denn diese seien eine Bedrohung der männlichen Identität, der männlich konnotierten Ordnung in der ägyptischen Gesellschaft. Die Referentin beschrieb einen Alltag, in dem Frauen auf der Straße nur geduldet seien, gedrängt in einen gewissen Verhaltenscodex, der darauf abziele, Frauen im öffentlichen Raum möglichst unsichtbar werden zu lassen. Dazu gehöre auch, dass ägyptische Frauen tagtäglich verbalen und körperlichen sexuellen Übergriffen ausgesetzt seien. Für fast alle Männer zwischen 6 und 60 Jahren sei das ein durchaus normales Verhalten, so Amin. Frauen, die auf der Straße sichtbar seien – so wie die Frauen während des Arabischen Frühlings – setzten sich unweigerlich über Normen hinweg und stellten althergebrachte Machthierarchien infrage. Allein die gleichberechtigte Teilnahme an Demonstrationen werde auf diese Weise zum Politikum. Und das fordere zurichtendes Verhalten seitens der patriarchalen Gesellschaft heraus. „Die Vergewaltigungen in der Öffentlichkeit waren ein politisches Symbol“, konstatierte die Referentin. Ein Symbol für ein Regime, das auf die Überlegenheit des Männlichen gebaut ist.


Der normierte weibliche Körper – auch im Westen

Um nicht missverstanden zu werden: Den Frauen gab Amin keine Schuld an den Gewaltakten. Gleichwohl trügen Frauen in Ägypten durchaus zu ihrer eigenen Unterdrückung bei und machten sich zu Verbündeten des patriarchalen Systems. Dann nämlich, wenn sie ihr eigenes Denken, ihr natürliches Geschlecht und ihre Identität aufgäben und diese ersetzten durch die falsche Identität des treu ergebenen Subjekts. Amin führte hier die Genitalverstümmelungen an, die den jungen Frauen durch ihre eigenen Mütter angetan wird.

Zu denken gab mir der kurze Exkurs aus der westlich geprägten Welt: Eine Muslimin unterliege in der Öffentlichkeit auch bei beispielsweise in Deutschland einem Verhaltenskodex, so Amin, und könne Ärger auf sich ziehen, wenn sie ihn nicht beachte – dann nämlich, wenn sie teilweise oder ganz verschleiert in die Öffentlichkeit tritt.

Die Referentin beendete ihren Vortrag mit einem Zeitsprung in das Jahr 2014, nach der Wahl von El-Sisi zum ägyptischen Präsidenten. In den Medien wurden Bilder von tanzenden Frauen in den Straßen Kairos gezeigt. Obwohl sie damit gegen das Tabu der auf der Straße tanzenden Frau verstießen, gab es dieses Mal keine Angriffe gegen sie. Der Tanz war ein Statement gegen die seit der Machtübernahme der Muslimbruderschaft bestehende religiöse Unterdrückung. Daher wurden die Tänze politisch und gesellschaftlich akzeptiert, so die Interpretation von Amin. Die Bilder der öffentlichen Schändungen aber waren wie ausgelöscht. Als würden die Tänze in einem zeitlosen Moment stattfinden, so Amin, als seien es temporäre symbolische Frauenkörper, die dort tanzten.


Düstere Zukunftsprognose für Ägypten

Weil die Referentin Künstlerin und Tänzerin ist kam im Anschluss an ihren Vortrag fast zwangsläufig die Frage auf, ob die Kunst nicht zu einer gesellschaftlichen Emanzipation in Ägypten beitragen könne. "Die Kunst hätte dazu beitragen können, aber die Kunst wurde liquidiert. Theater war einst ein politisches Instrument, aber im Moment geht das nicht mehr“, konstatierte Amin, die seit 2015 in Berlin lebt. Dementsprechend düster fiel ihre Antwort aus auf die Fragen nach der Perspektive Ägyptens: „Es gibt keine Zukunft“, sagte sie.

Als Zuhörerin blieb ich ein wenig verstört zurück, weil so klar pessimistische Aussagen bei politischen Veranstaltungen doch eher selten sind. Aber ich hatte auch das Gefühl einer authentischen Stimme zugehört zu haben, die Wichtiges zu sagen hat.



„Uni für alle“

„Uni für alle“ ist ein neues Veranstaltungsformat der HNEE, das an zwei Tagen im November alle Interessierten – also nicht nur Studierende – zu Vorträgen einlädt, um über aktuelle gesellschaftliche Prozesse ins Gespräch zu kommen.

Buch: Weiblichkeit im Aufbruch. Aus dem Englischen von Max Henninger. Matthes & Seitz, Berlin 2018, ISBN 978-3-95757-571-5