Forschungsreise in die Schweiz

Ein Gastbeitrag von Tom Hollander

photo credits go to Ewa Smuk-Stratenwerth & Martin Nobelmann

Die gemeine Intellektuelle von heute ist eine wüste Sammlerin von Erfahrungen, die ihr die Welt bedeuten. Aus losen Enden webt sie einen Teppich und gibt sich damit zufrieden, dass sie mit ihm durchs All fliegt, denn die Erde dreht sich ja bekanntlich außen sehr schnell. Früher, ja früher war das anders: Da gab es kaum Intellektuelle und wenn, dann hatten sie alle, uneingeschränkt alle, das Format, Länder zu reformieren und sämtliche geistigen, geistlichen, weltlichen und staatstragenden Strömungen in einem patriotischen Sog für das Vater-, Mutter-, Enkel-, Nichten- und Neffenland weinen zu lassen.


So ein Mensch war Grundtvig und er hatte dementsprechend auch gleich drei Vornamen (Nikolai Frederik Severin). Neben seinen literarischen, historischen, politischen und beruflichen Tätigkeiten hat Grundtvig in edler Christenmanier der ländliche Bevölkerung Dänemarks gedacht und prompt einen ganz neuen Schultyp für sie aus dem Boden gestampft, die Heimvolkshochschule. Dank solcher Geistesgrößen ist es denn nicht verwunderlich, wenn beim Betreten eines fremden und urtümlichen Landes, sagen wir der Schweiz, gänzlich unbekannte Strömungen an die Oberfläche treten. In der Schweiz hat sowieso viel mit der Oberfläche des Landes zu tun, die ist nämlich besonders zackig und besonders schön.


An der HNEE versucht das Erasmus+ Projekt „Teaching Organic Literacy“, kurz TOL, gerade Grundtvigs Ideen mit den Themen ökologische und soziale Landwirtschaft zu verbinden und geeignete Bildungsangebote zu entwickeln. Die Projektpartner kommen aus Polen, Bulgarien, Dänemark, der Schweiz und Eberswalde. Zu einem Projekttreffen in der Schweiz im September wurden besonders viele Gäste aus Polen erwartet. Ich war deshalb von Martin Nobelmann, das ist der Mann zu Dr. Marianne Nobelmann, eingeladen worden, dabei die zwischensprachliche Kommunikation zu unterstützen. Man traf sich zunächst in Zürich, der bescheidensten aller superschicken, superteuren Städte dieses Planeten, am schönen Zürichsee gelegen. Von dem wissen die Asterixleserinnen, dass die Brücke zwar von Cäsar abgerissen aber von den Helvetiern mittlerweile wiederaufgebaut worden ist. Ich kann das bestätigen, ich war auf einer Brücke.


Die vier Tage waren dann eine Abfolge von Arbeitstreffen und noch mehr Betriebsbesichtigungen ökologisch und/oder sozial landwirtschaftender Betriebe. Von der inhaltlichen Arbeit bekam ich gar nicht so viel mit, denn die geschah in sprachlich homogenen Gruppen ohne große Verständigungsprobleme sprachlicher Art.


Sprachlich vermitteln konnte ich dafür umso mehr bei den Betriebsbesichtigungen: Puureheimet Brotchorb ist aus einer Initiative des Pfarrers Ernst Sieber in den achtziger Jahren entstanden. Sein Anliegen war es, auf dem Bauernhof Menschen in schwierigen Lebenslagen eine Beschäftigung und wieder „Boden unter den Füssen“ zu bieten; Margrit und Louis Liesch, waren die ersten Demeter Weinbauern in der Schweiz; auf dem Hof Looren widmet man sich besonders der Zucht von rätischem Grauvieh und betreibt seit einigen Jahren das Projekt Huhn mit Bruder ; die Sennerei Bachtel verarbeitet ausschließlich silofreie Demeter-Rohmilch von biologisch-dynamisch bewirtschafteten Bauernhöfen aus der Umgebung. Untergebracht waren wir auf dem Plantahof in Graubünden, dem landwirtschaftlichen Bildungszentrum des Kantons Graubünden .


Zum Schluss sei hier noch ein kurzes Loblied auf die pitoreske und gleichzeitig sehr gut organisierte Landwirtschaft der Schweiz gesungen: Der Anblick eines Demeterhofes auf den Bergen über dem Zürichsee und der jätenden Betreuten im Gemüseacker zählt sicherlich zum idyllischsten, was ein Hochlohnland zu bieten hat. Prinzipiell nimmt die Größe der Maschinen mit jedem Höhenmeter ab. Ganz oben, auch noch über der Baumgrenze, befinden sich die Alpen, wozu die Schwaben Almen sagen, also die Sommerwiesen für das zahlreiche Milch- und Fleischvieh. Und angesichts der Steilheit des Geländes ist auch die Tierhaltung in großen Teilen der Schweiz die einzig sinnvolle Bewirtschaftungsform (welche Gebiete bewirtschaftet werden sollten, ist eine andere Frage). Vom Arbeiten auf den Alpen wird allerdings abgeraten: Den Schweizern gelten diese Jobs als schlecht bezahlt, weshalb auch nur die armen Deutschen dafür noch zu begeistern sind.