Studieren geht über Natur interpretieren

Ein Beitrag von Juliane Adler und Alexandra Gundlach

Auf zur fachbereichsübergreifenden Exkursion in die schöne Uckermark hieß es Ende Juni wieder einmal für 16 Touristiker*innen und RUNer*innen. Tiefgründige Gedanken, Umweltverständnis und Weisheiten des Lebens waren gefragt beim anstehenden Interpretations-Lehrgang. Das Konzept der Interpretation ist ein Instrument der non-formalen Umweltbildung und kommt ursprünglich aus den Nationalparks Amerikas. Nach Deutschland gebracht hat dieses Konzept 1993 Thorsten Ludwig, der gemeinsam mit Prof. Dr. Heike Molitor die Leitung der Exkursionswoche innehatte.


Interpretation – kurz gefasst

Bei der „Interpretation“ geht es darum das Besondere eines umgebenden Objekts für Betrachter*innen erlebbar zu machen um so eine emotionale Bindung zum jeweiligen Objekt herzustellen. Gearbeitet wird dabei mit ausdrucksstarker Bildsprache, Perspektivwechseln, universalen Rückbezügen zum menschlichen Leben und dem Entdecken von verborgenen Geschichten. Thorsten Ludwig beschreibt das Ziel der Interpretation liebevoll mit den Worten „Das Meer zum Rauschen bringen“. Er selbst ist ehemaliger Vorsitzender des ANU (Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung) und hat den Vorsitz von „interpret europe – European Association for Heritage Interpretation“ inne. Im Laufe der Woche wurde das Konzept der Interpretation durch viele praktische Übungen und Beispiele von den Studierenden kennengelernt und auch direkt umgesetzt. Die Reflexion des Gelernten am Abend jedes Tages verfestigte die eigenen Erfahrungen, ermöglichte Teilhabe an den Erlebnissen der Anderen und führte zu einem gemeinschaftlichen Gruppengefühl.


„Interpretation hilft eine engere Beziehung zu unserem Natur- und Kulturerbe herzustellen und aus dieser Beziehung heraus für die Zukunft verantwortungsbewusster zu handeln.“


#Tag1 Das schöne Haus am See

Nach der Ankunft am Haus Neus Neudorf mit Bussen und Fahrrädern wurden in ausgelassener Stimmung die Zelte und Zimmer bezogen, die Küche des Seminarhauses eingeräumt und erste Umgebungserkundungen getätigt. Da aber viel gelernt und erfahren werden wollte wurde keine Zeit verloren und direkt mit dem Programm gestartet. Nach einer kurzen theoretischen Einführung in die Interpretation gab es einen praktischen Einstieg mit Vorstellungsrunde und Übungen im schönen grünen Garten hinterm Haus. Es wurde sich in verschiedene Rollen hineinversetzt, rhetorische Mittel der Interpretation kennengelernt und über die Besonderheiten der vier umgebenden Linden philosophiert. Abends gab es für alle die wollten einen erfrischenden Sprung in den naheliegenden See.



#Tag 2 Den Phänomenen auf der Spur

Der zweite Tag startete mit einem entspannten Frühstück unter freiem Himmel an einer langen Tafel vor dem Haus. Danach wurde sich gemeinsam aufgemacht ins Wäldchen am See. Dort überlegten sich die Studierenden in Zweier-Gruppen sogenannte Kurzinterpretationen. Ein Phänomen, wie die Trittspuren von Mensch und Tier oder ein altes verankertes Fischerboot am Steg wurden zum Mittelpunkt des Geschehens. Durch spannende Geschichten rund um die Phänomene und bestimmte Fragetechniken wurden die Objekte zum Leben erweckt und erzählten von ihren Erlebnissen.



#Tag 3 Gemeinsame Ideen

Damit ein ganzes Abenteuer auf einem Interpretationsgang durch unsere Umwelt erlebt werden kann, wurden am dritten Tag, mithilfe einer großen Leitidee, die Geschichten einzelner Phänomene miteinander verknüpft. Eine Hauptleitidee lautete „Mehr Seen“ dahinter stand die Erkenntnis, dass der Übergang von Ufer und Gewässer mehr als nur eine einfache Verbindung ist. Menschliches Leben und Natur begegnen sich hier, besondere Lebensräume sind zu entdecken und interessante Zusammenhänge zu erforschen. Nach einem konstruktiven Feedback in gemütlicher Runde am See und leckerem Abendessen konnte der Abend bei tollem Sonnenuntergang ausklingen.



#Donnerstag – Willkommen Mylady, Mylord

Auch der Donnerstag war ein durchstrukturierter Tag mit jeder Menge Input. An diesem Tag bestand die Aufgabe darin, einen Tafeltext für ein Phänomen zu entwerfen. Ein Tafeltext bringt folgende Eigenschaften mit sich: Seine Überschrift sollte den Lesenden kurz und knackig provozieren, damit er innehält. Eine Verbindung mit der Lebenswelt der Besucher*in und eine spannende Enthüllung zum Schluss müssen in weniger als 60 Wörtern verpackt werden, ganz easy also. Dafür bewegten wir uns in die Ortschaft Gerswalde und statteten der Wasserbug einen Besuch ab. Im Gegensatz zu den Tagen davor, in denen wir uns Naturraumphänomene im Wald widmeten, konnten wir uns nun historische Phänomene, die meistens mit einer menschlichen Geschichte verbunden sind, zu Gemüte führen. Zu Beginn gab uns der Mitarbeiter des Burgmuseums eine Führung zu den zahlreichen, die von mittelalterlichen Schießschanzen bis zur DDR- Modekatalogen reichte. Ein Besuch dort lohnt sich auf alle Fälle. Auf der Burg residierte lange Zeit die Federführung der Stadt und verwaltete seine Gemeinden. Nach langer Herrschaft der Armins (zahlreiche Ortschaften und Straßennamen lassen sich mit diesen Namen in der Nähe wiederfinden), übernahm ein anthroposophisch geprägter Schweizer die Burgführung. Die biologisch dynamische Landwirtschaft, unter den Einfluss des neuen Burgherren, lässt sich heute in der gesamten Umgebung wiederfinden. Traumhafte Felder, Brachen, Randstreifen und abwechslungsreiche landschaftliche Kulturen und Strukturen konnten wir auf der Fahrt von unserer Gaststätte nach Gerswalde beobachten.


#Freitag - Augen zu, Ohren auf!

Am Freitag erwartete uns wohl die lustigste Aufgabe der Woche. Ein Highlight des Freitags war nämlich die Kreation von Höraufnahmen. Wieder konnte das Burgambiente seinen Charme sprießen lassen und die RUNer*innen hatten die Möglichkeit statt Naturphänomenen geschichtsträchtige Phänomene zu umspielen und in die Perspektive eines Touristikers*in einzutauchen. In gemischten Gruppen kreierten wir eine kleine Geschichte mit ca. 120 Worten, die potentielle Besucher*innen in ihren*seinen Bann schlagen muss, damit er*sie für mindestens 90 Sekunden am jeweiligen Phänomen stehen bleibt. Beim Lauschen der Texte gab es viele „Ah“ und „OOh“ und „Awee“ Momente, die für unsere gute Arbeit sprachen.


Schauspielen auf der Wasserburg

So kamen wir nicht darum herum, direkt nach der Auswertung der Hörspiele uns der Rolleninterpretation zu widmen. Schauspieltalentierte Menschen aufgepasst! Das Rollenspiel ist eher eine Sache, die in kulturhistorischen Städten im Ausland genutzt wird. Sehr kurz und für einige Leute auch sicher sehr verwirrend, kommen urplötzlich inmitten von herumstreunenden Gästen, die beispielsweise gerade den London Tower besuchen, ein paar Schauspieler*innen für eine kleine Szene zusammen. Wir durften uns ausprobieren und nahmen entweder die Perspektive des Burgherren, des Müllers oder des Fischers ein und stritten um das Angelrecht am herrschaftlichen Burgsee. Was sich mehr nach Freizeit als nach Studieren anfühlte, brachte am Abend nochmal einige Lacher auf die Wasserburg.


Fazit ziehen mit Naturphänomen

Freitagabend wurde es auch noch romantisch. Wieder zurück in unserem traumhaften Quartier, machten wir uns nach einem schmackhaften Abendbrot, ausgerüstet mit 16 Karten, 16 Gläsern, 16 Teelichtern und Stiften auf den Weg zu unserem Übungswald, der direkt am See lag. In der Dämmerung bestand unsere Aufgabe darin, ein geeignetes Naturphänomen auszusuchen (kann ein Zwiesel sein, ein Ausblick, ein Baumstumpf etc.) und dazu die Woche in kurzen Sätzen nach allen Regeln der Interpretation auf eine Karte zu schreiben.



Samstag – Der Traum von einem Begegnungszentrum

Und da es so schön war, ging es am Samstag gleich weiter. Herr Ludwig und Frau Molitor hatten großes mit uns vor. Wir konnten unsere Visionen von einem Interpretationszentrum mitten im uckermärkischen Wald sprießen lassen. Nicht erahnte touristische und runnerische Synergien wurden über diese Waldlichtung in unseren Plänen freigesetzt. So richtig utopische Fantasien können wir im Studium selten freisetzen, da die Wissenschaft im Zentrum steht. Utopien überlegen sich Studierende meist doch eher in der Freizeit. Deswegen war es eine gute Gelegenheit um sich auszutoben. Sicher wären die Ergebnisse noch besser gewesen hätten wir eine längere Verschnaufpause gehabt - trotzdem war die Woche unglaublich lehrreich, außergewöhnlich, unterhaltsam und voll. Interpretation hat definitiv nun eine neue Bedeutung für uns erlangt.