Agrarwende lostreten / Mehr als 10.000 vor dem Kanzler*innenamt

Seit zehn Jahren findet sie statt – die bundesweit organisierte Großdemo „Wir haben es satt!“ mit Hauptschauplatz in Berlin. Letzten Samstag, den 16.01.2021 war es wieder so weit. Statt Menschen versammelten sich allerdings Fußabdrücke vor dem Kanzler*innenamt in Berlin. Mehr als 10.000 waren es - auf Papier und an Wäscheleinen. Die Aktion stellte eine pandemiegerechte Alternative zur Demo dar.

Foto Credits: Jasmin Dölle


Demos in Zeiten von Physical Distancing

Bäuer*innen und alle Menschen, die sich für die Unterstützung einer zukunftsfähigen Landwirtschaft einsetzen wurden dazu aufgerufen, zu Hause zu bleiben und trotzdem öffentlich zu protestieren. Das „Wir haben es satt!“-Bündnis rief dazu auf, Fußabdrücke auf Papier zu bringen, Forderungen dazu zu schreiben und per Post oder Upload zu schicken um am Samstag auf der großen Freifläche vor dem Kanzleramt zusammen aufgehängt zu werden. Diese Form des “passiven“ Protests in Corona-Zeiten erregt natürlich noch lange nicht so viel Aufmerksamkeit wie eine aktive, laute Menschenmenge und hunderte Traktoren, die durch Berlin ziehen. Doch in gewisser Hinsicht hat auch dieser Protest seinen Zweck erfüllt. Es haben sich mindestens 10.000 Menschen aufgrund des Aufrufes zu Hause Gedanken darüber gemacht, was sie an der aktuellen Situation stört und was geändert werden sollte. Sicher wurde auch mit Verwandten und Freund*innen diskutiert und sich gegenseitig Mut gemacht. Und neben der konkreten Umsetzung von Forderungen ist das Gemeinschaftsgefühl und die Stärkung einer gemeinsamen Vision ein wichtiges Ziel von Demonstrationen.


Was am Samstag noch so los war

Nachdem die 10.000 Fußabdruck-Blätter hingen, fuhren rund 30 Traktoren vor die CDU- Parteizentrale und hinterließen eine grüne Reifenspur. Reden vor dem Kanzleramt an diesem Vormittag wurden live übertragen und zahlreiche weitere Redebeiträge sind auf einer Youtube Playlist abrufbar. Beim anschließenden fast fünfstündigen Soup&Talk stellten sich über 30 Akteur*innen vor, welche jeweils innerhalb von 5 Minuten ihre transformativen, ökologischen und kreativen Ideen präsentierten. Normalerweise findet diese Vortragsreihe im Anschluss an die Demo im Haus der Heinrich-Böll-Stiftung bei heißer Suppe statt. Vorteil des diesjährigen digitalen Formats war, dass die Vortragsrunde einfacher international gestaltet werden konnte. Die Teilnehmenden kamen unter anderem aus Indonesien, dem Libanon, den USA, Kolumbien und der Türkei. Vor dem „Wir haben es satt“-Protest fand von Montag bis Samstag auch die Alternative Grüne Woche der Heinrich-Böll-Stiftung statt, über die auf ackerdemiker.in hier bereits berichtet wurde.

Foto Credits: Nick Jaussi/www.wir-haben-es-satt.de


Forderungen: Gesunde Böden und weniger Fleischkonsum

Konkrete Forderung des Bündnisses „Wir haben es satt“ ist die bessere Unterstützung bäuerlicher Betriebe. Auch der Flächenbesitz dürfe nicht weiterhin unbeachtet der Bewirtschaftungsweise belohnt werden. Es wird gefordert, die Tieranzahl in den Ställen zu verringern und den Stallumbau zu fördern. Außerdem müsse, um die Klimakrise zu bekämpfen, der Fleischkonsum gesenkt und gesunde Böden gesichert bzw. aufgebaut werden. Entscheidungen dürften dabei nicht nur auf die Verbraucher*innen abgewälzt werden, sondern sollten von einer zukunftsfähigen Ernährungs- und Agrarpolitik abhängen. Um die Gesundheit zu fördern und das Insektensterben zu stoppen, müsse der Pestizideinsatz massiv reduziert, sowie grüne Gentechnik gestoppt werden. Zudem setzt sich das Bündnis für Menschenrechte ein und fordert den Stopp des EU-Mercosur-Abkommen. Statt Deals für die Agrarindustrie abzuschließen, solle die bäuerliche Landwirtschaft gestärkt sowie gerechter und klimaschonender gehandelt werden.

Die insgesamt fünf Forderungen sind hier nachzulesen.