Praxisluft schnuppern mit Jessica Wiederstein

Das Studium am Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz beginnt mit Vorlesungen, Seminaren und Exkursionen. Je nach Studiengang heißt es dann irgendwann „ab ins Praxissemester“. Wir interviewen in unserer Rubrik „Frisch von draußen“ Studierende, die ihr Praxissemester absolviert haben oder mitten drinstecken, um zu erfahren, wie diese aufregende Zeit für sie war/ist.

Hermanus bei Sonnenuntergang
Hermanus bei Sonnenuntergang (Bild: Jessica Wiederstein)

Hallo Jessica! Seit wann studierst du LANU in Eberswalde?

Zum für mich denkbar schlechtesten Zeitpunkt habe ich im „Corona-Jahrgang“ zum Wintersemester 2020 mein Studium an der HNEE begonnen.


Wo hast du dein Praktikum absolviert? Und mit Blick auf Dein Studium: Wonach hast Du Deinen Praktikumsbetrieb ausgewählt und was wolltest Du dabei insbesondere vertiefen?

Ich war beim Shark & Marine Research Institute (SMRI) in Gansbaai (Südafrika), weil ich eigentlich immer Meeresbiologin werden und somit die Gelegenheit nutzen wollte, in diesen Bereich hineinzuschnuppern. Das Shark & Marine Research Institute betreibt Forschung zu Haien, mit besonderem Augenmerk auf den vom Aussterben bedrohten Weißen Hai. Ziel ist es dabei, Daten über die Bewegungsmuster, die Landraumnutzung, das Vorkommen und die Vielfalt der Haie zu erfassen, um zu ihrem Schutz beitragen zu können. Auch ihr Gesundheitszustand und die Rolle der lokalen Fischerei beim Rückgang der endemischen Haipopulationen werden vor Ort untersucht. Haie, insbesondere Weiße Haie, haben mich schon immer fasziniert, zumal ich als passionierte Taucherin schon öfters Haie live erleben durfte. Außerdem konnte ich so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – mal aus Brandenburg rauskommen und dem grauen Winter auf der Nordhalbkugel entfliehen.

Abb. 1: DNA-Probenentnahme von einem Bronzehai durch unsere betreuende Meeresbiologin

Abb. 2: Weiße Haie in Mosselbay

Abb. 3: Strand von Gansbaai (Fotos: Jessica Wiederstein)


Wie können wir uns Deinen Alltag im Praktikum vorstellen? (In welchem Bereich hast du dort gearbeitet, welche Aufgaben hast du erfüllt und was machte dir am meisten Spaß? Was war herausfordernd?)


Die Praktikant*innen waren allesamt in einem Praktikant*innenhaus untergebracht, in dem auch noch zwei Betreuer gewohnt haben. Wir sind ungefähr jeden zweiten Tag mit dem Boot, auf dem Käfigtauchen mit Haien für Tourist*innen aus aller Welt angeboten wurde, in Gansbaai rausgefahren. Die Praktikant*innen durften auch am Käfigtauchen teilnehmen, mussten dies aber nicht.

Nachdem ich es einmal probiert hatte, war ich zusammen mit den anderen meistens auf dem Oberdeck, um von oben möglichst gute Fotos der Bronzehaie (Weiße Haie haben wir nur in Mosselbaai gesichtet) zu schießen, die für das Anlegen einer Kartei gesammelt wurden.


Das SMRI unternimmt mit seinem Forschungsboot täglich Käfigtauchgänge, Ausflüge zum Markieren von Haien, Schnorchelgänge zum Aufspüren von Haien in Seetangwäldern, Strandsäuberungen, Video- und Rückenflossenanalysen.


Während meiner Zeit haben wir auch einmal eine DNA-Probe von einem Bronzehai genommen, die eine Masterstudentin der Meeresbiologie aus England für ihre Forschungsarbeit gesammelt hat. Ansonsten haben wir auf dem Boot Datenblätter über die Bronzehaie ausgefüllt. Wir haben den Haien Namen gegeben, um sie besser unterscheiden zu können. Wenn wir nicht mit dem Boot rausgefahren sind, waren wir in nahegelegenen Buchten schnorcheln oder angeln, um kleine Haiarten (Katzenhaie) zu fangen, sie zu vermessen und ggfs. zu taggen, um den Bestand zu monitoren.


Gerade in Gansbaai wird das Ausmaß des Rückgangs verschiedener Haiarten, wie auch dem Bronze- und Katzenhai, neben dem Weißen Hai über mehrere Jahre untersucht, damit Ursachen für den Rückgang gefunden werden können.

Abb. 4 + 5: Vermessen von Katzenhaien Abb. 6: Käfigtauchen in Gansbaai

Abb. 7: DNA-Probe vom Bronzehai (Fotos: Jessica Wiederstein)


An anderen Tagen haben wir Müll an Stränden eingesammelt, oder in einem nahegelegenen Township in einem Swap-Shop ausgeholfen (Bildungsinitiative für Recycling). Einmal die Woche haben wir noch ehrenamtlich im nahegelegenen Tierheim ausgeholfen.


Ein zusätzlicher Ausflug (gegen Mehrkosten) wurde gegen Ende des Praktikums entlang der Garden Route in den Tsitsikamma Nationalpark unternommen. Auf dem Hinweg waren wir in Mosselbay käfigtauchen, wo wir endlich auch einmal Weiße Haie hautnah sehen konnten.


Am Herausforderndsten war das wochenlange Zusammenwohnen mit den anderen Praktikant*innen, da es sich hierbei fast ausschließlich um 18 bis 23-jährige Amerikanerinnen gehandelt hat. Leider wird bei der Buchung nicht darauf geachtet, wie sich die Gruppe zusammensetzt. Für mich hätte es besser gepasst, wenn ich mit Gleichaltrigen zusammengewohnt hätte oder es noch gemischter gewesen wäre, z.B. mit Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern.

Abb. 8: Jessica auf Safari in der Garden Route

Abb. 9: Löwe auf Safari in der Garden Route

Abb. 10: Ehrenamt im Tierheim in der Nähe des Praktikumsbetriebs (Fotos: Jessica Wiederstein)


Inwiefern war Dein Praktikum für Deine berufliche Orientierung hilfreich? Was nimmst du aus deiner Zeit dort mit?

Ich habe für mich am Ende meiner Zeit nach drei Monaten in Südafrika erkannt, dass ich nicht viel zum Glücklichsein brauche. Wenn ich am Meer wohnen könnte, wäre ich schon der glücklichste Mensch und dafür brauche ich kein Studium. (Erg. der Redaktion: auch das ist eine Erkenntnis! Jede*r nimmt andere Einsichten aus dem Studium mit. Für manche sind es die diversen Fachkenntnisse, die z.B. im LANU-Studium vermittelt werden, für manche sind es Weisheiten für das ganze Leben über das, was sie gerne möchten oder auch nicht möchten. 😊)


Wie blickst Du auf den Abschluss Deines Studiums an der HNEE und deine weitere Laufbahn? (Kannst du dir vorstellen später in diesem Job zu arbeiten)?

Ich hatte von Anfang große Zweifel, ob ich in Eberswalde glücklich werden kann und ob das Studium dort das richtige für mich ist. So schön der Traum vom Beruf der Meeresbiologin auch zu sein schien (oder auch der Traum von der Rangerin); ich habe kurzzeitig während meines Praktikums mit dem Gedanken gespielt, nach dem Bachelor meinen Master in Meeresbiologie an der Uni Stellenbosch zu machen. Nach Eberswalde zurückkehren, kann ich mir gerade nach so langer Abwesenheit nicht mehr so richtig vorstellen. Die Studienzeit hat mich mental sehr gefordert. (Anmerk. der Redaktion: es kommt vor – wie im Falle von Jessica -, dass Studierende während der Praxisphase merken, dass die Fortführung des Studiums an der Hochschule nicht mehr stimmig erscheint. In einigen Fällen kommt es dann zum Abbruch. Wir sind sicher, dass es dann auch die richtige Entscheidung ist, wenn auch schade und wir uns auf ein Wiedersehen in Eberswalde gefreut hätten.)


Angenommen ein Studi interessiert sich ebenfalls für „Deinen“ Betrieb für´s eigene Praktikum, was wären Deine Hinweise? Was sollte die Person mitbringen, um hier ein ertragreiches Praktikum zu absolvieren?

Abschließend würde ich von einem Praktikum beim SMRI abraten, da es einfach sehr teuer war und der Lerneffekt im Vergleich sehr gering. Auch ist es kein klassisches LANU-Arbeitsgebiet. Wenn es sich ein Studi doch leisten kann bzw. möchte, sollte er oder sie ein hohes Maß an Vorwissen aus der Meeresbiologie und/oder Eigeninitiative mitbringen, da mensch als Fachfremde*r leider kaum abgeholt wird. Außerdem war die Verpflegung, für die wir u.a. bezahlt haben, weitaus schlechter als beschrieben und erwartet, sodass hier auch noch mal Ausgaben hinzukamen.

Wer gerne mal Südafrika sehen will, sollte lieber das Geld in einen Urlaub dort investieren, davon profitiert mensch weitaus mehr :)

Abb.11: Klippschliefer in Hermanus

Abb.12: Chamäleon (in freier Wildbahn nahe dem Praktikantenhaus gefunden)

Abb.13: Safari game drive auf der Garden Route

(Jessica Wiederstein)