Frisch von draußen – Praxisluft schnuppern mit Judith Schubert

Das Studium am Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz beginnt mit Vorlesungen, Seminaren und Exkursionen. Je nach Studiengang heißt es dann ggf. irgendwann „ab ins Praxissemester“. Wir interviewen in unserer neuen Rubrik „Frisch von draußen“ Studierende, die gerade ihr Praxissemester absolviert haben oder mitten drin stecken, um zu erfahren wie diese aufregende Zeit für sie war/ist.

Dieses Mal erzählt Judith Schubert von ihrem Praktikum bei „Die Gemeinschaft“.

Auf den von der Gemeinschaft organisierten Hofbesuchen werden Gastronom*innen landwirtschaftliche Anbaumethoden näher gebracht, außerdem soll der Austausch zwischen Gastronomie und Landwirtschaft gefördert werden, Foto Credits: Nils Böddingmeier


Seit wann und was studierst du in Eberswalde? In welcher Einrichtung hast du dein Praktikum absolviert?

Seit dem Wintersemester 2019 studiere ich den Bachelorstudiengang „Ökolandbau und Vermarktung“ an der HNEE.

Ich begann mein Praxissemester im März auf dem neu gegründeten Hof Lebensberg in der Nordpfalz im Aufbau der Gemüsebau-Domäne. Von dort aus suchte ich mir meinen zweiten Praktikumsort und fand über Empfehlungen „Die Gemeinschaft“, ein Netzwerk, das Lebensmittelproduzent*innen und Gastronom*innen verbindet.


Warum hast du dich für diese beiden Stellen entschieden?

Weil es so wichtig ist, die landwirtschaftliche Praxis interdisziplinär zu verknüpfen, wusste ich schon lange, dass ich mein Praxissemester an zwei Orten durchführen möchte.

Im vergangenen Winter war meine Suche nach Praxisorten noch stark von Corona-bedingten Regelungen geprägt und beschränkt. Eigentlich hoffte ich auf einen Praktikumsplatz im Nachhaltigkeitsforschungszentrum in Stockholm, doch dort waren alle Forscher*innen im Homeoffice und Reisen schien noch sehr schwer möglich. Mir war es trotzdem sehr wichtig meine Praxiszeit vielfältig zu nutzen und dabei auch aus neuen Perspektiven auf die landwirtschaftliche Arbeit zu blicken. Deshalb war – neben dem Praktikum auf „Hof Lebensberg“ - die Vernetzungs- und Bildungsarbeit, die „Die Gemeinschaft“ leistet, genau das Richtige für mich.


In welchem Bereich hast du dort gearbeitet? Was waren deine Aufgaben?

In dem kleinen Team, das hinter „Die Gemeinschaft“ steht, teilt sich alle Arbeit auf zwei Frauen auf. Je nachdem was anstand und auch nach meinen Interessen wurden dann einige Aufgaben an mich übertragen. Dadurch konnte ich in viele verschiedene Bereiche Einblicke gewinnen. So lernte ich viel über die Vorbereitung von Veranstaltungen, ging mit Gastronom*innen auf Hofbesuche in Brandenburg und verstand, wie viel Arbeit die Social Media Präsenz bereitet.

Da „Die Gemeinschaft“, genau wie das Interesse an den Themen rund um nachhaltige Lebensmittelproduktion wächst, gibt es auch immer mehr Mitglieder. Mit drei neuen Mitgliedern führte ich Interviews, deren Vorbereitung, Ausführung und Veröffentlichung ganz bei mir lag. Meine Freude am Schreiben konnte ich dort und auch in weiteren Aufgaben voll ausleben.

Das Hauptaugenmerk während der zwei Monate lag jedoch auf dem diesjährigen „Symposium für neue Esskultur“, dessen Vorbereitungen auf Hochtouren liefen. Dabei gab es viel zu tun: Ich lernte die Website zu bearbeiten und schrieb kleine einführende Texte zur Beschreibung einzelner Veranstaltungen.

Außerdem organisiert „Die Gemeinschaft“ zusammen mit Proagro und der Plattform 2020 Hofbesuche, bei denen Gastronom*innen eingeladen werden, Höfe in der Umgebung von Berlin kennenzulernen. Im Vorfeld der Besuche gibt es viel Kommunikationsarbeit. Infomails mussten geschrieben und beantwortet, Teilnahmelisten aktualisiert und die Koordination der Teilnehmer*innen bis zum Tag der Hofbesuche gut organisiert werden. Während und nach den Besuchen ging es um die Dokumentation. Den Content für Social Media zu sammeln und aufzuarbeiten war eine meiner Aufgaben, die ich vorher sehr unterschätzt habe. Denn es fließt viel Arbeit und Mühe in eine gut gepflegte Social Media Präsenz.

Auf dem Hofbesuch bei „Land und Scheune“ zeigte Till Mieke seinen „Salatspargel“. Dass Salat ein schnelles Höhenwachstum hat und „schießt“ ist im Gemüsebau eigentlich unerwünscht, doch der saftige Stängel dieses Salates wird von den Köch*innen gerne spargelähnlich zubereitet,

Foto Credits: Nils Böddingmeier


Und was hat dir am meisten Spaß gemacht, was nicht so sehr?

Das Arbeiten an Websites, mit Social Media und Kommunikation stand in großem Kontrast zu der Zeit vorher auf dem Hof. Oft sind es repetitive Arbeiten am Computer, die anfangs frustrierend sein können und noch sehr viel Zeit brauchen. Doch habe ich auch dabei sehr viel gelernt und an den Formulierungen für kleine Texte zu feilen, bereitete mir Freude.

Spaß gemacht hat es, auf den Hofbesuchen zu sehen, wie Gastronom*innen die Produktionsstätten ihrer Zutaten kennenlernen und auch viel Raum ist für einen regen Austausch über die Weiterverarbeitung. Umgeben zu sein von vielen Menschen, die eine Leidenschaft für die Lebensmittel Produktion und Weiterverarbeitung verbindet, war inspirierend.


Inwiefern war Dein Praktikum hilfreich? Was nimmst du aus dieser Zeit mit?

Bei den inhaltlichen Gesprächen mit den Kurator*innen für die Themenblöcke des Symposiums dabei zu sein, hat mir einige Bereiche aus dem Studium neu nahegebracht. Die Themen wurden für ein breites Publikum aufgearbeitet und es wurden thematische Schwerpunkte für die Veranstaltungen gesetzt. Ich lernte dabei unter anderem Expert*innen für Fermentationstechniken, Hülsenfrüchte oder nachhaltigen Binnenfischfang kennen. Durch das Praktikum habe ich noch einmal mehr gelernt, wie wichtig es ist, das Gemüse, die Milch und das Korn, im großen Kontext zu sehen.

Bei den Veranstaltungen des Symposiums versammeln sich Menschen verschiedenster Hintergründe, verbunden durch ihr gemeinsames Interesse an einer bestimmten Lebensmittelgruppe oder einer Verarbeitungstechnik. Jede*r bringt aus der jeweiligen Perspektive betrachtet bereichernde Anstöße und Fragen mit, die zu einem regen, interdisziplinären Austausch führen. Persönlich hat mich dieses Umfeld sehr bereichert und gerne bin ich auch nach Ende meiner Praktikumszeit bei Veranstaltungen des Symposiums dabei gewesen.


Wie blickst Du auf den Abschluss Deines Studiums an der HNEE und deine weitere Laufbahn? Kannst du dir vorstellen später in diesem Job zu arbeiten? Die große Bedeutung unseres Studienfaches und die Dringlichkeit der Themen, die die ökologische Landwirtschaft bewegen, wurden mir während des Praktikums immer wieder ins Bewusstsein gerufen. Im Studienalltag passiert es leicht, dass die Brisanz der Thematik im Lernen der praktischen Verfahrenslehre verloren geht. Immer wieder zu überlegen, was so wichtig ist an einer guten landwirtschaftlichen Praxis und welche vielfältigen Auswirkungen sie auf das Klima, die Gesellschaft und den Geschmack der Lebensmittel hat, bereicherte mich sehr. Zu sehen wie wichtig das ist, womit wir uns beschäftigen tat gut. Konkretere Berufsvorstellungen haben sich daraus nicht automatisch entwickelt. Eher fand ich einzelne, neue Bereiche, die mir wichtig sind und lernte Fähigkeiten, die sicher vielerorts hilfreich sind. In ein typisches Berufsbild lässt sich diese Arbeit sowieso schwer fassen.


Angenommen ein*e Studi interessiert sich ebenfalls für die Praktikumsstelle, was wären Deine Hinweise? Was sollte die Person mitbringen, um hier ein erfolgreiches Praktikum zu absolvieren?

Das Arbeiten in dem kleinen Team von „Die Gemeinschaft“ war sehr schön und fand immer auf Augenhöhe statt. Doch da es sehr viel zu tun gab, galt es das anfängliche Gefühl der Überforderung erst einmal zu überwinden. Schnell wurde mir Verantwortung z.B. in einigen Bereichen der Kommunikation übertragen und es war sehr spannend da hineinzuwachsen. Wenn mit Flexibilität, viel Freude am Austausch und eigenen Ideen das Praktikum bestritten werden soll, ist „Die Gemeinschaft“ genau der richtige Ort.



Über die Gemeinschaft:

Anstoß für die Gründung der Gemeinschaft war der Gedanke zweier Sternerestaurants in Berlin, dass die Küche den Kontakt zum Feld braucht und dass Köch*innen in ihrer Arbeit mit den Lebensmitteln davon profitieren, zu sehen wo die Herstellung ihrer Zutaten beginnt.

Durch die Wertschätzung der landwirtschaftlichen Arbeit - auch als Grundlage einer regionalen Gastronomie - soll ein Nährboden geschaffen werden für eine ganzheitliche Arbeit mit Lebensmitteln.

Das von „Die Gemeinschaft“ organisierte „Symposium für neue Esskultur“ findet seit 2018 jährlich in bisher immer neuer Form statt. Im vergangenen Jahr gab es über 30 digitale Vorträge und Diskussionen zu vielfältigen Themen, die in einem Wissensarchiv gesammelt wurden. In diesem Jahr findet das Symposium in Festivalform über den Zeitraum von August bis Dezember statt. In zehn unterschiedlichen Themenblöcken wird sich an jeweils vier Tagen einer Lebensmittelkategorie gewidmet. Meist begonnen mit einem digitalen, wissenschaftlichen Input werden dann landwirtschaftliche Betriebe, Verarbeitungsstätten und Restaurants besucht, die ihren Bezug und ihr Wissen rund um das Lebensmittel den Teilnehmer*innen vermitteln.

Die Veranstaltungen sind offen für ein breites Publikum von Gastronom*innen über Landwirt*innen, Käser*innen, Fischer*innen, Studierende bis hin zu fachferneren Interessierten und Lebensmittelbegeisterten. Unter den Teilnehmer*innen mit unterschiedlichen Hintergründen gibt es während dieser vier Tage einen spannenden Austausch und es werden viele neue Kontakte geknüpft.

Im November und Dezember werden noch drei Veranstaltungsblöcke stattfinden zu den Themen „Flüssiges“, „Süßes“ und „Ausbildung in der Lebensmittelbranche“. Studierende und Azubis sind eingeladen zum halbierten Preis teilzunehmen.