Macker weg vom Acker – gegen Sexismus in der Landwirtschaft

Aktualisiert: 31. Jan 2019


photo credits go to Ines Hosp

„Weshalb sind auf Bauernhöfen die Frauen* für Küche und Kinder verantwortlich? Warum wird die Arbeit der Frau* so wenig gesehen und wert geschätzt? Warum müssen sich weibliche* Auszubildende mehr behaupten und beweisen als männliche? Warum wird ein Familienbetrieb nur als ein Betrieb eines heterosexuellen Paares gesehen? Wem wird als Jugendliche*r schweißen beigebracht und wem nicht?“


Diese und weitere Fragen schießen vielen durch den Kopf, wenn sie über Gleichberechtigung in der Landwirtschaft nachdenken. So ging es auch den Ökolandbaustudent*innen Miriam und Kristin aus Witzenhausen. Die Fragen ließen sie nicht mehr los und sie merkten schnell: Das traditionelle Rollenbild, das immer noch viele Höfe und Betriebe prägt, ist veraltet. Zeit, die verkrusteten Denkstrukturen aufzubrechen - Zeit für offenere und diskriminierungsfreie Räume auf dem Land! Unter diesem Motto gründeten die beiden zusammen mit anderen Menschen aus Witzenhausen die Gruppe „Ackerfeminist*innen“. Runde Sache, fanden wir und fragten sie nach Beweggründen, Zielen und Erfahrungen...


Wie kam es zur Gründung der Ackerfeminist*innen?

Miri: Wir haben hier in Witzenhausen einen feministischen Stammtisch, der sich regelmäßig trifft. Viele in der Gruppe studieren Landwirtschaft oder haben mit Landwirtschaft zu tun. Ein paar Menschen aus der Gruppe hatten die Idee, dass es cool wäre, die beiden Themen Landwirtschaft und Feminismus zusammen zu bringen. So entstand dann die kleine Untergruppe der „Ackerfeminist*innen.“ Das war erst im November – so lange gibt es die Gruppe also noch nicht. Seitdem sind aber schon ziemlich viele Leute zu uns gestoßen. Es gab schnell viel Austausch und auch viele Anfragen von außerhalb.


Habt ihr selber Erfahrungen mit Sexismus in der Landwirtschaft gemacht?

Kristin: Mir ist Sexismus immer wieder begegnet, als ich Praktika gemacht habe, zum Beispiel in Gärtnereien und im Ackerbaubereich. Ich habe teilweise nur unter Männern gearbeitet und immer wieder Sprüche abgekriegt. Ich hab mir dann gedacht: „Die meinen das nicht so“ und die Bemerkungen einfach runtergeschluckt, aber gleichzeitig haben sie mich doch extrem frustriert. In der Situation habe ich mich oft nicht getraut, direkt etwas zu sagen.

Miri: Mir ging es ähnlich. Ich hatte das Gefühl, dass es gerade in den Bereichen Gärtnerei und Ackerbau eine Normalität ist, dass Aufgaben, die mit Maschinen oder Technik zu tun haben, automatisch an männliche Praktikanten und Mitarbeiter vergeben werden. So wurde mir die Chance erschwert, überhaupt einen Eindruck von diesem Gebiet zu bekommen. Von Anfang an wurde ich als Frau eher ausgeschlossen – oder mir wurde nicht so viel zugetraut.

Kristin: Ich habe in einem Betrieb erlebt, dass Praktikantinnen Himbeeren geerntet haben, während männliche Praktikanten ganz selbstverständlich das Schlepper Fahren beigebracht wurde. Da musste ich dann erstmal sagen: „Hey, wartet mal, ich würde ganz gerne gefragt werden, welche Aufgabe ich machen will.“


Welche Forderungen stellen die Ackerfeminist*innen für mehr Gleichberechtigung in der Landwirtschaft?

Miri: Ein wichtiger Punkt ist eben zum Beispiel die selbstgewählte Arbeitsteilung. Frauen* sollten gleichberechtigt ihre Aufgaben wählen dürfen. Auch sollten Männer* machen dürfen, was sie wollen – egal ob das Himbeeren pflücken oder kochen ist. Jede*r soll die gleiche Wahl und die gleichen Möglichkeiten haben – unabhängig von Herkunft oder Geschlecht. Aber auch die gleiche und faire Entlohnung ist ein wichtiger Aspekt.

Kristin: Die Landwirtschaft ist in dieser Hinsicht im Moment noch sehr traditionell. Frauen* sind in der Regel im Haus tätig. Die Familienarbeitskraft wird meistens nicht entlohnt. Für die Arbeit der Frauen* im Hintergrund gibt es sehr wenig Wertschätzung, während die Männer* oft als Betriebsleiter den ganzen Hof repräsentieren.

Miri: Wir wollen Frauen* ermutigen, auch repräsentative Rollen zu ergreifen und sich als gleichwertigen und wichtigen Teil der Landwirtschaft zu sehen. Und egal wer letztendlich die Care- Arbeit, also die Arbeit im Haus übernimmt: sie muss unbedingt als gleichwertige Arbeit angesehen werden. Weitere Forderungen sind auch die Solidarität mit Saisonarbeiter*innen und mit Kleinbäuer*innen auf globaler Ebene.


Ein Blick auf einen beispielhaften Hof ohne Gender-Diskriminierung: Wie profitiert der Betrieb von der Gleichberechtigung?

Kristin: Ich kann mir gut vorstellen, dass der ganze Betrieb hierachiefreier werden könnte, wenn alle ihren Interessen nachgehen können. Wir wollen ja auch nicht, dass alle Machtpositionen ausschließlich von Frauen* wahrgenommen werden (lacht), sondern dass wir uns alle auf einer Ebene begegnen und dass das Schubladendenken abnimmt.

Miri: Ich denke, dass wir uns beide stark am Vorbild von Kollektiven orientieren, in denen auch auf hierarchische Strukturen verzichtet werden soll. Wenn Arbeit selber gewählt wird, ist die Zufriedenheit bei den Einzelnen viel höher – das wirkt sich auf die Gesamtatmosphäre aus, das Konfliktpotential nimmt ab.


Am 19.01. wart ihr bei der „Wir haben es satt“ Demo mit einem lila-pinken, feministischen Trecker-Block unterwegs. War das euer erster größerer Auftritt in der Öffentlichkeit? Wie war die Reaktion? Gab es auch Kritik?

Kristin: Viele Menschen sind auf mich zugekommen und fanden es gut und unterstützenswert, was wir machen. Ich hatte ein schönes Gespräch, als ich mit einer Freundin auf dem Trecker saß und wir von zwei konventionellen Landwirten auf unsere Banner angesprochen wurden. Die haben an die Scheibe geklopft und uns gefragt, was das alles soll, wo es doch total wenige Frauen* in der Landwirtschaft gibt. Dann haben wir ihnen erklärt, dass das nicht stimmt, dass 60 Prozent der weltweiten kleinbäuerlichen Landwirtschaft von Frauen*gemacht wird und dass auch die Saisonarbeiter*innen zu großen Teilen Frauen* sind. Im Endeffekt haben die beiden Landwirte dann sogar unsere Sticker mitgenommen, als sie gegangen sind, weil sie nachvollziehen konnten, was unser Anliegen ist.

Miri: Das Thema Feminismus wurde bisher in der Landwirtschaft noch nicht so stark angesprochen. Ich war zunächst erstmal ein bisschen unsicher, als wir unsere Plakate und Banner ausgepackt haben – die können schon mal radikal wirken. Ab und zu wurden unsere Banner tatsächlich kritisch beäugt, aber schon auf der Fahrt kamen viele interessante Gespräche zustande. Wir haben viel Anerkennung und Unterstützung erfahren.


Wie sieht eine typisches Gruppen-Treffen der Ackerfeminist*innen aus? Wie viele Mitglieder seit ihr im Moment?

Kristin: Das variiert relativ stark. Wir haben uns in letzter Zeit vor allem auf die Demo in Berlin vorbereitet. Es kommen immer unterschiedliche Leute zu den Treffen, aber im Kern sind wir ungefähr acht. Ich denke, dass ein Großteil des feministischen Stammtisches dahinter steht was wir machen, genauso wie wir uns natürlich als Untergruppe verstehen und auf keinen Fall mit ihnen konkurrieren wollen. Wir wollen nur einen weiteren Raum eröffnen, um das Thema Landwirtschaft explizit zu behandeln.


Wie geht es weiter? Habt ihr schon Pläne für die Zukunft?

Miri: Wir sind super motiviert, weiter zu machen. Am 8. März wird gestreikt, da wollen wir mitwirken. Wir haben hier mit dem feministischen Stammtisch und der Uni eine gute Struktur, und sind gut vernetzt. Wir können uns auch vorstellen, Vorträge zu organisieren. Klar ist es uns wichtig, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen – wir wollen aber auch praktisch tätig werden. Wir merken ja zum Beispiel, dass uns der Zugang erschwert wird, technische Fertigkeiten zu erlernen – dann organisieren wir eben Workshops, zum Beispiel zum Schweißen und Motorsägen, auch um uns selber weiterzubilden.

Kristin: Wir wollen einen Raum schaffen, in dem solche Fertigkeiten diskriminierungsfrei erlernt werden können, in dem sich Menschen trauen, Fragen zu stellen.

Miri: ...einen Raum in dem es okay ist, dass du so bist, wie du bist und das kannst, was du kannst.

Wenn du Lust bekommen hast, selber das traditionelle Rollenbild der Landwirtschaft aufzumischen nach dem Motto „Tradition könnt ihr euch schenken - gegen jedes Rollendenken!“, wenn du nächstes Jahr ebenfalls auf einem pink-lila Trecker mitfahren oder einfach nur mehr über die Ackerfeminist*innen erfahren willst, dann wende dich doch an: ackerfeminismus@lists.riseup.net


Anmerkung zur Geschlechteransprache: In manchen Fällen sprechen Miri und Kristin von Cis- Männern/Frauen (das sind Menschen, die sich ihrem bei der Geburt zugeteilten Geschlecht zuordnen) in anderen Fällen sprechen wir alle Geschlechter an. Diese sind mit einem Gender* gekennzeichnet.