Studieren und Rebellieren

Aktualisiert: 30. Apr 2019

Unsere bloggerin Pia Wagner war bei der ersten Extinction Rebellion in Berlin dabei und erzählt auf ackerdemiker.in davon.


Montag, 15. April 2019: Während in der Londoner Innenstadt auf fünf Brücken der Verkehr lahmgelegt ist, weil tausende von Menschen dort picknicken, tanzen, Skateboard fahren oder einen Garten anlegen, hat sich in Berlin eine Gruppe von Menschen mit bunten Fahnen vor dem Reichstag versammelt, um der Regierung die Rebellion zu erklären. Der ganz normale Großstadt-Wahnsinn?


Nicht ganz. Es ist Rebellion Day – Tag der Rebellion. In mehreren Städten der Welt haben sich Menschen zusammengefunden, um mit friedlichen Protestaktionen auf die Klimakrise und das Artensterben aufmerksam zu machen und die Regierungen zum Handeln aufzufordern. Unter ihnen: Klimaaktivist*innen, Rentner*innen, Student*innen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen, Eltern, Kinder und Journalist*innen, die das Ganze festhalten wollen.

Eine von ihnen tippt mir auf die Schulter: „Wieso sind Sie heute hier?“

Ich beginne ihr von einem Transparent in unserer Hochschule zu erzählen, auf dem steht: „Das Klima wartet nicht, bis du dein Bachelor hast“, als die erste Rede anfängt und alle ihren Blick auf die provisorische Bühne aus Paletten richten. Anne Botzki spricht. Sie ist Klimaaktivistin und Mitglied von Extinction Rebellion, der Organisation, die den Tag der Rebellion ins Leben gerufen

hat.


Extinction what?

Extinction Rebellion ist eine Grassroot-Bewegung. Im Oktober 2018 ist sie in Großbritannien aus dem Boden geschossen und schlug bald auch in anderen Teilen der Welt Wurzeln. Mit Sitzstreiks, Flashmobs und Performances im öffentlichen Raum erzeugte eine kleine Gruppe von Menschen schnell ein großes Medien-Echo. Ein paar Monate später schließen sich weltweit immer mehr Menschen der friedlichen Rebellion an und vernetzten sich in lokalen Ortsgruppen – so auch in Berlin.

Am Donnerstag vor dem Aktionstag trifft die Gruppe sich noch einmal, um alles zu besprechen. Wie eigentlich jedes mal sind neue Gesichter dabei und in dem ziemlich vollgequetschten Raum herrscht eine summende Energie – viele sind gespannt und vorfreudig; erleichtert, dass es nach vielen Wochen des Planens und Organisierens endlich losgeht oder jetzt schon völlig erschöpft. Über geretteten Lebensmitteln und Tee werden bis in die Nacht Ideen, Bedenken und Erfahrungen ausgetauscht und vor allem viel gelacht. Dann heißt es: „See you on the street, Rebels!“


Let the show begin

Der Aktionstag beginnt mit der Kundgebung vor dem Reichstag. Ein paar Leute auf der Bühne kennt man von "Fridays for Future" oder "Ende Gelände" Aktionen. Alle sind vereint durch die gemeinsame Trauer oder Frustration darüber, in welcher kritischen Lage sich der Planet mit seinen Ökosystemen befindet und den Wunsch und die Entschlossenheit zu einer Welt beizutragen, in der alle Menschen und alle Arten, besonders die am stärksten gefährdeten, ein sicheres Zuhause haben.


Teil des Problems, Teil der Lösung

Ein wichtiger Grundsatz von Extinction Rebellion ist dabei, dass alle willkommen sind und dass Anschuldigen und Anprangern Einzelner vermieden werden soll: „Wir alle leben in dem selben toxischen System, doch daran ist keine einzelne Person schuld,“ heißt es in der offiziellen Erklärung. Ein Aktivist von "Ende Gelände" formuliert es gut in seinen eigenen Worten: „Wir sind alle Teil des Problems, aber wir sind auch alle Teil der Lösung.“

Besonders ehrlich ist die Rede von Emily, einer jungen Mutter von "Parents for Future". Eigentlich sei sie keine Aktivistin, sagt sie auf der Bühne und zittert dabei ein bisschen. Eigentlich halte sie auch keine Reden vor vielen Menschen.

Aber wenn sie abends ihre Kinder ins Bett bringt, kann sie nicht anders, als sich mit der Frage auseinander zu setzen, in welcher Welt sie aufwachsen werden.

Kommentar eines Studenten neben mir: „Ne, ich wein gar nicht...'hab nur ein bisschen Wasser in den Augen.“


Ein ganz normaler Montag in Berlin?

Nach den Reden geht es mit einer Spontan-Demo zur Jannowitzbrücke. Die Sonne scheint und sogar die Polizisten, die jetzt ein paar Straßen sperren und eine Gruppe singender Menschen durch die Berliner Innenstadt lotsen müssen, sind gut gelaunt. „Ick find das gut was ihr hier macht,“ erzählt mir einer, „'hab ja uch Kinder.“ Der Platz unter der Jannowitzbrücke ist bereits mit Bannern, Girlanden, einer Bühne und einem Essensstand verschönert. Dort wird weiter gesungen, gesprochen und getanzt und mittlerweile fühlt es sich beinahe nach einem gewöhnlichen Nachmittag in Berlin an: bunt gekleidete Menschen, elektronische Musik und das laute Rattern der S-Bahnen auf der Brücke. Beinahe könnte man vergessen, wieso man hier ist, wären da nicht die zutiefst ernsten Reden und die leicht angespannte Erwartungshaltung, die in der Luft liegt, weil alle wissen, dass es später noch eine inoffizielle Aktion des zivilen Ungehorsams geben soll. Vielleicht ist das so ähnlich wie mit dem Klimawandel: Man weiß, dass es ihn gibt und dass er Menschen und Tiere in anderen Teilen der Erde bereits auf katastrophale Art und Weise betrifft, aber gleichzeitig fühlt sich hier alles so normal an, dass es einem immer wieder aus dem Bewusstsein entgleitet.


You’re not alone

Es reicht aus, die Nachrichten zu schauen um daran erinnert zu werden, in welche kritische Lage wir als Menschheit, die Natur und damit uns selber manövriert haben. Wenn man sich dann noch in seinem Studium damit beschäftigt, ist die persönliche Existenzkrise manchmal gefühlt nicht weit entfernt.

Um auf die Frage der Journalistin zurück zu kommen: „Warum sind Sie hier?“

Ich weiß nicht, ob Aktionen wie der „Rebellion Day“ im großen Maßstab etwas bewegen oder was sie bewegen. Aber es tut gut, sich überhaupt zu bewegen. Und dabei zu merken, dass man nicht alleine ist.