Was macht eigentlich Elke Loepthien-Gerwert?

Elke Loepthien-Gerwert hat von 2005 bis 2011 an der HNEE im damaligen LaNu-Diplomstudiengang studiert und erzählt im Interview von ihrer Zeit während des und nach dem Studium.

Portrait von Elke (Foto: Elke Loepthien-Gerwert)

Warum hast Du Dich für Eberswalde entschieden?

Damals habe ich mich viel mit Permakultur und Naturverbindung beschäftigt und hatte schon mehrere Jahre in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung gearbeitet.

Ich suchte ein Studium, das diesen Lernweg unterstützen und mir wissenschaftlich fundierte Kenntnisse und Kompetenzen über alle dafür relevanten Themen ermöglichen könnte. In das LaNu-Curriculum habe ich mich dann sofort verliebt: Vor allem war es für mich DAS Tor zur Artenkenntnis, zum Verstehen von ökosystemaren Zusammenhängen und um nachvollziehen zu können, was Landnutzer*innen bewegt. Das alles verbunden mit tatsächlichem Draußensein und entdecken dürfen, und dazu noch der damals von Prof. Dr. Norbert Jung gelehrte ganzheitliche Ansatz für Umweltbildung… das hat alles einfach so richtig gut zu dem gepasst, worauf ich innerlich sehr neugierig war.


Wo und wie hast Du während Deines Studiums Praxiserfahrungen gesammelt?

Ich habe während des Studiums ein Kind bekommen und hatte dadurch insgesamt eher weniger Zeit für Praxiserfahrungen. Die meisten meiner wegweisenden Arbeitserfahrungen hatte ich schon vorher gesammelt, im Bildungsbereich (bei der früheren Bundesjugendschule des Deutschen Gewerkschaftsbundes) und in einem Praktikum bei einer auf Permakulturplanung spezialisierten Firma für Garten- und Landschaftsbau.

Dank eines Stipendiums konnte ich dann kurz vor meinem Diplom zehn Monate lang in Kalifornien ein Praktikum bei einem privaten Bildungsunternehmen machen. Das Programm gibt es so nicht mehr, aber zwei der Kursleiter*innen bieten seit einigen Jahren eine Weiterentwicklung davon an.


An welches Ereignis aus deiner Studienzeit erinnerst du dich gerne?

An die Exkursionen! Ich hatte oft meinen damals noch winzigen Sohn dabei, erst im Tragetuch und dann allmählich krabbelnd und rennend. Dadurch, dass ich ihn und oft auch meinen Mann mitbringen durfte, waren viele meiner Erlebnisse sehr persönlich und unvergesslich. Ein etwas gruseliges, aber spektakuläres Highlight: Ein Sommer-Gewitter im Steinernen Meer in den Alpen, die Wolken so dicht, dass es ganz finster wurde, krachende Blitze überall um uns herum – wobei „unser“ (meint: alle Studis) Baby im Tragetuch ganz friedlich durchschlief.

Ich bin heute noch unendlich dankbar dafür, dass ich so viel Unterstützung erfahren habe, und dadurch gleichzeitig junge Mutter sein und auch darüber hinaus super viel lernen und wachsen konnte.

Außerdem denke ich an ganz viele, alltägliche kleine Interaktionen mit Dozent*innen und Professor*innen, die mit so viel Leidenschaft und Begeisterung ihre Fächer sehr anschaulich und mitreißend vermitteln konnten.


Wo hat es dich nach dem Studium hingezogen, was machst du jetzt?

Ich habe direkt im Anschluss ans Studium selbst ein kleines Bildungsunternehmen gegründet, das Circlewise Institut. Die ersten zwei Jahre lief das nebenbei, da hatte ich noch einen Brotjob als Student Advisor an einer Fernuniversität. Seit 2014 bin ich in Vollzeit selbständig für Circlewise tätig und liebe meine Arbeit sehr. Gemeinsam mit einem kleinen Team entwickle ich schwerpunktmäßig berufsbegleitende Weiterbildungen und andere Lern-Erlebnisse in Verbundenheit mit Natur und Menschen – für einen schöpferischen, lebensfördernden und Vielfalt bejahenden Umgang mit unserer Mit-Welt.



Wie hat das Studium/deine Zeit in Eberswalde deine jetzige Arbeit beeinflusst?

Was nimmst du aus Eberswalde mit?

Das Studium hat mir einen fundierten interdisziplinären Überblick über viele Arbeitsfelder und Themen rund um die Beziehung zwischen Mensch und Mitwelt ermöglicht.


Zu der entscheidenden Frage, wie wir es schaffen können, regional und global regenerative Formen der Landnutzung zu finden und umzusetzen, haben die Inhalte und Exkursionen für mich viele Aspekte zugänglich gemacht, eine Orientierung und ein Gefühl von Vertrautheit mit dem Feld ermöglicht.


Ich habe auch eine große Wertschätzung für die wissenschaftliche Arbeitsweise gefunden, ohne dadurch andere Formen von Erkenntnisprozessen, insbesondere traditionelles ökologisches Wissen, weniger zu achten. Vor allem konnte ich hier erleben, wie ein (Fach-)Hochschulstudium sein kann, das in einer ethischen Grundhaltung und Selbstverpflichtung gegenüber allem Leben verwurzelt ist, den Menschen als Ganzes in den Blick nimmt und innerhalb des HNEE-Netzwerkes jede Menge Raum und Unterstützung dafür geboten hat, auch unkonventionelle Herangehensweisen einfach mal auszuprobieren.

So durfte ich beispielsweise die allererste Weiterbildung vom Circlewise Institut im Jahr 2013 auf dem Versuchsgelände des Forstbotanischen Gartens durchführen, aus welcher sich dann mit den Jahren unsere heutige Naturkultur-Pädagogik entwickelte.


Das Leben in Eberswalde vermisse ich tatsächlich heute noch oft: In zehn Minuten an der Schwärze zum Stadtcampusspazieren, das Felsenbirnen-Naschen auf dem Spielplatz, Shoppen im damals noch winzigen Bioladen (Anmerkung der Redaktion: Globus war damals noch in der Eisenbahnstraße), das Samstag-Vormittag-Konzert auf dem Marktplatz und die Croissants von Bäcker Wiese


Möchtest du sonst noch was mit den Studis teilen?

Ich erlebe es immer wieder als extrem schmerzlich, oft hilflos mitansehen zu müssen, wie Natur zerstört wird. Mir hat in diesem Sommer ein Buch ziemlich gut geholfen, den schlimmen Emotionen von Angst und Verzweiflung etwas Gewichtiges gegenüber zu stellen. Es ist im Frühjahr 2022 erschienen, heißt „We are the Middle of Forever“ und enthält eine ganze Reihe von Interviews mit Vertreter*innen indigener Kulturen von Turtle Island (dem Gebiet, das wir als USA und Kanada kennen), in denen sie zu ihrer Wahrnehmung und Umgehensweise mit der Klimakatastrophe befragt werden.

Ich fand es sehr berührend und ermutigend, von den portraitierten Menschen zu lesen, deren gesamte Kultur seit oft hunderten von Jahren von fortdauerndem Genozid und Lebensraumzerstörung betroffen war, und die es doch vielfach geschafft haben, eine kollektive Resilienz zu finden, ihre Kultur und Ethik trotz extremer Unterdrückung zu bewahren, und vor allem, sich auch angesichts der schlimmsten Katastrophen trotzdem rechtschaffen zu verhalten, füreinander da zu sein und immer wieder neu mit ihrer ganzen Kraft für das Land und sein Wohlergehen einzustehen.