7. Zukunftsdialog Ökolandbau – Transfer angewandter Forschung auf dem Gut Kienberg

Ein Beitrag von Judith Moering, Koordinatorin des InnoForums Ökolandbau Brandenburg


Was hat ein Zaunpfosten mit Biodiversität zu tun? Wie setzte ich Biodiversitätsmaßnahmen erfolgreich um? Wo hakt es in der Praxis? Mit diesen Fragestellungen setzten sich die mehr als 40 Teilnehmer*innen am 6. Oktober auf dem diesjährigen „Zukunftsdialog Ökolandbau – Transfer angewandter Forschung“ auseinander.


Das Thema „Biodiversitätsmaßnahmen auf dem Betrieb erfolgreich umsetzen“ wurde von den Referent*innen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Dr. Karin Stein-Bachinger (ZALF) führte aus wissenschaftlicher Sicht in die Thematik ein. „Ökolandbau trägt in vielen Bereichen zur Biodiversität bei“, so Stein-Bachinger. Unter anderem sei die Artenzahl auf Bioflächen teilweise um bis zu 300% höher. Dies zeigt die 2019 veröffentlichte Studie „Die Leistungen des Ökolandbaus für Umwelt und Gesellschaft“. Im Vortrag öffnete Frau Dr. Stein-Bachinger den Blick dafür, dass Biodiversität eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist und entlang der gesamten Wertschöpfungskette gedacht werden muss. Beispiele dafür lieferte sie aus dem Projekt „Landwirtschaft für Artenvielfalt“, dass vom ZALF wissenschaftlich begleitet wird. Zusammenfassend muss für erfolgreiche Biodiversitätsmaßnahmen die Komplexität der Einflüsse auf Biodiversität berücksichtigt werden.

„Biodiversität ist eine Gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ – Dr. Karin Stein-Bachinger (ZALF) (Fotos: HNEE, Judith Moering)

Daran anschließend konnten Ulrike Knuth und Gregor Kablitz ihre Erfahrungen aus und mit der Praxis unter anderem aus dem Modellprojekt Naturschutzberatung einbringen. Es wurde deutlich, dass Naturschutzfachberatung essenziell ist für die erfolgreiche Umsetzung von Biodiversitätsmaßnahmen. Hier wurde anhand von Praxisbeispielen zur Anlage einjähriger –und mehrjähriger Blühstreifen anschaulich gezeigt, wie sehr die erfolgreiche Umsetzung/Etablierung von Biodiversitätsmaßnahmen von der Begleitung durch eine versierte Naturschutzberatung abhängt. Blühstreifen können nach erfolgreicher Etablierung ein wertvolles Habitat für Wildtiere sein, insbesondere die Wildbienen sind für die Bestäubung von Kulturpflanzen bedeutsam. Aber auch sogenannte Schutzacker zeigten eindrücklich, wie stark solche Maßnahmen die Artenvielfalt erhöhen konnten. Auf einem von Gregor Kablitz betreuten Schutzacker fanden sich 51 Arten, 4 davon auf der roten Liste, und viele Vorliste Arten.

Ulrike Knuth und Prof. Dr. Ralf Bloch diskutieren über erfolgreiche Umsetzung von Biodiversität in der Praxis (Fotos: HNEE, Judith Moering)

Für Absolvent*innen der Ökolandbau Studiengänge mit Artenkenntnissen bietet sich hier durchaus eine Zukunftsperspektive.


Wie kommen Landwirt*innen an die Beratung im Naturschutzbereich? Im Modellprojekt Naturschutzberatung wurde deutlich, dass die Berater*innen (noch) proaktiv auf die Landwirt*innen zugehen. Die Beratung wird kostenlos angeboten und ist in der Beratungsrichtlinie des Lands Brandenburg verankert, wer Interesse daran hat kann sich auch auf den Seiten des Modellprojektes Naturschutzberatung informieren.


Wildbienenspezialist Dr. Christoph Saure (Büro für Tierökologische Studien Berlin) gab in seinem Vortrag einen Überblick über Biodiversitätsfördernde Maßnahmen auf Gut Kienberg und die Auswirkungen auf die Wildbienen-Fauna. In der Mittagspause verwöhnte der Betriebsleiter, Biolandwirt Oliver Franck, die Gäste mit Kürbissuppe und frisch gepressten Apfelsaft. Auch die Diskussionen und die Vernetzung untereinander kamen nicht zu kurz. Der Zukunftsdialog Ökolandbau hat in diesem Jahr wieder viele Akteure, darunter Landwirt*innen, Berater*innen, Forschungseinrichtungen, Studierende und Vertreter von Ministerien und Behörden und Verbände zusammengebracht und den Austausch untereinander befördert.

Betriebsleiter Oliver Franck servierte Kürbissuppe – bei schönstem Sonnenschein auf der Terrasse (Fotos: HNEE, Judith Moering)

Im Anschluss an den Vortragsteil ging es in die Praxis. Gemeinsam führten Betriebsleiter Oliver Franck und Dr. Christoph Saure über die Betriebsflächen. Vor Ort konnten die Teilnehmer:innen Blühstreifen, Wildbienenflächen und unterschiedliche Habitatstrukturen – wie beispielsweise Nisthügel zu Förderung bodenbrütender Wildbienen – erleben. Auch Schwierigkeiten, die sich aus der praktischen Umsetzung ergeben, kamen zur Sprache- wie zum Beispiel der erforderliche Umbruch von Blühstreifen, der etablierte Strukturen wieder zerstört, damit der Boden in der Kategorie Ackerland verbleibt.

Dr. Christoph Saure beantwortet Fragen der Teilnehmer*innen (Fotos: HNEE, Judith Moering)

Christoph Saure zeigte, wie man mit ganz einfachen Maßnahmen Wildbienen fördern kann: „Lassen Sie die Pfosten für Elektrozaun so wie sie sind, aus Holz!“. Diese seien ein idealer Brutplatz für viele Bienenarten und sollten möglichst nicht durch Plastik ersetzt werden. Auch offene, sandige Wege seien ein wichtiger Lebensraum und bieten bodenbrütenden Wildbienen Unterschlupf.

Lebensraum für Wildbienen (Fotos: HNEE, Judith Moering)

Zu guter Letzt ging es auf den Weinberg von Gut Kienberg. Namensgebend für seinen Betrieb sind die mächtigen, solitär stehenden Kieferbäume am künftigen Weinberg, verriet uns Oliver Franck. Hier wachsen vornehmlich „PIWIs“- beispielsweise Johanniter und Cabernet Blanc. Der diesjährige Wein ist schon geerntet, mit Säuregehalt war Oliver Franck zufrieden, trotz recht frühem Erntezeitpunkt.

Namensgebend: die knorrigen Kiefern am Hang (Fotos: HNEE, Judith Moering)

Sein Betrieb, den er 2015 gründete, vermarktet alles selbst, vom Wein bis zu den Eiern aus der Mobilstallhaltung. Die 440 Legehennen und ihre Bruderhähne der Rassen Marans, Bresse und Kreuzungen brütet der Betrieb selbst aus- so schütze er sich vor Krankheitsbefall und fahre damit bislang sehr gut. Die Rinderhaltung der schottische Hochlandrinder erfolgt extensiv. Auch eine Absolventin der HNEE arbeitet auf dem Betrieb, verriet uns der Betriebsleiter Franck. Wer neugierig geworden ist, kann gerne zum Praktikum kommen – „aber nur mit Traktorführerschein“, denn seit Beginn vor sieben Jahren ist der Betrieb mittlerweile von 25 auf 100 ha bewirtschafteter Fläche angewachsen.


Der „Zukunftsdialog Ökolandbau – Transfer angewandter Forschung“ bringt Expert*innen aus Wissenschaft, Beratung und Praxis ins Gespräch. Die Tagung wird seit 2016 gemeinsam mit dem Julius Kühn-Institut (JKI) an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) ausgerichtet. Sie richtet sich an Landwirt*innen der Region, Berater*innen des Ökolandbaus, (Nachwuchs-)Wissenschaftler*innen und Studierende der Hochschulen, aber auch an Politiker*innen, Journalist*innen, Vertreter*innen von Behörden des Bundes und der Länder sowie Verbandsvertreter*innen.


Weitere Eindrücke vom Zukunftsdialog 2022 in Bildern findet ihr auf der Seite des InnoForums.