Keine Biodiversität ohne menschliche Vielfalt

30% mehr Schutzgebiete weltweit, das klingt erst einmal gut. Doch was, wenn die Umsetzung mit zum Teil massiven Menschenrechtsverletzungen verknüpft ist? Welche Rolle spielen Landraub, Rassismus und Kolonialismus im globalen Naturschutz? Und was macht das mit unserer Art und Weise auf Naturschutzprojekt zu schauen?


Der 30% Plan: Mehr Schutzgebiete weltweit!

Die Staats- und Regierungschefs der Welt wollen bis 2030 30% der Erde in Schutzgebiete umwandeln. Aktuell sind es 17%. Dies soll den Klimawandel eindämmen, den Verlust von Wildtieren verringern und die biologische Vielfalt schützen. Für uns Naturschützer*innen klingt das erst einmal nach einem sehr ambitionierten und interessanten Plan.

Bei näherer Betrachtung ist dieser Plan, der auf der Agenda für den nächsten UN-Biodiversitätsgipfel im Oktober steht, ein sehr schwieriges und umstrittenes Thema.

Wichtige Fragen in der Debatte sind: Woher sollen die 30 % kommen? Erhöht das den Nutzungsdruck auf die verbleibenden 70%? Was bedeutet die Einrichtung von einem Schutzgebiet für die Menschen, die bis dahin in dem Gebiet gelebt haben? Diese Fragen stellt auch Friedrich Wulf, Projektleiter Politik und Internationales bei der Schweizer Naturschutzorganisation Pro Natura, in seinem Artikel. In der Literatur werden zwei gängige Herangehensweisen für den Umgang mit Naturschutzgebieten beschrieben, die ich im Folgenden wiedergebe.


Naturschutzgebiete - mit oder ohne Mensch? (Foto: Isabella-Juskova auf unsplash)


Zwei Herangehensweisen für die Errichtung und Erhaltung von Schutzgebieten

In Deutschland wird ohne die Einbindung der lokalen Bevölkerung kein Schutzgebiet errichtet Dadurch wird ermöglicht, dass die Schutzgebiete akzeptiert werden. Trotzdem gibt es auch hier häufig jahrelange Kämpfe darum, ob ein Schutzgebiet etabliert wird oder nicht. Die Gebiete dürfen für gewöhnlich betreten und auch eingeschränkt genutzt werden. „Schutz durch Nutzung“ ist ein gängiger Leitspruch für Biosphärenreservate. Wie kommt es dazu?

Viele Arten haben sich zusammen mit der Landnutzung über Jahrtausende entwickelt. In Deutschland gilt das erste Drittel des 19. Jahrhunderts als Gipfel der Floren- und Vegetationsvielfalt. Zu einem Zeitpunkt, zu dem die intensive und direkte Nutzung durch den Menschen zu stark unterschiedlichen Standorten geführt hat. Das lernen die LaNus in der Vorlesung angewandte Pflanzenökologie bei Prof. Dr. Vera Luthardt. Trotzdem gibt es die verbreitete Vorstellung im westlichen Denken, dass die „echte Wildnis“ nicht von Menschen beeinflusst und vor uns geschützt werden soll. Dieser Gedanke des Naturschutzes ist im Laufe des 19. Jahrhunderts in Europa und in den USA entstanden, in den Zeiten der Industrialisierung: Je mehr die Natur durch Verstädterung, technischen Fortschritt und Industrialisierung beansprucht wurde, umso mehr haben sich Menschen nach der ursprünglichen Natur gesehnt.

Wildnis und Zivilisation, ebenso wie Natur und Kultur, wurden in der Folge oft als Gegensatz betrachtet und so werden sie auch heute noch bei uns behandelt. Dabei sind viele Lebensräume in Interaktion mit dem Menschen entstanden, stellte kürzlich ein Wissenschaftler*innenteam um Erle Ellis fest. Umgekehrt sind alle Kulturen in Interaktion mit ihrer Umgebung entstanden. Trotzdem haben wir Menschen aus dem globalen Norden die Annahme, die Natur vor uns schützen zu müssen. Wenn wir zusätzlich meinen, dass wir wissen, wie das geht ist das im Kern eine rassistische Haltung, auf die asymmetrischen Machtverhältnisse folgen können. So etabliert sich auch mehr und mehr der Begriff des grünen Kolonialismus. Hier gibt es einen Artikel zu dem Thema.

Insbesondere für indigene Kulturen ist dieses Denkmuster fatal und führt zu einer weiteren Art von Naturschutz, vor allem in Afrika, Asien und Südamerika - dem sogenannten „Festungsnaturschutz“.

Mit diesem Begriff ist gemeint, dass für Naturschutzprojekte immer wieder indigene Menschen, die seit Jahrtausenden auf dem Land leben, vertrieben werden und ihre Lebensgrundlage verlieren. Zu den Folgen gehören Hunger, Krankheiten und sozialer Zusammenbruch. Bis heute wurden weltweit die meisten Schutzgebiete auf dem Land indigener und lokaler Bevölkerungsgruppen ohne deren Zustimmung eingerichtet. Nach internationalem Recht ist die freie, vorherige und informierte Zustimmung (FPIC) indigener Gemeinden erforderlich, bevor Projekte auf ihrem Land stattfinden können. In vielen Fällen, in denen großen Naturschutzorganisationen involviert sind, erfahren die indigenen Bewohner*innen erst dann was passiert, wenn sie vertrieben werden oder bewaffnete Wildhüter*innen in ihren Gemeinden auftauchen. Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass anschließend indigene Menschen von Rangern in Schutzgebieten misshandelt, gefoltert und getötet werden. Diese Ranger werden zum Beispiel auch von Organisationen wie dem WWF und der WCS unterstützt und mit europäischen und amerikanischen Steuergeldern finanziert. Dazu findet sich hier ein Beispiel aus Kamerun. Weiterhin gibt es hier eine Sammlung mit Videoberichten von Tribal Voices. Wie ist der Umgang mit solchen Vorwürfen? Laut Stefan Tomik von der FAZ hat der WWF beispielsweise einen solchen Bericht über mehrere Fälle schwerster Menschenrechtsverletzungen im kongolesischen Nationalpark Salonga zurückgehalten.


Die Folgen des Festungsnaturschutzes

Nach der Einschätzung der regierungsunabhängigen Bewegung Survival International ist dieses Schutzkonzept nicht nur für Menschen längst überholt, auch der eigentliche Zweck – die Natur zu schützen - wird nicht erfüllt: Die Gebiete werden nicht mehr durch die traditionelle Nutzung erhalten. Stattdessen wird oft Massentourismus, Trophäenjagd, Abholzung und sogar Bergbau ermöglicht, der dann „nachhaltiger“ Ressourcenabbau genannt wird. Das soll ein Einkommen erzeugen, mit dem die Naturschutzarbeit finanziert werden kann.


Wie effektiv ist Naturschutz in Deutschland und weltweit?

In Deutschland versuchen wir durch Naturschutz die Eigenart, Schönheit und den Erholungswert von Natur und Landschaft zu sichern, sowie den Naturhaushalt und die Biodiversität zu erhalten. Das ist rechtlich im Bundesnaturschutzgesetz seit 1976 verankert. Leider ist diese Geschichte nicht sonderlich erfolgreich. So erleben wir enorme Verluste der Artenvielfalt. Zum Beispiel haben wir in Naturschutzgebieten innerhalb von 30 Jahren etwa 80% der Biomasse fliegender Insekten verloren (Krefelder Studie).

Auch weltweit werden seit vielen Jahren sämtliche Ziele für biologische Vielfalt verfehlt, wie eine Studie der UN für die Jahre 2011 bis 2020 darlegt.

Gleichzeitig beherbergt das Land, das durch indigene Gemeinschaften gehütet wird, 80% der weltweiten Biodiversität (National Geographic). Und das, obwohl diese Gemeinschaften weniger als 5% der Weltbevölkerung ausmachen und bis heute extreme Verluste ihrer Kultur und ihrer Landrechte erleben. Nach verschiedenen Studien, die Survival International zusammengetragen hat, erzielen diese Gemeinschaften, solang ihre Landrechte geschützt sind, mindestens gleiche Ergebnisse beim Naturschutz wie konventionelle Naturschutzprogramme - zu einem Bruchteil der Kosten. Daher fordert Survival International auf ihrer Webseite: „Wir brauchen ein völlig neues Naturschutzmodell – eines, das die indigenen Völker und ihre Rechte in den Mittelpunkt stellt, das die „Natur“ nicht als menschenleer betrachtet und das die wahren Ursachen der Umweltzerstörung bekämpft – den übermäßigen Verbrauch und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen angetrieben durch den globalen Norden.“



Zurück zum 30% Plan

In dem 30% Plan sollen besonders biodiverse Hotspots geschützt werden. Diese liegen vorrangig in Gebieten von indigenen Gemeinschaften. Nach Schätzungen von Survival International betrifft die neu geschützte Fläche etwa 300 Millionen Menschen. Damit kann der 30 % Plan zum größten Landraub der Geschichte führen.


Die Interessen hinter dem 30%-Ziel

Auf der Konferenz „Keine Biodiversität ohne menschliche Vielfalt“ aus April 22 kommentieren zwei Wissenschaftler*innen die aus ihrer Sicht dahinterliegenden Interessen:


Laut Simon Counsell (Wissenschaftler, Autor, ehemaliger Direktor der Rainforest Foundation UK) setzt sich Deutschland sehr für das 30% Ziel ein. Es sei viel einfacher, ein neues Programm im globalen Süden zu beginnen, anstatt die Ursachen des Biodiversitätsverlusts anzugehen: den Umstand, dass multinationale Konzerne durch ihre Omnipräsenz unsere Lebensgrundlagen zerstören, die Verschmutzung, den Überkonsum und die existierenden Subventionen für Industrien wie die industrialisierte Landwirtschaft oder die Ölindustrie. So findet sich im Carbon Majors Report von 2017 der Hinweis, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnten 100 Unternehmen für 71 % der weltweiten Klimaemissionen verantwortlich waren.


Auch Jutta Kill (Biologin und Autorin) sieht in der 30 % Strategie eine Verschleierungstaktik: Diese koloniale und rassistische Form von Naturschutz nütze uns so viel, dass wir sie ungern aufgeben wollen. Die Kontrolle von Land anderer ermöglicht die eigene Profitsicherung. Auch das Wirtschafts- und Konsumverhalten kann so aufrechterhalten werden. Ölkonzerne (wie Eni Italien) planen, immer weiter fossile Energien zu fördern. Das wollen sie nun klimaneutral machen, indem sie sich CO2-Gutschriften aus verschiedenen Ländern kaufen. Kill macht klar: Dieses Verhalten wird jedoch weder die Klimakrise noch Biodiversitätskrise aufhalten.


Und jetzt? Es gibt viel, das gerade wir hier tun können!

An der HNEE habe ich in meinem LaNu Studium kaum etwas über die Thematik gehört. Gleichzeitig halte ich sie für sehr relevant und möchte anregen, dass sie in den Studiengängen behandelt wird. Naturschutz kann lokal stattfinden und global – er ist immer politisch. Daher möchte ich hier eine Liste von Survival International über Handlungsmöglichkeiten teilen.


1. Aufmerksamkeit wecken! Sprich mit Freund*innen und Familie über den Plan. Jede*r sollte die Wahrheit darüber erfahren und wir müssen aufhören, auf falsche Lösungen hereinzufallen. Verwende den Hashtag #DearHumanity, um die Nachricht zu verbreiten.


2. Nutze das Survival International Aktivist*innen-Kit und werde online aktiv. Hier gibt es auch eine Petition.


3. Unterstütze den 30 %-Plan nicht. Informiere dich, bevor du ins Ausland reist, und fahre nicht an Orte, an denen indigene Völker im Namen des „Naturschutzes" vertrieben oder misshandelt wurden.


4. Unterstütze keine Organisationen, die sich für den 30 %-Plan einsetzen. Fordere sie heraus! Dazu gehören Conservation International, WWF, The Nature Conservancy, Wildlife Conservation Society und viele mehr ...


5. Schließe dich der Bewegung für #DecolonizeConservation an und connecte dich mit Survival International"


Ich möchte dazu noch folgenden Punkt ergänzen:


6. Unterstütze privat organisierte, kleinere Projekte, denen es an allen Enden an Mitteln fehlt. Eines dieser Projekte ist die Trackingschool der Ju/’hoansi. Hier werden Programme für Touristen angeboten, in denen die Ju/’hoansi ihre Kultur erlebbar machen. Gleichzeitig wird dadurch ihre Kultur erhalten. Seit Corona läuft das Projekt leider vorrangig von privaten Spenden, da die Besucher*innen fehlen.



„Der Weg, dass unsere Stimme gehört wird, ist sehr lang. Wir werden noch nicht als Menschen anerkannt, die Wissen haben, die lange dort gelebt haben. Was uns bleibt ist, weiterhin Widerstand zu leisten.“ Llandquiray (Machapuche)



Weiterführende Infos und Quellen

Der Titel ist übernommen von der gleichnamigen Konferenz von Survival International (April 2022). Im Rahmen dieser Konferenz kommen Betroffene zu Wort und ist für diesen Beitrag auch eine Hauptinformationsquelle. Die Tonqualität im Konferenz-Mitschnitt ist stellenweise nicht so gut – dennoch mehr als hörenswert. Hier geht’s zum Video.


Außerdem ein Beitrag der BPB (Bundeszentrale für politische Bildung) zum UN-Tag der indigenen Bevölkerungen.


Dieser Beitrag ist inspiriert von diesem Circlewise Newsletter. Elke Loephtin-Gerwert, die Gründerin von Circlewise, hat auch an der HNEE LaNu studiert.