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#Lütziklebt

Tausende Klima-Aktivist*innen protestierten am 14.01.2023 auf einer Großdemo gegen den Abriss des Dorfes Lützerath. Die Polizei spricht gegenüber der tagesschau von 15.000 Demonstrierenden, laut BUND (ein Organisator) waren es 35.000. Darunter auch Studierende der HNEE.


Es ist 01:55 Uhr, wir sind spät dran. Abgemacht war eigentlich 01:50 Uhr. Es ist Freitagnacht und in der Bernauer Heerstraße rollt ein schwarzer Mercedes vom Hof. Diese Luxuskutsche, die das Ergebnis von viel hin und her ist, wird uns heute Nacht nach Lützerath, NRW, bringen. Eine Tour einmal quer durch Deutschland.


Zwar haben wir alle Kissen und Decken mit, aber schlafen kann niemand so richtig. Alle sind ein bisschen aufgeregt. Zwischen Schlaf und Vorfreude schlagen wir uns die Nacht auf Deutschlands Autobahnen um die Ohren. Um 8 Uhr morgens geht ein Raunen durchs Auto, wir fahren an einem Tagebau vorbei. Viel zu sehen ist nicht, nur eine riesige Grube im Boden.


Wir kommen in Wanlo (bei Lützerath) an und ein Polizist, der mich an Käpt’n Blaubär erinnert, erklärt uns, wo wir parken dürfen. Das Wetter ist sehr bescheiden und wir machen uns auf den Weg nach Keyenberg, wo die Demo startet. Schon nach einer Stunde können unsere Demoschilder dem Wind und Regen nicht mehr trotzen. Aber als waschechte LANUs sind wir natürlich wetterfest gekleidet und halten durch. Der Demozug bewegt sich aus dem Dorf Keyenberg heraus und uns öffnet sich der Blick über ein großes Feld. Aus allen Richtungen scheinen Menschenmassen auf das Feld zu strömen. Ganz hinten ist eine Bühne zu erkennen. Irgendjemand sagt durch die Lautsprecher, dass inzwischen ca. 35.000 Menschen an der Demo teilnehmen. Was für ein Hochgefühl! Dieses große Zeichen, das wir damit nach Berlin schicken, kann nicht ignoriert werden. Ich stehe hier mit 35.000 anderen Menschen, die alle zeigen wollen, dass sie mit dem, was hier passiert, nicht zufrieden sind.

Doch neben dieser großen Menschenmenge klafft ein riesiges Loch im Boden. Ein Loch so groß, dass das andere Ende nur mit dem Fernglas zu erkennen ist. Und dann ein Blick auf die Füße: An meinen Wanderschuhen klebt gefühlt ganz NRW. Alle bleiben stecken im Matsch. Sogar die Polizei. #Lütziklebt. Ist das nicht bester Lössboden? Baggern wir hier einen der ertragreichsten Böden ab für eine Energiegewinnung, die eh bald eingestellt werden soll? Klassische LANU-Gedanken.

Das Hochgefühl wird also gedämpft von der Fassungslosigkeit über diesen massiven Eingriff in die Landschaft. Einige von uns haben noch nie einen Tagebau gesehen. Das sind Dimensionen, die mensch sich nicht vorstellen kann.


Ebenso schwer vorstellbar sind die verschiedenen Formen von Gewalt und Wut, die wir hier sehen. Die Polizei, die offiziell mit 8.000 Demonstrant*innen gerechnet hat, macht einen nervösen Eindruck. Bei der Kundgebung werden alle Einsatzkräfte Richtung Lützerath abgezogen. Während der Kundgebung selbst oder an der Abbruchkante sind keine Beamt*innen mehr zu sehen. Nach der Rede von Greta Thunberg (hier anzusehen) laufen viele in Richtung Lützerath los. Und die Polizei geht gröber vor als vielleicht nötig. Wasserwerfer, Pfefferspray und Schlagstöcke kommen alle zum Einsatz. Dabei entstehen Szenen, die wir sicher alle lange im Kopf behalten werden. Einige Demonstrant*innen lassen ihre Wut über die teilweise unverhältnismäßige Gewalt an Einsatzfahrzeugen aus. Wir kommen an einer Reihe von Polizei-Autos vorbei, in der keines mehr unbeschädigt ist. Mal ist ein Reifen zerstochen, mal das Nummernschild abmontiert oder ein Spiegel abgetreten, oder alles zusammen.


Doch es gibt auch Menschen, die ihre Wut anders zum Ausdruck bringen. In Keyenberg spielt die ortsansässige Marschkappelle und sorgt so für gute Stimmung unter den Demonstrant*innen und auf der Bühne prangert Greta Thunberg die deutsche Klimapolitik an. So viele Menschen, so viele verschiedene Köpfe und trotzdem alle hier für eine Sache: #Lützibleibt! Das ist ein Gefühl, das mensch nicht beschreiben kann.


Als es beginnt zu dämmern, laufen wir müde und erschöpft zurück zum Auto. Hier werden die matschigen Schuhe artig in Plastiktüten verstaut (damit bloß das Auto nicht dreckig wird) und wir verputzen unsere letzten Kekse. Und dann alle rein ins Auto und los geht’s. Auf der Rückfahrt diskutieren wir über Polizeigewalt und ihre Aufarbeitung. Ein Thema, zu dem jede*r eine andere Meinung hat und welches auch sehr emotional ist.

Wir waren 24 Stunden unterwegs und haben viel erlebt. Und es war gut, dass wir da waren.


Hintergrund der Proteste

Lützerath ist ein Dorf, das sich an der Abbruchkante des Tagebaus für Braunkohle Garzweiler II befindet. Der Tagebau liegt in Nordrhein-Westfalen zwischen Aachen und Köln. Auch der Hambacher Forst ist nicht weit entfernt. Unter Lützerath befindet sich weitere Kohle, die der Energieversorgungskonzern RWE abbauen möchte. Da dieses Abbauen mit dem 1,5° C Ziel kollidiert, haben viele versucht, das Abbaggern des Dorfes zu verhindern.

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