Zeit für Forschung mit Eckart Kramer

In unterschiedlichen Projekten forscht Prof. Dr.-Ing. Eckart Kramer zu umweltschonender Nutzung natürlicher Ressourcen, zu Digitalisierung und Prozessentwicklung in der Land- und Lebensmittelwirtschaft sowie zu sensorbasierter Kartierung von Bodenparametern und autonomen Maschinen im Obstanbau.

Eckart Kramer (Foto: Johanna Köhle)

Seit wann sind Sie Forschungsprofessor*in und wie kam es dazu?

Die erste Forschungsprofessur wurde 2016 genehmigt. Es war die erste aus Drittmitteln finanzierte Forschungsprofessur an der HNEE. Das BMBF-Verbundprojekt "Informationsmanagement der Zukunft in regionalen Lebensmittelketten (RegioFood_Plus)" war mit neun Kooperationspartnern und einem Gesamtbudget von ca. 3 Mio. Euro inhaltlich sehr komplex. Für die sogenannte „Freistellung für anspruchsvolle Forschungsaufgaben“ wurde eine Lehrkraft für besondere Aufgaben beantragt und der Präsident stimmte zu. Dies eröffnete die Möglichkeit, sehr intensiv zu Fragen des digitalen Reifegrades kleiner Unternehmen zu forschen. Die Ergebnisse werden jetzt für die Lehre und für Beratungen genutzt. Studierende mit Kenntnissen zu ERP-Systemen und zur Erfassung betrieblicher Prozessdaten haben sehr gute berufliche Chancen. Andere Forschungseinrichtungen wurden aufmerksam. Jetzt sind wir Partner in einem Forschungsverbund zur Anwendung künstlicher Intelligenz in Ernährungssystemen.


An welchen Forschungsfragen können Sie zusammen mit Ihrem Team dank Ihrer Forschungsprofessur derzeit arbeiten?

Ich verfolge in meinem Fachgebiet sehr viele Fachthemen. Neben der Forschung zur Digitalisierung und zur Prozessentwicklung in der Land- und Lebensmittelwirtschaft sind es vor allem Forschungsfragen zur umweltschonenden Nutzung von Ressourcen wie Wasser, Sonne und vor allem Land. Unser Team aus aktuell 12 Mitstreiter*innen an der HNEE und vielen weiteren bei unseren Partnern ist thematisch sehr breit aufgestellt, hoch spezialisiert und super motiviert. Hinzu kommen Studierende, die uns mit Projekt- und Abschlussarbeiten unterstützen. Weitere Themen sind die sensorbasierte Kartierung von Bodenparametern und autonome Maschinen zur Pflege obstbaulicher Kulturen.

(Anm. d. Red.: Auf der Forschungsprojekte Seite von Eckart Kramer lassen sich alle Projekte nachlesen)


Was möchten Sie am Ende Ihrer Forschungsprofessur erreicht haben?

Weitere Ergebnisse von denen unsere Studierenden direkt profitieren können. Viele hochwertige Veröffentlichungen, mit denen sich unsere Projektmitstreiter*innen erfolgreich auf unbefristete Stellen bewerben. Ein noch stärkeres Partnernetz für neue spannende Projekte. Vielleicht eine Unternehmensgründung. Vielleicht ein Kompetenzzentrum. Eine weitere drittmittelfinanzierte Forschungsprofessur.


Wenn wir mal inhaltlich in ihre Forschung eintauchen, was sind da besondere Erkenntnisse, die Sie bereits hervorgebracht haben? Gab es Überraschendes?

Ja. In unserem EU-finanzierten EIP-Projekt zur präzisen Kalkung „pH-BB“ lag der Fokus zuerst auf der sensorgestützten Boden-pH-Kartierung. Gleichzeitig haben wir auch die Bodentextur sehr detailliert erfasst und festgestellt, dass den Landwirten gar keine präzisen Texturkarten zur Verfügung stehen. Die oft verwendeten Daten aus der Reichsbodenschätzung bilden die standörtlichen Verhältnisse nur ungenau ab. Weil viele Düngemengenberechnungen auf der Textur basieren, sind Überdüngungen auf Teilflächen und damit Nährstoffausträge in die Umwelt ungewollt vorprogrammiert. Wir haben die Sensortechnik und die Workflows für eine präzise Bodentexturkartierung entwickelt. Wir gehen davon aus, dass wir einen Beitrag zur kritisierten Methodik der Ausweisung von Nährstoffüberschussgebieten leisten können. Kürzlich stellten wir unsere Ergebnisse im Landwirtschaftsministerium in Potsdam (MLUK) vor, um eine Neuinventarisierung der Flächen anzuregen.

Reichsbodenschätzung vs. Sensorkartierung (Foto: Eckart Kramer)


Stichwort Transfer: Inwiefern ist der Austausch mit anderen Akteur*innen Bestandteil Ihrer Forschung und wie gestalten Sie diesen Austausch?

Ohne diesen Austausch ist ein Forschungsprojekt kaum noch möglich. Ohne multidisziplinäre Ansätze und Erfolgsversprechen ist bei Projektgutachter*innen kaum noch Aufmerksamkeit zu erregen. Also brauchen wir breit aufgestellte Teams und eine adäquate Finanzierung um die Erfolgsversprechen einzuhalten. Der Austausch ergibt sich durch Fachveranstaltungen, Workshops, Tagungen, aber auch durch regelmäßige Gespräche in den Teams und untereinander. Oft werden wir nach einer Veranstaltung angesprochen und es ergeben sich neue Ideen.


Welche lessons learned haben Sie für unsere Leser*innen?

Immer anzustreben, Personalmittel für eine Lehrkraft einzuwerben und eine „Freistellung für anspruchsvolle Forschungsaufgaben“ zu erreichen. Die heutigen Projekte sind inhaltlich und administrativ zu komplex um sie nebenbei erfolgreich durchzuführen. Niemals auf Budgetkürzungen eingehen: Solche „Auflagen“ werden mitunter erteilt. Sie führen ins Chaos. Dann lieber Arbeitspakete streichen oder das Projekt ablehnen, so schwer es auch fällt. Ein Tipp aus meiner Erfahrung für die Projektmitarbeiter*innen: Seid „egoistisch“. Publiziert soviel wie möglich um Euch erfolgreich auf unbefristete Stellen zu bewerben. Und für die Studierenden: Seid neugierig. Fragt nach, was in den Fachbereichen so läuft. Bringt Euch ein, es sind zukunftsrelevante Themen.


Forschungsprofessuren sind ein Förderinstrument, um Professor*innen die Möglichkeit zu geben für eine bestimmte Zeit, meist drei oder vier Jahre, ihren Fokus noch stärker auf die Forschung zu legen. An der HNEE gibt es seit kurzem auch Forschungsprofessuren, die den Schwerpunkt auf Transfer legen und zweieinhalb Jahre dauern. Während einer Forschungsprofessur wird das Lehrdeputat reduziert und ein*e akademische Mitarbeiter*innen übernimmt diesen Teil der Lehre. Fünf der elf Forschungsprofessuren an der HNEE sind derzeit am Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz angesiedelt.

Hier findet ihr weitere Interviews dieser Rubrik.