Zeit für Forschung mit Prof. Dr. Vera Luthardt

Aktualisiert: Mai 26

Forschungsprofessuren sind ein Förderinstrument um Professor*innen die Möglichkeit zu geben für eine bestimmte Zeit (zunächst 4 Jahre, aber verlängerbar) ihren Fokus noch stärker auf die Forschung zu legen.

Wie funktioniert´s? Während einer Forschungsprofessur muss „nur“ die Hälfte der Lehre (an einer Universität ist das für alle Profs so) gemacht werden und die andere Hälfte wird von akademischen Mitarbeiter*innen übernommen - das nennt sich dann„Deputatsreduktion um 50%“.

Vier der acht Forschungsprofessuren an der HNEE sind derzeit am Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz etabliert. Über unsere vier Forschungsprofessor*innen und die Themen an denen diese derzeit arbeiten, schreiben wir in unserer neuen Rubrik „Zeit für Forschung mit ...“. Heute sprechen wir mit Prof. Dr. Vera Luthardt.


Foto Credits: Ulrich Wessollek


Seit wann sind Sie Forschungsprofessorin und wie kam es dazu?

Das ist jetzt bereits meine dritte Forschungsprofessur an der HNEE. Diese begann 2018 und läuft bis 2022. Wie es dazu kommt: Ich bin seit 1992 an der Hochschule und arbeite seitdem durchlaufend an Forschungsprojekten bei gleichzeitig 18 Semesterwochenstunden, was schon eine enorme Belastung ist. Über die Forschungsprofessuren habe ich die Chance, meine Lehre zu 50% an eine Kollegin zu übergeben. Dabei kann ich die Verantwortung für diese Vorlesungen komplett abgeben. Zurzeit übernimmt Corinna Schulz einen Teil meiner Lehrleistungen. Sie ist zudem für die Geschäftsstelle im Naturschutzbeirat des MLUK im Einsatz. Durch die Lehrentlastung kann ich mich stärker in Projekte einbringen und das nicht nur formal, sondern auch mit meiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit. Diese zeitliche Kapazität ist eine tolle Sache. Die „Gefahr“ ist jedoch, dass man in der Zeit der Forschungsprofessur auch immer wieder neue Projektanträge stellt und wenn dann die vier Jahre um sind, muss man sehen, wie man nebenher diese Projekte bewältigt. Mit dieser Herausforderung muss man umgehen lernen.


An welchen Forschungsfragen können Sie zusammen mit Ihrem Team dank Ihrer Forschungsprofessur derzeit arbeiten?

Zur Zeit laufen mit zehn Projektmitarbeitenden sieben Projekte. Wir arbeiten an aktuellen und relevanten Themen und sind eine sehr wissenschaftlich angewandte Gruppe. Die Projekte lassen sich in drei Komplexe teilen: Einmal der Schutz von naturnahen Mooren und das Management der Nutzung auf Moorböden, also wie man landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Nutzung auf ehemaligen Moorstandorten nachhaltig durchführen kann. Der zweite Komplex ist das Entwerfen von Monitoringkonzepten. Seit 1997 findet die Ökosystemare Umweltbeobachtung in den UNESCO-Biosphärenreservaten Brandenburgs unter unserer Koordinierung und Umsetzung statt. Auch das Erfolgskontrollkonzept für den Naturschutzfond Brandenburg, welches wir entworfen haben gehört dazu. Der dritte Komplex bildet das Biosphere Reserves Institute (BRI) an der HNEE mit dem neuen Masterstudiengang Biosphere Reserves Management (BIOM), für das Prof. Dr. Pierre Ibisch und ich die wissenschaftliche Leitung übernommen haben.

In den letzten Jahren hat außerdem das, was man als „Third Mission“ bezeichnet, also die Beratung von Entscheidungsträger*innen, in meiner Tätigkeit sehr zugenommen. Dafür bin ich in etlichen Expertengremien, wie zum Beispiel für die vom Bund neu aufgestellte Moorschutzstrategie und in der Arbeitsgruppe vom MLUK für die Erstellung eines Moorschutzprogrammes für Brandenburg aktiv.

In allen Projekten und Aktivitäten schwingen die Aspekte Klimawandel, Klimaschutz und Klimawandelanpassung mit. Ohne den Blick auf diese Veränderungen können wir heute nichts mehr für die Zukunft planen.


Was möchten Sie am Ende Ihrer Forschungsprofessur erreicht haben?

Man macht sich natürlich am Anfang seine Pläne, wird dann aber von der Schnelllebigkeit unserer Zeit einfach überholt. Neue Anfragen und tolle Chancen kommen immer wieder, die über die Zeit der Forschungsprofessur auch oft hinausgehen. Aber man sagt natürlich nicht nein, nur weil man Angst hat, es nicht zu schaffen. Oft kann man auch gar nicht absehen, welche Dynamik manche Projekte annehmen. Ich hoffe, dass am Ende meiner Forschungsprofessur alle Projekte auch ein erfolgreiches Ergebnis erzielt haben und wir ein Stück Weges hin zu moorschonender Nutzung mit bereitet haben und das Biosphere Reserves Institute aus der Startphase herausgekommen ist.


Wenn wir mal inhaltlich in ihre Forschung eintauchen, was sind da besondere Erkenntnisse, die Sie bereits hervorgebracht haben?

In meiner letzten Forschungsprofessur haben wir Werkzeuge für die Praxis zur Planung von Schutzmaßnahmen für Waldmoore (DSS WAMOS) und von Moorschonender Grünlandbewirtschaftung (DSS TORBOS) entworfen. Diese aktualisieren wir jetzt. Außerdem erarbeiten wir gerade Steckbriefe für Landwirt*innen, die ihnen bei der Umstellung auf Paludikulturen (nasse Bewirtschaftung) helfen sollen. Ein jetziges Projekt, was gerade abgeschlossen ist, ist die Evaluierung der Agrarumwelt- und Klimamaßnahme „Moorschonende Stauhaltung“. Diese wurde zusammen mit Landwirt*innen evaluiert und gemeinsam ein Katalog mit Vorschlägen erstellt, wie diese Maßnahmen verbessert werden können. Wir sind also angewandt praktisch unterwegs, lernen demnach ständig aus Erkenntnissen und erarbeiten daraus für diverse Ebenen Entscheidungshilfen.


Gab es Überraschendes?

Konkret fällt mir jetzt nur ein, dass es mich gerade positiv überrascht, wie in der Politik das Thema Moorschutz zurzeit immer mehr aufgegriffen wird. Sehr positiv überrascht war ich auch von den Bewerbenden zum Start unseres neuen Studiengangs BIOM, den wir aus Zeitgründen so gut wie gar nicht bewerben konnten. Das zeigt, dass er einen aktuellen Bedarf aufgreift.


Uns interessiert ja auch das Themenfeld Transfer und die Frage, wie der Austausch mit anderen Akteurinnen Bestandteil Ihrer Forschung ist: Wie gestalten Sie das?

Wie man anhand der bereits genannten Projekte und Themen an denen wir gerade forschen sehen kann, sind wir bei allem was wir machen voll auf Transfer ausgerichtet. Mir ist wichtig für die Praxis zu arbeiten. Die Umsetzung von Plänen kann nur gelingen, wenn sie von vorne rein partizipativ gestaltet wird. Zum Beispiel sitzen wir gerade mit vier Landwirten an einem Tisch und planen die Bewirtschaftung von Flächen und suchen dabei gemeinsam nach alternativen Lösungen. Das wird auch gut angenommen.


Welche lessons learned haben Sie für unsere Leser*innen?

Einen Leitspruch, den ich ja schon seit langem mit mir rumtrage ist: „Aus Beobachtung wächst Erkenntnis“. Und nur aus Beobachtung von Prozessen in der Natur können wir Erkenntnisse ableiten. Gerade im Bezug auf den Klimawandel und Extremwetterereignisse hat das hohe Relevanz. Wir haben jetzt keine Zeit mehr uns das die nächsten 50 Jahre anzugucken, der Handlungsbedarf ist jetzt sofort. Deshalb ist es wichtig, Prozesse aus kontinuierlichen Dauerbeobachtungen einzuordnen und zu handeln.


Herzlichen Dank für das Gespräch!