Wir haben ein Hühnchen zu rupfen


Ein Kommentar von Aruna Reddig


Wir haben am 09. September dem Nieselregen getrotzt und sind gegen Wiesenhof auf die Brandenburger Kleinstadtstraßen gegangen. Mit rund tausend Teilnehmer*innen war die Demonstration eher eine der kleineren Aktionen der Kampagne Wir haben es satt! von Meine Landwirtschaft.

Das ist allerdings dem Umstand geschuldet, dass an diesem Tag mehrere Demos in Berlin stattfanden, die bei vielen wohl zu einem Interessenskonflikt führten. Egal, dafür waren alle vor Ort, denen nicht nur Tierwohl sondern auch Brandenburg am Herzen liegt.



Im Prinzip gibt es da ja gar nichts zu diskutieren: Jeden Tag bis zu 240.000 Hähnchen zu schlachten ist einfach geschmacklos – im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Zahl ist so hoch, dass sich die meisten Menschen darunter gar nichts mehr vorstellen können. Allein bis Weihnachten (und wir wissen alle, wie schnell die Zeit bis dahin verfliegt) wären das mehr als 17,5 Millionen Hähnchen. Unfassbarer als diese Zahl ist nur der Umstand, wofür die meisten dieser Tiere sterben. Denn der Bedarf an Billigfleisch ist längst gedeckt, was nicht im deutschen Discounter landet, wird in Entwicklungsländer exportiert und dort zu so niedrigen Preisen angeboten, dass diese den lokalen Markt zerstören. Was nicht verkauft wird, landet auf der Müllkippe. Wie gesagt, im Prinzip gibt es da nichts zu diskutieren, wäre Wiesenhof mit 700 Mitarbeiter*innen nicht der größte Arbeitgeber Königs Wusterhausens.


Die Demo gegen die Erweiterung des Megaschlachthofes wurde von den Anwohner*innen eher kritisch beäugt. Längst ist das Thema zum wichtigsten Statement in der Königs Wusterhausener Kommunalpolitik geworden. Linke und Grüne forderten die „sofortige vorläufige Stilllegung“, hatte Wiesenhof doch bereits vor Erteilung der Genehmigung die Produktionskapazitäten hochgefahren. Michael Reimann, Vorsitzender des Bündnisses Wir für KW und Unterstützer von SPD-Kandidat Georg Hanke hingegen lobte den Betrieb in höchsten Tönen: „Allein die Mittagsversorgung der Kolleginnen und Kollegen ist bemerkenswert gut und schmackhaft. Kein Essen über drei Euro.“ Achwas! Dafür gibt’s bestimmt ein ganzes Brathähnchen mit Pommes.

Schön wäre es doch, wenn Agrarkonzernen und Tierfabriken endlich ein Riegel vorgeschoben wird. Nicht nur weil sie seit Jahrzehnten mehr produzieren als nötig ist, um im internationalen Hahnenkampf um den niedrigsten Preis mitmischen zu können.

Sondern weil wir als Menschen, der mächtigsten Spezies auf Erden, für eben diese Erde eine Verantwortung tragen. Und mit dem Credo „Größer, weiter, schneller“ drücken wir dem Planeten etwas auf, was seine Kapazitäten bei Weitem übersteigt. Aber es soll Leute geben, die schon puterrot anlaufen, wenn der Preis für die Packung Hähnchengeschnetzelte bei ALDI diese Woche bei 2,19 € liegt. Wer soll da denn noch Geld für die Bärchenwurst haben? Na dann, Prost Mahlzeit!