Neues aus dem Silvaner-Garten: Exkursion ins Saale-Unstrut-Gebiet


Ein Beitrag von Aruna Reddig und Jamina Klein

Tag 1 //  Der Apfeltraum!?  

                       



Früh am Montagmorgen ging es los. Taschen und Menschen wurden in Autos verfrachtet, halb verschlafen, aber auch motiviert fuhren wir zu unserem ersten Ziel. Es war der Biobetrieb von Frau Hauke, auf dem sie verschiedene Apfelarten anbaut. Schon um 10 Uhr begrüßte uns die Sonne mit voller Stärke. Also ab in den Schatten und erstmal gucken, zuhören was uns so erwartet

Die Landwirtin hat gleich von Anfang an nichts schöngeredet. Wir seien auf ihr Sorgenkind eingeladen, eine Fläche von den 13 ha gepachteten Land, das sie bewirtschaftet. Mit all den anderen Bauern muss sie sich einen See teilen, was bedeutet, dass Wasser nicht gerade im Überschuss vorhanden ist. Doch das ist halb so wild, denn dieses Jahr muss sie mit größeren Schwierigkeiten umgehen. Frostschäden! Eine ganze Plantage von ihr ist den eisigen Temperaturen im Frühling zum Opfer gefallen. Frostschäden führen dazu, dass die Rinde aufbricht und somit Schädlinge und Krankheiten vieeel leichter den Baum schwächen können. Dazu fallen, wenn es hart auf hart kommt, befruchtete Blüten ab und es gibt gar keinen Ertrag. Ein zweites Standbein mit Beerenobst, würde vielleicht helfen die Schäden in Zukunft auszugleichen, überlegt sie. Aber wie wir alle merken ist es nicht so einfach.

Nicht einfach als kleiner Familienbetrieb die ganze Arbeit zu stemmen, nicht einfach auch noch ihre Äpfel zu selbst zu vermarkten und nicht einfach sich mit grantigen Nachbarbauern rum zu streiten. ''Allet rauf und dann is et lustig'', sagt sie mit Anspielung auf die konventionellen Landwirtschaft, ''funktioniert nicht.'' Die Landwirtin sieht wie viel mehr sie verdienen könnte, wenn sie wie ihre Nachbarn arbeiten würde, aber so will sie nicht leben. Den Weg des Ökolandbaus hat sie wegen ihrer Liebe zur Natur gewählt. Also kommt auf ihre Bäume kein synthetischer Dünger oder chemisches Pflanzenschutzmittel. Sie versucht es stattdessen mit zum Beispiel Homöopathie und Kleegrasdüngung für den benötigten Stickstoffeintrag in den Boden. Krankheiten, Schädlinge, Schaderregerkontrolle sind sehr wichtige Themen, die über den Erfolg eines Betriebes mitentscheiden. Haukes Apfeltraum ist wohl nicht das Leben im Paradies, aber ich finde gut was sie tut!

Nach der Ankunft auf dem Campingplatz ging es gleich weiter zum Weingut von Boy. Der Landwirt und Herr Piorr warteten schon auf uns, mit einer Flasche Wein in der Hand. Herr Boy sprach über Unterlagen, Veredlung und Sortenwahl. Aber auf leeren Magen, bei zwei oder vielleicht auch mehr Gläsern Wein noch konzentriert zu bleiben, das war nicht so einfach. Auch er war anscheinend schon ein wenig benebelt und verwechselt glatt eine Tomatenpflanze mit einer Weinrebe. Von dem werten Herrn existiert sogar ein Portrait als Holzschnitzerei, auf einem Holzfass im Weinkeller der Winzervereinigung Freyburg/Unstrut, die wir Donnerstag besuchten. Dunkel war es als wir auf dem Campingplatz ankamen. Müde und hungrig waren wir. Ein langer interessanter Tag ging zu Ende.

Heute gelernt: Bei solchen wie schon erwähnten Spätfrosten treibt die Blüte trotzdem aus und heißt dann Angstblüte. Ist das nicht ein süßer Name? Dabei habe ich die Vorstellung wie die Blüte förmlich zittert, bibbert und vor lauter Angst einfach vom Baum fällt. Arme Blüte!


Tag 2 // Sagt „Hey“ zum jungen Winzer



Der zweite Tag begann mit einem unheilvollen Wolkenhimmel, aber einer vielversprechenden Aussicht: Ein Tag auf dem Weingut von Mattias Hey. Er betreibt einen der jüngsten Weinbaubetriebe der Region - was von seinen 6 Hektar in der Flasche landet gilt allerdings schon jetzt zur Qualitätsspitze des Saale-Unstrut-Gebiets. Seine Reben stehen am Steilhang, da ist der Einsatz von Maschinen f


ast unmöglich. Gut, dass man sich Studierende einladen kann, die freiwillig Handarbeit leisten und den Unterstock von ertragsarmen Trieben befreien. Die klauen der Pflanze nämlich nur wertvollen Lebenssaft (aka Wasser und Nährstoffe), der eigentlich in die Trauben fließen soll. Merke: Viele Hände, schnelles Ende. Und: In der Mittagssonne lässt es sich im Weinberg nur arbeiten, wenn man in Gedanken schon bei der Verkostung ist. Die war allerdings das Schwitzen wert.

Dass Matthias Hey nicht nur Ahnung von Wein hat, sondern auch mit dem Herzen dabei ist merkt man seinen Reden und seinen Produkten an. Bei der Qualität macht er keine Kompromisse: wird eine bestimmte Sorte seinen Ansprüchen nicht gerecht, gibt es eben keinen Wein. Fertig. Auf die Füße gefallen ist ihm diese Konsequenz bisher nicht. Ganz im Gegenteil: mit Mut und Erfindungsreichtum sehen Herausforderungen nämlich wie neue Möglichkeiten aus. Was macht man, wenn der Zwis


chenhandel Margen von 50% berechnet, aber keine Lieferengpässe duldet? Man tut sich mit Gastronomen zusammen, die ihren Wein direkt beim Weingut bestellen. Man produziert was benötigt wird, hat damit eine Abnahmegarantie und vergrößert die Gewinnspanne. Außerdem stellt sich das Weingut Hey breit auf und organisiert kulinarische, kulturelle und weiterbildende Veranstaltungen - natürlich mit Weinbegleitung.



Weinselig und wohlgenährt wurden wir in den Abend entlassen, um auf dem Campingplatz umgestürzte Zelte vorzufinden. Während wir nämlich gemütlich die Gläser gegen das Licht hielten, um den Zuckergehalt des Weines zu begutachten, ha


tte es draußen ein Unwetter gegeben. Das hat nicht nur für Hagelschäden im Bestand gesorgt, sondern einigen von uns auch nasse Schlafsäcke beschert.  Tja, die Natur macht eben vor nichts und niemandem Halt.

Heute gelernt: Ein Korken ist kein Indikator für guten Wein. Der macht nur Sinn, wenn der Wein nach dem Fass noch in der Flasche gelagert werden soll. Gerade bei jungen, einfachen Weinen sind Schraubverschlüsse vollkommen ausreichend.


Tag 3 // Hornmist und Glyphosat, wie Tag und Nacht


Mittwoch gab es ein Kontrastprogramm. Als erstes wurde uns der Demeter Hof von Hartmut Rühlmann vorgestellt und danach der Hof von Herr Müller der kontrollierten integrierten Obstanbau betreibt. 
Ein Duft von Pferdeäpfeln heißt uns willkommen auf dem Hof von Herr Rühlmann. Im sächsischen Dialekt fängt er an, ein wenig schüchtern, zu uns vielen Studentinnen und Studenten zu sprechen. 
Wie ist er zum biologischen Landbau gekommen - vor Jahren hat der Betriebsleiter am Einführungskurs Biologisch dynamische Landwirtschaft teilgenommen und seit 2004 wirtschaftet er nach Demeterrichtlinien.
 Auch heute gibt es diesen Kurs noch.




Diese Art der Landwirtschaft hat etwas Magisches. 
Herr Piorr erzählt uns von einem Experiment. Bei dem die Wirkung der Demeter Präparaten getestet werden sollte. Die testende Person wusste nicht auf welche Pflanzen dieser natürliche Dünger gegeben wurde, konnte trotzdem alle Pflanzen auf Grund grünerer Farbe, gesunderem Aussehen, etc ausfindig machen. 
Warum Präparate wirken kann die Wissenschaft bis heute nicht mit Sicherheit sagen. Für Hartmut Rühlmann sind die kosmischen Energieflüsse eine Erklärung. 
Seinen Boden-, Nährstoff und Düngeansprüche regelt er

also mithilfe der Kompost- oder Spritzpräparate. 
Seine Art der Anbau Erziehungsform ist vertikal, der Wein wächst also von unten nach oben, ohne dass die Rebe sich zur Seite ausbreiten kann. Viel Ertrag macht auch dieser zweite ökologische Betrieb nicht, aber Herr Rühlmann tut mehr als gut zu wirtschaften! Zum Beispiel macht er mit seinen Kühen, Zwergzebus, auch noch Landschaftspflege. Und ratet mal wie lange seine Leitkuh schon lebt! Sie ist älter als ich...ganze zweiundzwanzig Jahre alt. Wow!

Auf zum nächsten Hof. Kontrollierter, integrierter Obstbau erwartet uns.
Aber bevor es mit Vorträgen weiter ging, hatten wir eine herzzerreißende Entdeckung gemacht. KATZENBABYS! Soo kleine, soo süße und weiche Katzenbabys. Die zähle ich zu den Highlights des Tages. Nagut, Schluss mit lustig. Schon die kleine Wanderung durch die Apfelplantage von Müller machte einen komplett anderen Eindruck. Die Bäume sahen fast alle gleich aus, standen in Reih und Glied. Ein richtiger Musterbe


trieb könnte man sagen.
 1ha Gerüst, Netz, Bäume, Bewässerung kosten ihn 35000€. Und er hat 18 ha davon...
Damit alles wächst und gedeiht wird nicht an Herbizide, Insektizide oder anderen Pflanzenschutzmitteln gespart ( auch nicht an Glyphosat ). Die Ertragsstrukturen, Erträge, Wirtschaftlichkeit sind hier das A und O. '' Vermarktung ist mindestens so wichtig wie die Produktion'', sagt er.
Später verrät er uns seinen Jahres Umsatz und ja, er hat verstanden wie mann/frau 
ordentlich Geld macht!
 Die Gefühle spalteten sich vor allem bei diesem Betrieb.
 Kompetenz hatte Herr Müller, ein böser Kerl war er auch nicht, doch ob ihn Boden, Pflanze, Umwelt interessierte außer im Kontext: Preis-Leistungsverhältnis, war nicht wirklich zu erkennen.
 Wäre es nicht langweilig ohne Stoff zum Diskutieren? 


Heute gelernt:
Ihr erinnert euch bestimmt an die Spritzpräparate. Wusstet ihr wie viel Arbeit


Tag 4 // Läuft... Aus dem Fass ins Glas



Die meisten Winzer*innen aus dem Umkreis lassen ihre Weine bei der Winzergenossenschaft verarbeiten. Kann man verstehen – ein eigener Keller ist mit viel Aufwand verbunden und ein gutes Endprodukt fließt auch nicht von allein aus dem Fass. Auch der einzige Bio-Winzer der Region, Herr Rühlmann, bringt seine Ernte zur Genossenschaft und kauft den Wein später zurück. Und weil er eben der Einzige ist, kann man auch sicher sein, dass man beim Bio-Weißburgunder nur seinen Traubenmost in der Flasche hat. Bei den anderen Winzern sieht die Sache schon anders aus, da mischen sich die Ernteprodukte verschiedenster Winzer in einem Stahltank. Das klingt jetzt erst mal unromantisch, sieht auch unromantisch aus – macht aber Sinn. Für die Winzer bedeutet das weniger Arbeit, für den Ku


nden eine gleichbleibende Produktqualität. Gibt es auf einem Weingut mal ein schlechtes Jahr, gleichen andere Trauben das aus. Ob man überhaupt uniforme Weine will, darüber kann man sich natürlich streiten. Klar ist, dass bei der Genossenschaft Grundregeln herrschen, die am Ende den Verbraucher*innen zu Gute kommen. So werden bei jeder Charge Proben entnommen, um die Trauben auf mögliche Pflanzenschutzmittelrückstände zu testen. Außerdem arbeitet hier keiner mit chemischer Filtrierung, sondern mit der natürlichen Sedimentation.  Was dabei entsteht ist übrigens der Weinstein, der sich in den meisten ökologischen Backpulverpäckchen befindet.

Manche Weine dürfen danach noch eine Runde ins Holzfass. Meistens sind das Rotweine, es gibt allerdings auch Weißweine, wie zum Beispiel Chardonnay, die im Fass ausgebaut werden. Diese Weine haben eine dunklere Farbe und die typischen Barrique-Noten. Beides entsteht aufgrund der Eigenschaften und der Behandlung des Eichenholzes. Die Fässer werden vor der Verwendung ausgebrannt, was im Fachjargon tatsächlich „getoastet“ genannt wird. Außerdem enthält Eichenholz geringe Mengen an Vanillin. Während der Most in den Fässern lagert, nimmt er diese Rauch- und Vanillearomen an. Deswegen gilt auch: Je kleiner das Fass, desto besser das Volumen-Oberflächen-Verhältnis, desto stärker das Barrique-Aroma.

Aus den Tiefen entstiegen wurden dann noch etliche Flaschen geöffnet und degustiert. Es wurde geschwenkt und geschnüffelt – so wie wir das bei Hey


gelernt hatten – und elaboriert kommentiert. „Vielversprechende Nase, aber im Abgang absolut flach.“, „Eindeutig zu lange Fasslagerung für diese Rebsorte“. Naja.

  Fake it ’til you make it.

Heute gelernt: der Weinausbau in Eichenholzfässern ist ganz schön teuer. Deswegen hat sich die Industrie da was ausgedacht: Den Weinen in den Stahltanks werden Holzchips hinzugefügt. Das kann man sich wie Teebeutel vorstellen. Die Chips geben dem Wein das typische Aroma, werden nach der gewünschten „Ziehzeit“ entfernt, bewahren den Kellermeister aber vor den Mehrkosten der traditionellen Fasslagerung.


Tag 5 //  Gisela 5


Nein, es handelt sich dabei nicht um ein Vitaminpräparat für Senioren (auch wenn wir einen Ausflug zur Lehr- und Versuchsanstalt Gartenbau in Erfurt  allen Altersgruppen empfehlen können), sondern um eine sogenannte Unterlage für Kirschbäume.

Am letzten Exkursionstag werden wir in die Geheimnisse der zukünftigen Obstplantagen eingeführt. Heutzutage, und damit meine ich dieses kritisch zu betrachtende „heutzutage“, das die Wirtschaftlichkeit als oberstes Ziel betrachtet, wird nichts mehr dem Zufall überlassen. Während man durch die Kirsch-, Apfel- und Aprikosenbäume streift, fallen einem zwischen den Blättern fremdartige Gerätschaften auf. Wärmebildkameras messen die Blatttemperatur, kleine Sensoren kontrollieren die Wasserversorgung der Pflanze. Über einem Teil der Bäume sind riesige lichtdurchlässige Planen gespannt, um die Pflanzen vor Schädlingen und ungünstiger Witterung zu schützen. Aufgrund der steigenden Nachfrage nach makellosen Erntefrüchten überlegt man in Zukunft den Obstanbau komplett zu überdachen. Das ist momentan noch zu teuer. Allerdings sollte nicht die Frage nach dem Preis der ausschlaggebende Faktor sein, sondern die nach der Sinnhaftigkeit. Gäbe es auf dem Markt mehr Obst und Gemüse mit vermeintlichen Mäkeln, würden sich die Leute vielleicht einfach daran gewöhnen? Und wie perfekt können Äpfel sein, deren momentaner Marktwert bei 35 cent pro kg liegt? Aber zu philosophisch wollen wir nicht werden, denn die LVG ist vor allem dazu da alle erdenklichen Ideen auf ihre Alltagstauglichkeit zu testen. Das gilt nicht nur für essbare Pflanzen, sondern auch für Zier- und Nutzgewächse wie Blumen, Sträucher und Bäume. Das ist beispielsweise für die Flächenbegrünung in Städten und Parks relevant. Welche Pflanzen machen an einem bestimmten Standort überhaupt Sinn? Und welches Gewächs passt nicht nur in Gesamtbild, sondern hat zudem nützliche Eigenschaften? So filtern manche Bäume besonders viele Schadstoffe aus der Luft, während andere schädlingsabweisend wirken.

Am letzten Samstag im August öffnet die LVG ihre Türen und beantwortet Laien, Hobbygärtnern und Profis Fragen wie „Was sind das für komische Punkte auf meinem Apfel?“ und „Gemeingefährliche Feldhasen nagen an meinem Stachelbeerstrauch. Was tun?“. Dass die Angestellten hier mit Herzblut bei der Sache sind, wird schnell klar. Kratzen, sieben, obduzieren: Alles im Sinne der Forschung. Zu diesem Zweck stehen sie auch mal bei Minusgraden nachts zwischen den Obstbäumen und machen in großen Blechtonnen Feuer, um die Blüten vor Frostschäden zu schützen. Da soll noch mal einer Witze über die Arbeitsmoral von Beamten machen!

Heute gelernt: Kirschbäume brauchen kalkhaltige, sommertrockene Böden. Wer also im Juli mit dem Gartenschlauch unter’m Baum steht, mit der Absicht ihm etwas Gutes zu tun, bewirkt vielleicht genau das Gegenteil.