Anastasia-Bewegung: Rechts-esoterische Siedler*innen im ländlichen Raum


Die aktuelle Situation erlaubt es uns noch nicht, unsere Hörsäle wie gewohnt mit Studierenden, Dozierenden und externen Referent*innen zu füllen und so sehnen wir uns ein wenig nach spannendem Input, der über unsere Vorlesungsinhalte hinaus geht. Während wir sonst unsere Bleistifte und Ohren bei Lesungen, Filmvorführungen und Vorträgen im großen Hörsaal spitzen, war es die letzten Monate verhältnismäßig ruhig im Veranstaltungskalender. Der AStA der Uni Göttingen hat sich deshalb etwas überlegt: Veranstaltungsreihen zu spannenden Themen wie „Digitalisierung und Datenschutz oder „Verschwörungsmythen – Gefährliche Unwahrheiten, die von allen Interessierten ganz einfach online gestreamt werden können! Im Zuge der Letzteren fand am 15. Juli 2020 der Vortrag „Anastasia-Bewegung: Rechts-esoterische Siedler_innen im ländlichen Raum“ mit Anna Rosga (Zora) in Zusammenarbeit mit der seit 2017 bestehenden Fachstelle für Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) statt.

Manchmal lassen sich ungemütliche Themen besser von der gemütlichen Couch aus verdauen. Und so haben wir es und zu Hause bequem gemacht und Annas Vortrag vor dem Laptop-Bildschirm verfolgt.

Rechte Strömungen im Naturschutz – Ein alter Hut?

Die Themen Ökologie und Naturschutz haben schon immer Anklang in der rechten Szene gefunden, erklärt Anna. In der völkischen Bewegung sind Natur- und Heimatschutz traditionell miteinander verbunden – denn der Schutz der Heimat und der Schutz des eigenen Volkes gehen in der rechten Ideologie Hand in Hand. Bereits zu Zeiten des Nationalsozialismus’ zeigte sich dieses territoriale und abgrenzende Denken in der „Blut und Boden“-Ideologie, welche eine bäuerlichen Lebensform propagierte, diese mit rassistischen und antisemitischen Ideen verknüpfte und Ausdruck in der nationalsozialistischen Agrarpolitik fand.

„Die klingenden Zedern Russlands“

Ihren Ursprung hat die Anastasia-Bewegung in der zehn-bändigen Buchreihe „Die klingenden Zedern Russlands“ von Wladimir Megre, erläutert Anna. Der erste Band erschien 1996 mit dem Titel „Anastasia – Tochter der Taiga“. Das Buch beschreibt die Begegnung eines Handelsreisenden mit einer mystischen Frau von unglaublicher Schönheit (Anastasia) eines uralten Volkes (den Wedrussen), welche über geheimes Wissen über die Menschheit verfügt. 990.000 Jahre habe ihr Volk in einem Paradies gelebt, mit Beginn der Technisierung sei die Menschheit in ein „dunkles Zeitalter“ gefallen. Anastasia habe den Kontakt zur Außenwelt gesucht, um den Menschen dabei zu helfen, alte Fähigkeiten wiederzuerlangen und ein Paradies auf Erden zu errichten. Die dabei vertretende Glaubenslehre bedient sich dabei verschiedenster, sich teils widersprechender esoterischer Ideen.

Familienlandsitze – der Kern der Anastasia-Bewegung

Die in der Buchreihe klar umschriebenen Familienlandsitze zur Selbstversorgung und für eine autarke Lebensweise sind, so erklärt Anna, der Kern der Anastasia-Bewegung. Auf einem Hektar Land werden ein Haus, ein Garten, ein Wald, Wiesen und Teiche errichtet und angelegt. Eine große Hecke schützt den Landsitz vor Einflüssen von Außen. Die Siedler pflanzen Bäume: Ihre Energien sollen die Seelen der Ahnen anlocken und den Bewohner*innen Kraft geben.

In Deutschland gibt es etwa 17 Orte, an denen sich Anhänger*innen in Familienlandsitz-Siedlungen zusammengefunden haben. Zwei davon in Brandenburg (Traumland Lychen und die Oase Goldammer). In Russland wird die Bewegung von ganz oben gefördert: Wer einen Familienlandsitz aufbauen möchte, bekommt von der Regierung einen gratis Hektar Land. Putin dafür die Wählerstimmen.

Harmlose Öko-Bewegung?

Selbstversorgung, Leben im Einklang mit der Natur und nach Möglichkeit ohne technische Hilfsmittel. Klingt doch gar nicht so schlecht ... doch ein differenzierter Blick auf das Weltbild der Anastasia-Bewegung lohnt sich.

Familienbild? Antifeministisch, emanzipationsfeindlich, homophob.

Pädagogik? Basiert auf völkisch-nationalistische Indoktrination und Wissensosmose (Kinder unterrichten sich gegenseitig, denn sie sind von Geburt an rein und allwissend).

Weltbild? Ein Konglomerat an Verschwörungsmythen, Esoterik, Ökologie, Antisemitismus und Ethnopluralismus.

Es kommt immer wieder zu Überschneidungen mit anderen Ideologien, wie z.B. der, der Reichsbürger und Neuen Rechten. Negativ besetzte Begriffe wie „Rassen“ werden durch neutral klingende Ausdrücke wie „Völkervielfalt“ ersetzt. Die „eigene“ Kultur soll gegen „fremde“ Kulturen verteidigt werden. Migration ist gleich der Entwurzelung von Völkerschaften. Zudem gäbe es keine Demokratie, sondern die Kontrolle von Medien, Politik und Wirtschaft durch dunkle, jüdische Mächte.

Rechte Akteur*innen und Strukturen

Bis 2018 organisierten die Anhänger*innen der Bewegung jährliche „Anastasia Festivals“ mit bis zu 500 Teilnehmenden – aufgrund vermehrt aufkommender Kritik in den Medien, wurde die Veranstaltung durch geheimere, regionale Treffen ersetzt. An einem dieser privateren Austragungsorte fand ebenfalls das Sommerlager der eindeutig rechten Organisation „Deutscher Jugendbund Sturmvogel“ statt. Dieses Beispiel zeigt, so Anna, wie vernetzt die Akteur*innen in der rechten Szene sind.

Sich im Volk beliebt machen, sich bedeckt halten, unpolitisch auftreten, sich in Vereinen und Gruppen im ländlichen Raum engagieren und Kulturveranstaltungen mit Tanz und Gesang ausrichten – so soll das Wohlwollen der Dorfgemeinschaften und die Akzeptanz der Öffentlichkeit gewonnen und Kritik von Außen als Lügen und Propaganda abgewehrt werden.

Nachdem über die Anastasia-Bewegung in den Medien in den letzten Jahren vermehrt kritisch berichtet wurde (wie z.B. vom rbb24 und dem BR), tritt die Organisation seit einiger Zeit unter neuem Namen auf: als (Familien-)Landsitz-Bewegung.

Anna, die sich in ihrer Bachelor-Arbeit mit der Anastasia-Bewegung auseinandergesetzt hat, führte mit einigen Anhänger*innen Interviews und befragte sie zu ihrer Positionierung. Laut Aussagen der Interviewten gäbe es nur sehr wenige rechte Menschen in der Bewegung – man sei jedoch um einen toleranten Umgang miteinander bemüht. Die Vorwürfe des Antisemitismus wurden ebenfalls zurückgewiesen.

Institutionen gehen auf Distanz

Der Selbstversorgungsgedanke auf dem eigenen Hektar Land bietet vielen Anhänger*innen Anlass, sich mit dem Permakultur-Gedanken auseinander zu setzen und Permakultur-Design-Kurse zu besuchen. Das Permakultur-Institut nahm daraufhin offiziell Stellung und distanzierte sich von der Bewegung.

Auch die HNEE sah sich im vergangenen Jahr nach der kritischen Berichterstattung des rbb24 gezwungen, zu einer im Jahr 2012 eingereichten Abschlussarbeit zu Landwirtschaft und Stoffkreisläufen in Familienlandsitz-Siedlungen, Stellung zu nehmen. Zusammenhänge und Hintergründe seien zu dieser Zeit nicht bekannt gewesen. Die Hochschule und der betreuende Professor distanzieren sich entschieden von Rassismus, Antisemitismus und völkischer Ideologie, die Bestandteile der Denk- und Handlungsweise der Anastasia-Bewegung seien.

In der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion tritt vermehrt die Frage auf, ob die Hochschule nicht eher reagieren und die Bewegung kritischer hinterfragen hätte können.

Anna schließt ihren Vortrag mit einem Zitat der Stellungnahme des Permaultur-Instituts: „Es braucht keine Feindbilder und keine völkischen Ideen, um für zukunftsfähigen Wandel aktiv zu werden“.

Der vermeintlich harmlose Tarnanzug macht uns einmal mehr bewusst, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen und Hintergründe differenziert zu beleuchten. Es gibt auf jeden Fall noch viel Forschungsbedarf. Bei Interesse an Abschlussarbeiten zu dem Thema stehen Anna und die FARN gerne zur Verfügung.