Was steckt hinter der Abkürzung LÖ?


Ein Beitrag von Steffi Logge und Ameli Uhlig

How to write LÖB // Erfahrungen einer Schreibenden // Steffi

Wir sehen sie allein oder in Grüppchen über den Campus schwärmen, bepackt mit Fangnetzen, Hammer und Pürckhauer, Stangen, Flatterband, Wathosen und was die Geräteausleihe sonst noch hergibt. Wir finden sie mit blassen Gesichtern und trübem Blick im PC-Raum, morgens um 8 oder abends um 11 oder beides am selben Tag. Wir hören sie in der Mensa oder am Bahnhof über ihre Arbeit reden, als ginge es um eine bevorstehende Blinddarm-OP. Wer sind sie? Was tun sie da?

Wer im 4. Semester LaNu studiert, darf sich erstmals allein hinaus ins Gelände wagen, um das gehortete Wissen der ersten drei Semester praktisch anzuwenden. Jede*r bekommt nach dem Prinzip Lostopf ein Landstück zugeteilt, das zwischen 30 und 300 Hektar groß sein kann. Irgendwo, in der Nähe von Eberswalde, oder auch etwas weiter weg in Ostbrandenburg. Es gilt, diese Fläche bis zum Ende des Prüfungszeitraumes zu untersuchen und die Ergebnisse im Landschäftsökologischen (LÖ) Beleg niederzuschreiben.


Idealerweise begeht Mensch seine Fläche wöchentlich, um alle Biotope zu kartieren, die Avifauna und eine Wirbellosengruppe zu erforschen. Auf der Wunschliste der Betreuenden steht auch ein aufgegrabenes Bodenprofil sowie zwei Vegetationsaufnahmen. Nicht zu vernachlässigen ist die Theorie an der Praxis; etwa die potentiell natürliche Vegetation, die Geomorphologie, das Lokalklima wollen erklärt werden. Auch die Kulturhistorie wird nicht vergessen; irgendwo im LÖ-Gebiet versteckt sich sicher ein kulturhistorisches Landschaftselement, und wer schon auf der Suche ist, kann auch wunderbar das Landschaftsbild bewerten.


Alle Geländearbeiten sind natürlich nach wissenschaftlichen Standardmethoden durchzuführen, etwa die Vogelrevierkartierung. Unter Verwendung von Literatur aus der Bibliothek fügen sich schließlich alle gesammelten Informationen zu einem Gesamtwerk, dem berüchtigten LÖ-Beleg. Der besteht aus Text, viel Text, langen Seiten von Quellenangaben, einigen Belegfotos und, der ganze Stolz aller Abgabekandidat*innen: Selbst erstellten, super professionell aussehenden GIS-Karten, beispielsweise zum Vorkommen von Tierarten, Bodentypen und dem Relief.

Die Arbeit macht großen Spaß, das wollen wir nicht abstreiten. Es ist ein Erlebnis, das kein LaNu missen möchte; bei Sonnenaufgang von Frühjahr bis Sommer den Singvögeln lauschen, seltene Schmetterlingsarten fotografieren, eine Landschaft auf sich wirken lassen, picknicken im Nirgendwo. Die Entwicklung seines Gebietes anhand historischer Karten nachvollziehen, in Wathosen durch zugewucherte Sölle stapfen, mit Spaten und Bodentasche Bus fahren.

Auch wenn wir bei Platzregen nach Hause radelnd glauben, dass wir niemals alle Gräser auf unserer Wiesenfläche bestimmen können oder im Wald plötzlich einer Wildschweinrotte gegenüberstehen – in uns glüht der Stolz, dass wir das alles ziemlich selbstständig geschafft haben. Wir haben einmal erlebt, wie Ornithologen, Biotopkartierer*innen, Geolog*innen arbeiten. Am Ende des Sommers werden wir einen Landschaftsausschnitt genauer untersucht haben als irgendjemand zuvor. Wir werden im LÖ-Beleg den Schutzstatus beschreiben, Entwicklungsvorschläge und Maßnahmeempfehlungen geben. Und hoffentlich noch erleben, wie wir eine fertige Arbeit abgeben.


Jede*r hat dabei mindestens ein Arbeitsgebiet gefunden, dass ihr/ihm besonders viel Freude macht. Sei es Bodenhorizonte aufschlüsseln oder Libellen erfassen. Viele hätten gern noch viel mehr Zeit auf ihren Flächen verbracht – wenn da nicht jede Woche Vorlesungen wären, an die sich auch Prüfungen anschließen. Es ist ein sehr schönes, sehr vollgepacktes Semester, dass einige LaNus gerade absolvieren. Sie scheinen ganz automatisch Redewendungen vorangegangener Generationen übernommen zu haben. Oder erfanden neue. Wer sagt, er/sie fährt „ins Gebiet“, „muss weiter am LÖ-Beleg arbeiten“ oder „geht LÖBen“ ist bei Kommiliton*innen automatisch von allen anderen Pflichten entschuldigt.


Habt auch ihr Verständnis, wenn die Viertsemestler*innen jammern, Panikattacken bekommen (denn der Tag der Abgabe kommt. Immer.) und keinen Platz machen wollen, obwohl sie schon seit 37 Stunden den PC-Raum belegen – sie ackern für eine große Sache.

How to survive LÖB // Service-Tipps von Überlebenden // Ameli

  1. Don’t panic: You’re not alone! Da müssen wir Lanus alle irgendwann mal durch.

  2. Helft euch gegenseitig: Der Ein oder die Andere bestimmt leidenschaftlich gerne Gräser, ein*e Andere*r ist der absolute Schnecken-Expert*in und der/die Nächste ein richtiger Bodenkunde-Crack.

  3. Ja, mach nur einen Plan sei nur ein großes Licht und mach dann noch 'nen zweiten Plan gehn tun sie beide nicht. (Bertold Brecht)

  4. Oder anders gesagt: Es kommt ja immer anders, wenn man denkt! Kalkuliert ein bisschen Puffer in euren Zeitplan. Gerade die Geländeaufnahmen kosten manchmal mehr Zeit, als zu Beginn veranschlagt.

  5. Keep talking! Manchmal hat der/die zuständige Förster*in noch wertvolle Informationen, Anwohner*innen können Spannendes berichten oder der/die Landwirt*in gibt noch ein paar Tipps zur Fläche – danach sieht mensch sein Gebiet manchmal mit ganz anderen Augen.

  6. Auch wenn mensch es im Beleg-Wahn nicht so richtig wahr haben will: Eine bessere Übung und Vorbereitung auf die Bachelorarbeit gibt es wohl kaum. Zeitmanagement, Selbstorganisation, Formatierung...die gemachten Erfahrungen sind für alle kommenden Beleg- und Abschlussarbeiten wirklich Gold wert.

  7. Macht auch mal Pause! Genießt einfach die Natur und gönnt euch ne Limo. Zu viel Stress ist ungesund.