Meatlove // Fleischatlas 2018



Unsere hauseigene Bildungselite hat an der neuen Ausgabe des Fleischatlasses mitgewirkt. Auf einer Doppelseite beschäftigt sich Prof. Dr. Bernhard Hörning mit kombinierten Systemen in der Tierhaltung. Wir haben ihn dazu befragt.


Wie kam es dazu, dass Sie mitgewirkt haben?

Ich wurde vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)angefragt, einen Artikel zu schreiben, wie verschiedene alternative Haltungssysteme kombiniert werden könnten, zum Beispiel Agroforstwirtschaft mit Hühnerhaltung. Die Thematik fand ich spannend, auch weil ich eine Vorlesung zu speziellen Nutztierarten halte. Ferner könnten alternative Nutzungsformen eine Chance für alte Nutztierrassen bieten.


Was hat sich seit der letzten Ausgabe des Fleischatlasses geändert? In dem neuen Fleischatlas will man weniger auf die Missstände aufmerksam machen, sondern über Alternativen informieren. Das ist mir natürlich auch ein persönliches Anliegen, und zwar schon seit 30 Jahren. Ich komme aus der wissenschaftlichen Disziplin der Nutztierethologie - das sind diejenigen, die sich mit der Tiergerechtheit der Haltung auseinandersetzen.

Welche Lösungsansätze sehen Sie für die momentanen Tierschutzprobleme?

Im Rahmen des Brandenburger Tierschutzplans habe ich eine Dokumentation zu Tierschutzmaßnahmen in Bund und Ländern zusammengestellt. Auch der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik kam in seinem Gutachten zur Nutztierhaltung zum Schluss, dass nur ein Bündel an Maßnahmen zu deutlichen Verbesserungen führen wird. Die Politik ist stark gefragt: sie muss Haltungsvorschriften in der Tierschutzverordnung verschärfen, denn freiwillig passiert da wenig – es hat 30 Jahre gedauert, bis die Käfighaltung in Deutschland verboten wurde.


Auch die Instrumente des Förderrechts könnten besser genutzt werden. Das Agrarinvestitionsförderprogramm (AFP) zum Beispiel wird kofinanziert durch Bund und Länder, teilweise auch von der EU, und bietet für Landwirt*innen interessante Möglichkeiten: hier können bis zu 40 % der Baukosten für Schweine- und Rinderställe zurückerstattet werden, wenn tiergerecht gebaut wird. 20 % bekommen die Landwirt*innen, wenn sie nach normalen Standards bauen. Aber auch hier können die einzelnen Bundesländer stärker eingreifen: Brandenburg bezuschusst zum Beispiel nur noch besonders tiergerechte Ställe. Wichtiger aber noch sind dauerhafte Förderung für Mehrkosten im Tierschutz. Durch Europäische Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) ist das schon möglich: Niedersachen fördert, dass die Schweineschwänze nicht kupiert werden, pro Schwein gibt es dann einen Zuschuss, andere Bundesländer bezuschussen Stroh bei Schweinen oder Weidegang für Milchkühe.

Es muss auch eine bessere Lebensmittelkennzeichnung geben. Wie bei den Eiern könnte man auch bei Schweinefleisch eine mehrstufige Kennzeichnung durchsetzen. 0 könnte dann „aus biologischer Haltung“ heißen, 1 mit Auslauf, 2 mit Einstreu und mehr Platz und bei 3 wüssten die Konsument*innen, dass es sich um Fleisch aus einer Haltung handelt, die nur den gesetzlichen Mindeststandards genügt. Viele dieser lobenswerten Ansätze stehen schon in der Nutztierhaltungsstrategie des Landwirtschaftsministeriums vom Sommer 2017, aber leider noch sehr unkonkret.


Auch der Handel ist gefragt: die großen Supermarktketten haben sich bereits Ziele im Tierschutz gesetzt. So fordern sie teilweise von den Lieferanten die Einhaltung weitergehender Bestimmungen. Die weitgehendste Möglichkeit ist natürlich, bestimmte Produkte ganz auszulisten. Dass das möglich ist, hat man ja am Beispiel der Käfigeier gesehen.


Essen Sie eigentlich noch ruhigen Gewissens Fleisch? Ich esse weniger Fleisch, auf neudeutsch heißt das wohl Flexitarier. Wenn ich Fleisch esse, dann möglichst aus verantwortungsvoller Haltung. Was sicher eine gute Alternative ist, ist Lammfleisch – aber das ist natürlich auch gleich das teuerste. Da ist auch in Deutschland relativ sicher, dass die Schafe auf der Weide gehalten wurden. Und wenn man schon eine Professur für ökologische Tierhaltung hat, wäre es ein bisschen unlogisch Tierkonsum komplett abzulehnen ;-).