Der Nachhaltigkeitspräsident – Ein Interview mit Wilhelm-Günther Vahrson

Aktualisiert: Okt 26

Teil 1 der Interviewreihe mit dem ehemaligen Präsidenten Prof. Dr. Vahrson, Interimspräsidentin Prof. Dr. Heike Walk und dem neuen Präsidenten Prof. Dr. Matthias Barth

Wilhelm-Günther Vahrson war 22 Jahre Präsident der HNEE. Anfang Mai, zwei Monate nachdem er in den Ruhestand eingetreten ist, durfte ich ihn an dem Ort treffen, den er über zwei Jahrzehnte durch sein Wirken stark geprägt hat. An dem kühlen Nachmittag kommt Prof. Vahrson, von dem Zwitschern der Vögel begleitet, pfeifend und sichtlich entspannt über den Hof des Stadtcampus geschlendert. Wie bei einem richtigen LANU, schweift sein Blick dabei durch das Grün des Innenhofs, den er mitgestaltet hat.

Foto Credits: Thomas Burkhardt


Sie kamen 1993 als Hochschullehrer des Fachbereichs 2 LANU nach Eberswalde. Was hat sie hierher verschlagen?

Ich fand das angewandte Konzept der Hochschule sehr überzeugend. Im Gegensatz zur Freien Universität Berlin, an der ich studiert habe, war hier die Vermittlung sehr viel direkter und auch der Bezug zu den Studierenden viel enger. Ich denke, dass Lehrende und Studierende hier eine starke Verantwortung wahrnehmen.


Liegt das an der Größe der Hochschule?

Ja sicher, aber auch daran, dass wir viele Leute mit einer intrinsischen Motivation hier haben, die nicht nur ihre Lehre abreißen wollen, sondern auch das Gefühl haben, sie müssen wirklich etwas an die Studierenden weitergeben. Sie übernehmen für sich und den Rest der Welt eine Verantwortung.


Und welchen Teil tragen die Studierenden dazu bei?

Es gibt viele Überzeugungstäter*innen, die hier studieren wollen. Es kommt vergleichsweise häufig vor, dass Studierende der HNEE zuvor etwas anderes studiert haben. Sie kommen an die Hochschule um etwas zu machen was sie wirklich erfüllt. Das war auch schon zu meiner Anfangszeit so. Zum Beispiel der Inhaber des Naturkostladen Globus, Thorsten Pelikan, hat vorher bei einer Bank gearbeitet. Solche Beispiele gibt es viele. Ich finde es toll, dass Leute mit ausgereiften Ideen und Vorstellungen an die HNEE kommen und nicht mehr ganz so grün hinter den Ohren sind. Eine ganze Reihe unserer Studierenden bringen eine tiefe Auseinandersetzung mit der Studienwahl mit – das prägt die Hochschule und hat mich damals schon sehr beeindruckt. Die HNEE hat konsequenterweise als erste Hochschule in Deutschland vor mehr als 20 Jahren das Amt eines*r stud. Vizepräsident*in eingeführt.


Wo ist ihr Lieblingsort an der Hochschule?

Die Baumelbank im Forstbotanischen Garten. Ich war ab und zu dort um zu entspannen und meine Beine baumeln zu lassen.


Bevor Sie nach Eberswalde kamen haben Sie 7 Jahre (1986-1993) in Costa Rica gearbeitet. Wie war die Zeit dort?

Nach meiner Dissertation 1985 zum Thema Grundwasserbildung in der libyschen Wüste, bin ich über einen Kollegen auf die Stelle als Gastprofessor an der Universidad Nacional de Costa Rica im Fach Geographie gekommen. Nebenbei war ich auch Berater für Boden- und Katastrophenschutz und habe im Bereich Naturkatastrophen zu Überschwemmungen und Starkregen geforscht. Die Zeit in Costa Rica war toll. Aus familiären Gründen wollte ich dann irgendwann zurück nach Deutschland und bin schließlich auf Eberswalde aufmerksam geworden.


Die Hochschule hat viele internationale Projekte. Viele Studierende fragen sich, ob Langstreckenflüge in Zeiten des Klimawandels noch angemessen sind. Sollen wir für unser Praxissemester noch nach Lateinamerika fliegen oder besser in Brandenburg bleiben?

Das ist eine schwierige Abwägung. Ich denke, wenn der Grund des Flugs ein touristisches Erlebnis ist, kann man das nicht verantworten. Wenn man aber fliegt, um in andere Kulturen einzutauchen, längerfristige Projekte umzusetzen und es dort etwas Sinnstiftendes gibt, dann würde ich das Fliegen als angebracht erachten. Wir wollen und müssen uns international weiter verknüpfen.


Als sie Rektor wurden, waren 700 Studierende an der Hochschule eingeschrieben, heute sind es mehr als drei Mal so viele, nämlich 2.300. Das Thema Nachhaltigkeit wird immer attraktiver. Wir stehen heute allerdings vor riesigen Herausforderungen wie dem Klimawandel, dem Artensterben und einer Pandemie. Die Menschheit hat sich alles andere als nachhaltig entwickelt. Wie soll es Ihrer Meinung nach weitergehen? Wie entwickelt sich unsere Welt?

Das ist eine schwierige Frage. Ehrlich gesagt war ich früher optimistischer, denn für viele der globalen Entwicklungsziele haben sich die Zahlen und Werte besser entwickelt, z.B. gab es Fortschritte bei der Hunger- und Armutsbekämpfung – wobei man sich bei den Daten auch nie sicher sein kann. Aber ich denke spätestens mit der Pandemie sind viele dieser Fortschritte zunichte. Wahrscheinlich waren sie es vorher schon, wenn man sich die Kriege und kriegerischen Auseinandersetzungen z.B. in Nordafrika oder im Nahen Osten anschaut. Das sind schwierige Situationen, die sich weltweit auswirken. In vielen Punkten kann ich nicht mehr blauäugig zuversichtlich sein. Wir haben beim Klima wenig gerissen, beim Artensterben gibt es große Probleme, was mit unseren Anbaumethoden und unserem Lebenswandel zu tun hat. Es nützt nichts, wenn wir uns hier die Welt schön machen mit neuen Naturparks, aber weiterhin Soja aus Lateinamerika importieren.

Foto Credits: Wilhelm Vahrson


Und welchen Beitrag kann eine Hochschule wie die HNEE für eine nachhaltige Zukunft leisten?

Ich sehe schon, dass wir versuchen können hier handlungsorientierte Beiträge zu liefern, beispielsweise im Bereich des Schutzgebietsmanagements. Ziel des Fachbereichs 2 ist es, Landnutzung und Naturschutz zu verbinden und Formen dafür zu finden. Dort sehe ich Wirkungsweisen und Möglichkeiten, wo auch eine kleine Hochschule etwas leisten kann. Sie wird nicht die ganze Welt retten, aber sie kann kritische Menschen ausbilden, die an den richtigen Stellen die richtigen Fragen stellen. Wenn diese später in den Unteren Naturschutzbehörden oder in touristischen Organisationen kritische Fragen stellen und mitwirken, dass ein Problem nicht eskaliert, sondern vielleicht gelöst wird. Ich sehe aber im Moment leider mehr Fragezeichen als Lösungen.


Eine Bewegung sehen wir ja momentan beim deutschen Klimaschutzgesetz. Das Bundesverfassungsgericht hat das Gesetz in Teilen als verfassungswidrig erklärt, da es sich nicht ausreichend um die Senkung der Treibhausgas-Emissionen bemüht und so der jungen Generation zu Lasten fällt. Mit einem neuen Klimaschutzgesetz soll Deutschland bis 2045 klimaneutral werden. Die Hochschule ist bereits seit 2014 klimaneutral und war damit die erste Hochschule Deutschlands. Was kann die Bundesregierung von der HNEE lernen? Was würden Sie empfehlen?

Bei der Klimaneutralität der Hochschule muss man immer wieder auf die Systemgrenzen verweisen. Man muss ganz klar sagen, dass die Klimaneutralität für unsere internen Abläufe gilt, aber, dass gewisse Probleme noch nicht gelöst sind. Es gibt 350t C02, die wir hausintern nicht vermeiden können. Diese kompensieren wir in einem Projekt in Kenia dem Kakamega Projekt und da muss man sich fragen: Ist das eigentlich der richtige Weg? Auch für die Bundesrepublik? Ich finde das Projekt toll und Kompensationsprojekte sind eine Möglichkeit, aber nicht die allerbeste. Eigentlich wäre es doch sinnvoll, dass diese Defizite, die wir durch Kompensationsmaßnahmen ausgleichen, gar nicht erst entstehen. Davon sind wir jedoch noch einige Schritte entfernt. Was ich empfehlen würde ist, dass man sich konkrete Ziele setzt. Das passiert jetzt auf Bundesebene, aber mit vielen Schlupflöchern und Hintertürchen. Es muss genaue Vorgaben geben, wieviel CO2 und andere klimarelevante Gase in den einzelnen Sektoren eingespart werden sollen. In dieser Hinsicht sind wir an der HNEE ziemlich weit, aber noch nicht so weit, dass man das eins zu eins auf einen großen Organismus übertragen könnte.


Am 1. Mai 1830 begannen die ersten Vorlesungen der damaligen Forstakademie hier am heutigen Stadtcampus. Die Hochschule wurde nach dem 2. Weltkrieg wiedereröffnet, 1963 aber aus politischen Gründen geschlossen. Erst 1992 begann der Unterricht wieder und 1998 wurden Sie Rektor. 2010 wurde die Fachhochschule Eberswalde in Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde umbenannt. Sie prägten sehr stark die Ausrichtung der heutigen Hochschule. Wenn Sie Ihre Amtszeit mit dem Wetter vergleichen würden, was waren die Lichtblicke, die sonnigen, unbeschwerten Stunden und wann hingen die dunklen Wolken über ihrer Präsidentenzeit?

Als ich 1998 angefangen habe, war eine Schlechtwetterperiode. Das Land Brandenburg hatte große Ausbauziele für seine Hochschulen vorgesehen, aber dann kein Geld mehr übrig. Deshalb hatte die Hochschule statt der geplanten 50 Hochschullehrer*innen nur 28. Deshalb mussten wir uns auch ganz schnell fragen, wohin wir uns mit unseren geringen Ressourcen entwickeln wollten, und zwar unabhängig von der jeweiligen Wetterlage. Eine klare Profilierung der Hochschule mit dem Kernelement Nachhaltigkeit war das Ergebnis eines ersten Leibildprozesses.

Für mich war der erste Lichtblick dann, als es um das Jahr 2000 der damaligen Ministerin Johanna Wanka gelang, eine Wertschätzung für Hochschulen in der Landesregierung zu verankern. Zuvor lag der Fokus mehr auf dem „Bauernland Brandenburg“ statt auf Bildung. Generell hatten die dunklen Wolken immer mit Finanzen zu tun. Sehr gut und hilfreich waren später die Bundesmittel zur Hochschulentwicklung, damit konnte die HNEE im neuen Licht glänzen.

Der zweite Lichtblick war der Bologna Prozess. Die Angleichung der Abschlüsse (Bachelor und Master) ermöglichte es den Fachhochschulen mit den Universitäten gleichzuziehen. Das bedeutete mehr Selbstbewusstsein für die Fachhochschulen und war enorm wichtig und hilfreich für die Entwicklung der HNEE.

Ein ganz wichtiger Punkt war auch 2007, als wir beschlossen haben ein betriebliches Umweltmanagementsystem an der Hochschule zu etablieren. Wir sind zweimal mit dem European EMAS (Eco-Management and Audit Scheme) Award ausgezeichnet worden. Damit konnten wir nachweisen, dass wir das, was wir predigen, auch intern umsetzen und leben – somit nochmal Sonnenschein.

Eine spannende Phase war der Umbenennungsprozess der Fachhochschule zur „Hochschule für nachhaltigen Entwicklung“, der einige Überzeugungsarbeit erforderte, denn im Senat mussten 8 von 11 dem neuen Namen zustimmen. Vor allem die Studierenden der Wirtschaftsstudiengänge des Fachbereichs 4 waren erst skeptisch, da sie die Sorge hatten, mit dem neuen Namen würde sie kein Unternehmen mehr einstellen. Jetzt ist das genau umgekehrt! Im Nachhinein war die Umbenennung sehr gut, denn allein durch den Namen hatten wir uns ein Ziel und Maß gesetzt, und nebenbei die schon vorher hohe Sichtbarkeit der HNEE erhöht. Wir mussten uns fragen, ob das was wir machen auch wirklich nachhaltig ist und wir unserem eigenen Anspruch nachkommen.

Was in letzter Zeit hilfreich war und wo ich mit großer Hoffnung draufschaue, ist die Gründung des Biosphere Reserves Institute. Dort haben wir ein Graduierten-Kolleg in Zusammenarbeit mit der Leuphana-Universität Lüneburg. Wir erhoffen uns damit die internationale Entwicklung weiter auszubauen. Für die Hochschule ist Forschung schon immer sehr wichtig und wir haben diesen Bereich aktiv gefördert. Deshalb freut es mich, dass wir mit den Forschungsprofessuren den Studierenden einen großen Mehrwert bieten können. Zum einen kommen dadurch interessante Forscher*innen an die HNEE, zum anderen haben die Studierenden die Möglichkeit an ganz aktuellen Themen mitzuarbeiten.

Wo ich Nebel und Eintrübung befürchte ist, dass wir in einem zunehmend reglementierten Organismus unterwegs sind. Wir haben ein immer enger werdendes Netz an Regulierungen, und es wird komplizierter und langwieriger Projekte umzusetzen. Wir müssen aufpassen, dass die Menschen, die etwas bewegen wollen, nicht entmutigt werden. Es muss für kreative und aktive Kolleg*innen weiterhin möglich sein, ihre Projekte durchführen zu können.


Was wünschen Sie sich für die Weiterentwicklung der HNEE?

Ich würde mir wünschen, dass der Pioniergeist weiter erhalten und die Freiräume für Unruhegeister, die neue Ideen haben und etwas bewegen wollen, bestehen bleibt.


Wenn man so lange in solch einer verantwortungsvollen Position gearbeitet hat, fällt eine Trennung sicher nicht so leicht. Wie wollen Sie Ihre nächsten Jahre gestalten?

Bisher habe ich noch keine Entzugserscheinung und ich kann, denke ich, ganz gut loslassen. Vielleicht fühlt es sich für mich noch wie Urlaub an und ich werde erst später realisieren, dass ich nicht mehr zurückkommen werde. Momentan bin ich am Büroaufräumen und lese Bücher von Isabel Allende. Vermissen werde ich vielleicht, dass ich jetzt keine Gestaltungsmöglichkeiten habe, wie ich sie in der Position des Präsidenten hatte.

In den nächsten Jahren möchte ich wieder an meine Tätigkeiten in Costa Rica anknüpfen und mich in Spanisch fit machen. Auch habe ich nun endlich mehr Zeit für meine Familie. Meinem Nachfolger Matthias Barth wünsche ich alles Gute und viel Erfolg für seine Arbeit!


Vielen Dank, Herr Vahrson für das Interview und ihre Zeit. Die Ackerdermiker.innen wünschen Ihnen auf Ihrem weiteren Weg alles Gute!


Bald folgt der 2. Teil unserer Interviewreihe in der wir mit Prof. Dr. Heike Walk sprechen