Einblick in die biodynamische Ausbildung in der Schweiz

Ein Gastbeitrag von Esther Buchwald

Gut Rheinau – Ausbildungsbetrieb (Foto: Martin Nobelmann)

Im Rahmen des Erasmus+ Projektes „Bridging Generations in Agroecology“ (BAG) fand vom 8.-11. September 2022 ein Projekttreffen aller sechs beteiligten Organisationen in der Schweiz statt. Neben der HNEE, vertreten durch Martin Nobelmann, arbeiten Organisationen aus Polen (ZIARNO), Frankreich (InterAfocg), den Niederlanden (Toekomstboeren), Italien (Schola Campesina) und der Schweiz (Verein für biologisch-dynamische Landwirtschaft) zusammen in dem Projekt. Alle Projektpartner*innen verbindet ihre Tätigkeit in der Bildungsarbeit zur Agrarökologie, verstanden als Teil der Nyéléni-Bewegung für Ernährungssouveränität. Ziel des Projektes ist es, sich über vorhandene Bildungsangebote für Neueinsteiger*innen auszutauschen und gemeinsam neue Bildungsformate zu entwickeln. Gemeinsam erarbeiten die Projektpartner*innen einen Leitfaden, aber auch Lehrpläne, kurze Videos und Podcasts. So soll ein Bewusstsein für das Thema „agrarökologischer Wissenstransfer“ geschaffen werden und durch den gemeinsamen Austausch die Arbeit der einzelnen Organisationen methodisch und inhaltlich weiterentwickelt werden.


Im Mittelpunkt des Projekttreffens in der Schweiz stand das dortige System der biodynamischen Aus- und Weiterbildung für Gartenbau und Landwirtschaft. Dazu wurden Bildungseinrichtungen und Betriebe besucht. Beim Treffen waren nicht nur die unmittelbar am Projekt beteiligten dabei, sondern auch andere am Thema interessierte Mitarbeiter*innen und Student*innen. Da ich an der Erstellung eines Videos für das Projekt beteiligt bin, hatte ich als ÖAM-Studentin die Möglichkeit an dem Projekttreffen teilzunehmen. Für mich war sofort klar, dass ich mir die Chance nicht entgehen lassen wollte, im Rahmen einer organisierten Reise mehr über die Landwirtschaft in diesem wunderschönen Land zu erfahren und mich für meine landwirtschaftliche Zukunft inspirieren zu lassen.

Gartenbauschule Hünibach (Foto: Esther Buchwald)

Die erste Station war die Gartenbauschule Hünibach in Thun, die bereits 1934 gegründet wurde. Nach Ankunft aller Teilnehmenden gab es eine Einführung in das Schweizer Bildungssystem von der Schuldirektorin Marianna Serena. Ähnlich wie in Deutschland können Jugendliche im Alter von etwa 15 Jahren entscheiden, ob sie weiter zur Schule gehen wollen, um Abitur zu machen und anschließend eventuell zu studieren oder ob sie eine Ausbildung beginnen. Ein großer Unterschied zu Deutschland ist allerdings, dass etwa die Hälfte der Jugendlichen den Ausbildungspfad wählt. Im Anschluss an den theoretischen Teil zum Bildungssystem und der Struktur der Gartenbauschule, führte Marianna Serena die Teilnehmenden durch die verschiedenen Bereiche der Schule und veranschaulichte den Ablauf der schulischen Ausbildung, in der die Schüler*innen in der Gartenbauschule selbst arbeiten und beispielsweise die von ihnen produzierten Pflanzen vor Ort verkauft werden.


Nach der Führung referierte Verena Wahl, eine der drei Co-Geschäftsführerinnen der Demeter Geschäftsstelle in der Schweiz, über die Struktur von Demeter und die Rolle der biodynamischen Landwirtschaft in der Schweiz. In der anschließenden Diskussion mit den Projektteilnehmenden ging es vor allem um die Herausforderung für biodynamische Organisationen, Teil der staatlich anerkannten Ausbildung zu werden. Davon hängt meist auch ab, inwiefern die Aktivitäten der Organisationen finanziell vom Staat unterstützt werden. Die Gartenbauschule Hünibach ist staatlich anerkannt, bekommt aber nur für ausgewählte Bereiche finanzielle Unterstützung. Für solche Institutionen besteht die Herausforderung, in das bestehende Bildungssystem in der Schweiz zu passen und gleichzeitig die Unabhängigkeit und das Besondere der biodynamischen Ausbildung zu erhalten.


Der zweite Tag startete mit Projektgesprächen, bei denen es unter anderem um den Wissenstransfer zwischen theoretischen und praktischen Bereichen der Agrarökologie ging. Dabei berichteten studierende Teilnehmende des Projektes, inwiefern praktische Inhalte in ihrem Studium oder ihrer Ausbildung eingebunden werden. Danach wurden die Gespräche bei einer kleinen Wanderung in den Alpen weiter vertieft. Der Blick auf die Berge und den Thuner See hat uns den anstrengenden Aufstieg schnell vergessen lassen.

Kurt Brunner (rechts im Bild) (Foto: Esther Buchwald)

Am Nachmittag besuchten wir den Haldenhof-Hallwil. Der Betrieb ist noch sehr jung und konnte durch einen Investor schnell aufgebaut werden. Im gemischtwirtschaftlichen Hof sollen sich die verschiedenen Betriebszweige ökologisch und ökonomisch ergänzen. Neben Hühnern (Schwestern und Brüder), leben auf dem Hof Rinder (Braunvieh) und einige Schweine zum Umgraben des Ackers und zur Fleischproduktion. Auf dem Acker wächst unter anderem Getreide, das in der hofeigenen Mühle gemahlen und teilweise vor Ort zu Brot verarbeitet wird. Auch die Milch wird auf dem Betrieb selbst weiterverarbeitet. Zusammen mit dem Gemüse aus dem Gewächshaus und dem Fleisch der eigenen Tiere, geschlachtet vom nicht weit entfernten Schlachter, wird alles über den Hofladen vermarktet. Kurt Brunner, der Betriebsleiter, erzählte uns viel über das ganzheitliche Konzept des Hofes und baute immer wieder eine Brücke von der Landwirtschaft zu gesellschaftlichen Herausforderungen. Beispielsweise ging es um den Konsum tierischer Produkte und die auf dem Hof gewonnene Unabhängigkeit, dadurch, dass ein Großteil der Wertschöpfung auf dem Hof gehalten wird. So werden die Hühner auf dem Hof selbst gezüchtet, es gibt keine Hybriden, dafür werden Hähne und Althennen sinnvoll verwertet. Auf diese Weise gibt es natürlich weniger Eier, aber laut Brunner sollte ein Ei pro Person in der Woche zur Normalität werden, womit für ihn mit dem Wandel der Landwirtschaft hin zu einem ganzheitlicheren Ansatz auch der Wandel des Konsumverhaltens der Menschen einhergeht. Beim Abendessen aus hofeigenen Produkten gab es interessante Gespräche und viele Anregungen für das Projekt.


An Tag drei ging es nah an die deutsche Grenze zur Schule Rheinau, an der eine biodynamische und staatlich anerkannte landwirtschaftliche Ausbildung möglich ist. Von zwei Lehrenden, die gleichzeitig Teil der Schulleitung sind und einer Schülerin bekamen wir einen weiteren Einblick in das Schweizer Bildungssystem und den Ablauf der Ausbildung. Auch die Schule Rheinau hatte Schwierigkeiten, staatlich anerkannt zu werden und muss weiterhin viel dafür tun, diesen Status zu halten. Die Ausbildung hat sowohl einen sehr ganzheitlichen Teil, in dem es vor allem um die Beziehung der Schüler*innen zu ihrer Umwelt geht, als auch einen Teil, der eher einer typischen landwirtschaftlichen Ausbildung im ökologischen Landbau entspricht. So sollen die Schüler*innen einen anderen bzw. eigenen Blick auf die Landwirtschaft bekommen. Der praktische Teil der Ausbildung wird unter anderem auf dem Betrieb Gut Rheinau absolviert. Wir bekamen eine Führung über den vielfältigen Betrieb, der neben der Weinproduktion, auch Gemüse, Blumensaatgut und Ackerbau betreibt. Außerdem gibt es Milchkühe, Ziegen, Schweine und mehr.

Gut Rheinau (Foto: Esther Buchwald)

Am letzten Tag gab es weitere Projektgespräche, die die Fertigstellung des Leitfadens betrafen, aber auch Ansatzpunkte für folgende Projekte zum Thema hatten. Das Projekttreffen in der Schweiz hat neben der wunderschönen Aussicht viele neue Eindrücke vermittelt, die den Austausch zwischen den Projektpartner*innen, aber auch den Austausch mit den umsetzenden Institutionen, wie biodynamische Schulen und Betriebe, sehr angeregt haben. Die verschiedenen Institutionen haben einerseits veranschaulicht, was im Bereich des agrarökologischen Wissenstransfers möglich ist und andererseits viele Herausforderungen aufgezeigt und somit die Wichtigkeit des BAG-Projektes unterstrichen.


Persönlich wurden meine Erwartungen an die Reise mehr als erfüllt. Die Betriebsbesuche haben ein weiteres Mal verdeutlich, wie vielfältig Landwirtschaft ist und dass kein Betrieb dem anderen gleicht. Die vielen verschiedenen Eindrücke, die ich aus den Exkursionen und Gesprächen mitnehmen durfte, halfen mir, meinen Weg in die Landwirtschaft nach dem Studium deutlicher werden zu lassen.