Mehr ist weniger – Suffizienz an der HNEE

Wie unsere Hochschule durch Suffizienz noch nachhaltiger werden kann, haben Radka Geißler und Inken Schlieder im Rahmen des Moduls „Projektarbeit“ im fünften Semester des Bachelorstudiengangs LaNu untersucht.

Damit eine Hochschule wirklich nachhaltig ist, braucht es auch Suffizienz (Illustration: Radka Geißler)


Suffizienz? Was bedeutet das eigentlich und wie habt ihr das für euer Projekt definiert?

Radka: Suffizienz bedeutet Einsparung und Verzicht, was zu einer höheren Lebensqualität und zu mehr Nachhaltigkeit führt. Suffizienz kann materiell gedacht werden, wenn z.B. Ressourcen eingespart werden. Wir haben uns aber auch mit den sozialen Aspekten von Suffizienz auseinandergesetzt, z.B. die Einsparung von Arbeitszeit, weniger leistungssteigernde Faktoren und dem Thema Wachstum generell.


Warum ist Suffizienz wichtig an unserer Hochschule?

Inken: Durch Suffizienz soll eine qualitative Weiterentwicklung in Studium und Lehre an der HNEE ermöglicht werden. Die Hochschule trägt Nachhaltigkeit bereits im Namen und Suffizienz ist neben Effizienz und Konsistenz Teil des Nachhaltigkeitskonzepts. Wenn nur die anderen beiden Aspekte berücksichtigt werden, funktioniert Nachhaltigkeit nicht. In vielen Punkten ist die Hochschule eher auf Effizienz ausgerichtet und wachstumsorientiert. Politisch und finanziell bedingt, hat sie den Anspruch, mehr Studierende aufzunehmen und mehr Studiengänge anzubieten. Suffizienz ist für viele Unternehmen und auch für die Hochschule „unsexy“, weil der Gedanke der Leistungssteigerung so stark in unserer Gesellschaft verankert ist.


Wie suffizient ist unsere Hochschule denn bereits?

Radka: Auf der einen Seite gibt es an der Hochschule schon gute suffiziente Strukturen, z.B. die Fairteiler-Kühlschränke und den Schenkschrank, einen Beschaffungsleitfaden, in dem geregelt ist, welche Materialen gekauft werden können und ab wann etwas weggeworfen werden darf, die familienfreundliche Hochschule, oder der Silencespace – einen Ort zum Entschleunigen. Auf der anderen Seite wurde von Mitarbeitenden oft der Personalmangel angesprochen, der zu einer hohen Belastung und vielen Überstunden führt. Auch viele Studierende empfinden durch das Studium einen starken Leistungsdruck und Stress.


Wie seid ihr bei eurem Projekt vorgegangen?

Inken: In der Suffizienztheorie gibt es die vier „E’s“: Entschleunigung, Entrümpelung Entkommerzialisierung und Entflechtung. Wir haben diese Theorie für unser Projekt angepasst und insgesamt sechs Kategorien entwickelt: Vernetzung, Bürokratieab- und umbau, Material- und Ressourceneinsparung, Leistungsdruck und Orte der Suffizienz. Wir haben an der Hochschule eine Umfrage durchgeführt an der 269 Studierende, Lehrende und Mitarbeitende teilgenommen haben und zusätzlich 11 Interviews mit Personen aus verschiedenen Bereichen der Hochschule durchgeführt. Anhand der gewonnen Daten und mit mithilfe der sechs Kategorien konnten wir die aktuelle Situation an der Hochschule bewerten und Verbesserungsvorschläge entwickeln.


Und was war das Ergebnis eures Projekts?

Radka: Unser Ergebnis ist, dass die HNEE entsprechend unserer Kategorien noch keine suffiziente Hochschule ist, es aber bereits Ansätze dafür gibt und auch Menschen, die sich dafür einsetzen. Viele übergeordnete Strukturen führen dazu, dass Suffizienz an der HNEE noch nicht so weit gekommen ist. Die wenigen „Mittelbaustellen“ führen zu einem sehr großen Arbeitspensum bei den Dozent*innen, d.h. zu Überstunden und einer hohen Belastung. Eine andere Herausforderung stellt die Verwaltung dar, die bei mehr Studierenden zwar zunimmt, aber nicht automatisch mitwächst (z.B. mit mehr Personal).

Inken: Eine Erkenntnis für uns war, dass soziale und materielle Suffizienz Hand in Hand gehen. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen, damit Mitarbeitende und Studierende Zeit haben, tiefgehend über Suffizienz nachzudenken und dementsprechend handeln können.


Poster des Suffizienz-Projekts (Illustration: Radka Geißler)


Und welche Verbesserungsvorschläge konntet ihr definieren?

Inken:

Ein Vorschlag für die Dozent*innen ist die vermehrte studiengangsübergreifende Vernetzung und Zusammenarbeit, um durch Arbeitsteilung den Arbeitsaufwand zu verringern. Um für Studierende den Leistungsdruck zu mindern ist es wichtig, das Curriculum zu entschlacken und den Arbeitsaufwand für die Kurse besser an die Credit-Anzahl anzupassen. Generell sollte genau überlegt werden, ob und wie eine Bewertung stattfindet, um die Konkurrenz und den Druck zu verringern.

Radka: An der Hochschule wird auch überlegt, Prüfungen häufiger anzubieten und so das Studieren flexibler zu machen. Das bringt zwar individualistische Freiheiten für die Studis, bedeutet aber mehr Arbeitsaufwand für die Lehrenden. Hier das Gleichgewicht zu finden, ist gar nicht so einfach.


Wird euer Projekt an der Hochschule nun weiterverfolgt?

Radka: Das Nachhaltigkeitsmanagement der Hochschule hat uns während des Projekts unterstützt und arbeitet weiter dran, die Hochschule nachhaltig zu gestalten.


Habt ihr aus dem Projekt auch etwas für euch persönlich mitgenommen?

Inken: Ich muss sagen, das Semester, in dem wir an der Projektarbeit gearbeitet haben, war sehr ambivalent. Wir haben uns einerseits viele Gedanken zu Suffizienz und Entschleunigung gemacht und andererseits waren wir sehr gestresst von dem Arbeitsaufwand für diesen und andere Kurse und haben an unserer Belastungsgrenze gearbeitet. Die Projektarbeit hat mir aber dennoch weitergeholfen und ich habe dieses Semester mein Arbeitspensum verringert. Ich denke, dass politische Veränderungen bei einem selbst anfangen und so in die Gesellschaft getragen werden.



Vielen Dank für das Gespräch und auf ein suffizienteres Leben ;)!