Dem Rotmilan sei Dank!

Ein Gastbeitrag von Miriam Völkel über ihre sozialwissenschaftliche Masterarbeit zum Thema "Citizen Science im Biosphärenreservat Rhön"

Foto: Rotmilan im Flug, Credits: Witzmann


In der Regionalentwicklung spricht man von lokalen Königen – so einer ist der Rotmilan im Biosphärenreservat Rhön. In dem abwechslungsreichen Mix aus Wald und Offenland zwischen Thüringen, Hessen und Bayern fühlt sich 1% des Weltbestands der Rotmilane wohl und prägt das Landschaftsbild. Da die Tiere jedoch v.a. durch Landnutzungsintensivierungen gefährdet sind, hat es sich das Artenhilfsprojekt „Rotmilan in der Rhön“ zur Aufgabe gemacht, die Lebensqualität der Rotmilane zu verbessern und den Bestand regelmäßig zu erfassen.


Motiviert durch die Sorge um den Bestandsrückgang, dem Wunsch dem etwas entgegenzusetzen und fasziniert von der Majestät des Greifvogels haben sich in der Projektlaufzeit von 2014 bis 2020 jährlich um die 90 Ehrenamtliche engagiert. Als Bürgerwissenschaftler*innen haben sie durch ihre regelmäßigen Kontrollgänge im Frühjahr und Sommer Horststandorte und Bruterfolge erfasst. Sogenannte Citizen Science-Projekte, wie es das Rotmilan-Projekt ist, leben davon, dass sich Ehrenamtliche nach wissenschaftlichen Methoden mit einem Thema auseinandersetzen und dadurch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, natürlich hieb- und stichfest (#Validität, #Plausibilität etc.), erheben.


Ab ins Biosphärenreservat Rhön

Zwei Monate habe ich im Sommer 2019 im Praktikum den bayerischen Teil des Biosphärenreservat Rhön kennen gelernt: Insekten und Wildverbiss kartiert, Veranstaltungen im Themenfeld Bildung für nachhaltige Entwicklung für Kinder und Erwachsene miterlebt und zur Ursachenforschung trockene Buchen-Bohrkerne entnommen. Im Biosphärenreservat geht es darum Mensch und Natur einen intakten Lebensraum zu bieten. Hand in Hand sollen dabei Expert*innen (Biolog*innen, Geograf*innen u.a.) und die Bevölkerung Projekte umsetzen und orientiert an Nachhaltigkeitszielen handeln. So können die kulturell entstandene vielseitige Landschaft als auch das Kulturgut der Bevölkerung erhalten bleiben und weiterentwickelt werden. Mich fasziniert der „Mensch & Biosphäre“-Gedanke, wo also nicht nur Naturschutz in einem Schutzgebiet praktiziert wird, sondern auch die Menschen involviert werden und ihr Wirtschaften regional und im Sinne der Nachhaltigkeit ausgerichtet stattfinden soll.


Genau richtig für meine Masterarbeit

In diesem Setting habe ich im Winter 2020 nach einem Thema für meine Masterarbeit im Studiengang Regionalentwicklung & Naturschutz (RuN) gesucht. Da das Biosphärenreservat viele Ideen für Forschungsthemen hat, sind diese aufgelistet – eine gute Hilfestellung bzw. Quelle der Inspiration!


Zur rechten Zeit am rechten Ort – das oben erwähnte Rotmilan-Projekt war in seinem finalen Jahr und daher das Biosphärenreservat sehr daran interessiert, welchen Beitrag das Bürgerwissenschaftsprojekt leistet, wie die Verwaltungen (das Biosphärenreservat liegt in drei Bundesländern, daher sind DREI Verwaltungen zuständig!) solche Projekte unterstützen können und was die Bürgerwissenschaftler*innen antreibt, sich ehrenamtlich zu engagieren. Das hat Praxisnähe pur versprochen und keine wissenschaftliche Arbeit für die Schublade. Herrn Prof. Dr. Benjamin Nölting, der sich viel mit Forschung in Biosphärenreservaten beschäftigt und ein eigenes Citizen Science-Projekt (Logbuch der Veränderung) betreut, konnte ich als Erstbetreuer gewinnen, seitens des Biosphärenreservats betreute mich Dr. Tobias Gerlach, der das ökologische Monitoring im Blick hat.


Meine Forschungsfragen

Nach gemeinsamen Videokonferenzen (#Corona) galt es Antworten auf diese Fragen zu finden:

• Welche Motivationen und Voraussetzungen führen zum Engagement im Rotmilan-Projekt?

• Welche Beiträge liefert Citizen Science im Biosphärenreservat Rhön?

• Wie können die Verwaltungen des Biosphärenreservats Rhön den Potenzialen und Hemmnissen von Citizen Science begegnen?


Aufgrund der Corona-Pandemie war schnell klar, dass persönliche Interviews, Gruppendiskussionen oder andere sozialwissenschaftliche Methoden, in denen viele Menschen in Präsenz zusammenkommen, nicht möglich sind, um den Forschungsfragen auf den Grund zu gehen. Methoden, die telefonisch, digital oder schriftlich anwendbar waren, waren gefragt. Nahezu ein Klassiker in der Sozialforschung geht auch telefonisch oder per Videochat: das Experten*innen-Interview. Mit dieser Art von Interview hatte ich in den vorangehenden Semestern und in meiner Bachelorarbeit schon Erfahrung gesammelt.


Los geht’s mit dem Forschen

Im Juni 2020 waren die Recherchen und die methodische Vorarbeit abgeschlossen. So konnte ich die Expert*innen-Interviews mit vier Projektleiter*innen von Citizen Science-Projekten in deutschen Biosphärenreservaten führen, weil mir die Sichtweise der Biosphärenreservatsverwaltung auf Bürgerwissenschaftsprojekte wichtig war. Doch niemand geringeres als die Engagierten im Rotmilan-Projekt selbst können beantworten, wieso sie am Projekt mitgewirkt haben, sodass ich ergänzend zu den Interviews einen Online-Fragebogen entwickelte.


Super Rücklauf der Bürgerwissenschaftler*innen

Durch den Methodenmix konnte ich die Sichtweise von Engagierten, wie auch die der Projektleiter*innen der Biosphärenreservate miteinander verschneiden. Zur Auswertung hatte ich eine Hülle und Fülle an Antworten, da 59 % der Engagierten geantwortet hatten – üblich sind eher so 20 – 30 %! Die Interviewgespräche waren ebenfalls sehr informativ und boten gutes Material für die Auswertung. Trotz strukturierter Erarbeitung eines Gesprächsleitfadens und der Auswertungskategorien saß ich am Anfang vor einem großen Berg. Einige Tassen Kaffee und viele Gespräche mit Freund*innen über die Daten später, konnte ich herauskristallisieren, dass vor allem der Rotmilan und dessen Arterhalt die Engagierten motiviert. Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Einsatz im Naturschutz vor der eigenen Haustür, schließlich ist der Rotmilan der Charaktervogel in der Rhön! Durch die persönliche Begeisterung der Citizen Scientists bildeten sich kleine „Hotspots der Begeisterung“, wodurch Freund*innen, Kolleg*innen und Familien der Engagierten für das Thema sensibilisiert wurden.

Foto: Rotmilan-Küken, Credits: Witzmann


Hohe Motivation bei den Rotmilan Citizen Scientists

Schön zu sehen war auch, dass es laut meiner ausgewerteten Daten viele langjährige Engagierte gab und dennoch jedes Jahr Neue dazukamen. Immerhin fließen pro Monat ca. 12 Stunden in das Ehrenamt. Weitere Ergebnisse sind, dass Zeit der wichtigste Faktor beim Engagement ist. Wichtig sind daneben aber auch Schulungen, in denen das methodische Vorgehen und artökologisches Wissen vermittelt werden. Mit der Identifikation, dem Wissenserwerb, der Vernetzung mit Gleichgesinnten und dem Naturaufenthalt wird das Engagement begründet. Der Wunsch nach mehr Vernetzung und Austausch untereinander kann vom Biosphärenreservat aufgegriffen werden. So empfahl ich aufgrund meiner Ergebnisse, durch feste Ansprechpersonen als Citizen Science-Projektkoordinator*innen können die Interessen und Fähigkeiten der Engagierten zu bündeln und sozusagen die Fäden für Bürgerengagement im Biosphärenreservat zu ziehen. Da Citizen Science dazu beiträgt, die Ziele des Schutzgebietes unter die Leute und regionale Akteure miteinander ins Gespräch zu bringen, Impulse der lokalen Politik geben kann und Bildungsmöglichkeiten schafft, hat sich das Biosphärenreservat Rhön dafür eingesetzt, eine solche Citizen Science-Projektkoordination zu ermöglichen.


Ende August 2020 war es dann so weit: die Fragezeichen wurden durch Ausrufezeichen ersetzt und all die recherchierte Literatur und erhobenen Ergebnisse waren diskutiert und mit einem Ausblick abgeschlossen, sodass ich die Masterarbeit abgeben konnte. Aber nicht nur meine Bearbeitung war zu Ende, sondern auch die Saison 2020 der Rotmilan-Kartierer*innen in der Rhön. Und die waren neugierig auf meine Ergebnisse, nachdem sie mir im Frühling schriftlich Rede und Antwort gestanden hatten. So konnte ich im September meine Auswertungen einem interessierten Publikum vor Ort präsentieren und die Schaffung einer Citizen Science-Koordination bestärken. Es war richtig schön, persönlich mitzubekommen mit wie viel Herzblut für den Rotmilan die Bürgerwissenschaftler*innen ihre Zeit und Fähigkeiten einsetzen!


Fertig!

Während die Rotmilane längst gen Süden gezogen sind, habe ich Anfang Dezember meine Arbeit erfolgreich verteidigen und damit den letzten Meilenstein zum Masterabschluss stecken können. Wenn ich mich selbst frage, ob ich die Arbeit nochmal machen würde, würde ich antworten: „Ja, aber.“ Beispielsweise ist die übersichtliche Ergebnisdarstellung wirklich ein Kunstwerk für sich, für mich zumindest. Deshalb würde ich darauf achten, dass diese gut überlegt und eng an der Literaturrecherche orientiert erfolgt und mir dazu vermutlich so etwas wie eine/n „Auswertungsmentor*in“ suchen. Die Zusammenarbeit mit dem Biosphärenreservat und der Projektleiterin des Rotmilan-Projekts hat vor allem bei der Konkretisierung der Forschungsfragen als auch bei der Ergebnisdiskussion durch die Praxisnähe inspiriert. Motivierend für mich war zudem, dass die stattgefundene Evaluation für das Rotmilan-Projekt sehr wertvoll war und das Biosphärenreservat auf Grundlage der Masterarbeit eine neue Stelle schaffen konnte.


Und würde ich ein anderes Thema wählen?

Nein, denn Citizen Science wird in den letzten Jahren immer populärer, auch wegen der Bemühungen der Plattform „Bürger schaffen Wissen“ und der dahinter agierenden Community. Zwar ist es ein hoher Aufwand Interessierte zu befähigen nach wissenschaftlichen Methoden zu arbeiten, Interessen zu berücksichtigen und viele Menschen zu koordinieren. Meiner Meinung nach lohnen sich diese Mühen jedoch, denn Citizen Science-Projekte bergen viele Möglichkeiten: gemeinsam Neues entdecken, sich miteinander selbst weiterentwickeln, weiterbilden und neue Fähigkeiten erlernen und gemeinsam Erkenntnisse für die Allgemeinheit schaffen, neue Freundschaften schließen und sein persönliches Netzwerk ausbauen … und wenn das alles dazu beitragen kann, dem König der Rhön einen Lebensraum zu bieten, haben Mensch und Natur einen Nutzen davon.


An dieser Stelle möchte ich mich für die Zusammenarbeit, inspirativen Gespräche und das entgegengebrachte Vertrauen bei Dr. Gerlach und der Projektleiterin Heidi Witzmann und den Kartierer*innen im Rotmilan-Projekt und bei Prof. Dr. Nölting bedanken.


Weitere Medienberichte zum Projekt gab es in der Mainpost, der Fuldauer Zeitung und in den Osthessen News.

Wer die Arbeit lesen möchte, schreibt der Autorin einfach eine Mail miriam_voelkel@web.de