Interview zur Doku "Die Wasserretter"

Vor kurzem ist in der ZDF-Reihe plan b eine spannende Doku erschienen, die Lösungen vorstellt, wie mit dem wertvollen Nass zukünftig umgegangen werden sollte und welche innovativen Konzepte es heute schon gibt. Gezeigt werden Projekte, die neue Wasserquellen erschließen bzw. erhalten – in Mooren, auf Äckern, zu Hause und sogar im Nebel!

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Und jetzt kommt das Beste: Zwei der Projekte haben eine Verbindung zu unserem Fachbereich. Da wäre einmal das ILL Agroforst Projekt Ackerbau(m), mitbetreut von Dr. Ralf Bloch, Fachgebiet Agrarökologie und nachhaltige Anbausysteme, das eine Exkursion zu den Flächen der im Film vorgestellten Agroforst-Pionier*innen des Gut Märkisch Wilmersdorf anbietet. Das andere Vorhaben ist die Wiedervernässung eines Moors im Nationalpark Jasmund auf Rügen in Kooperation mit dem Bergwaldprojekt e.V. und Prof. Dr. Uta Steinhardt, Fachgebiet Landschaftsökologie und Landnutzungsplanung.


Um noch mehr über die Forschungs- und Praxisprojekte sowie die Potentiale von Agroforstsystemen und Moorwiedervernässungen zu erfahren, haben wir mit Uta Steinhardt (USt) und Ralf Bloch (RB) gesprochen:


Zwei der in der Doku vorgestellten Projekte haben eine Verbindung zu unserem Fachbereich. Wie sieht diese Verbindung aus und was ist Ihre Rolle im Projekt?

USt: Das Wahlpflichtmodul Geländepraktikum, für das ich verantwortlich bin, wird seit einigen Jahren in Kooperation mit dem Bergwaldprojekt e.V. realisiert, um praktische Naturschutzarbeit mit wissenschaftlicher Arbeit zu verbinden. Wir unterstützen auf diese Weise das Bergwaldprojekt bei deren Projekten zur Moorwiedervernässung.

RB: Die Innovative Lehr- und Lernform (ILL) Agroforst (Ackerbaum-Projekt) wird seit drei Jahren von Studierenden der Fachbereiche WUM (FB1) und LaNu (FB2) organisiert. Dabei finden neben Arbeitseinsätzen auf der HNEE-Agroforst-Modellfläche in Großmutz auch regelmäßig Exkursionen zu anderen Agroforst-Modellprojekten in Brandenburg statt - ein sehr interessantes Projekt befindet sich in Märkisch Wilmersdorf. Die dortigen Agroforst-Pioniere arbeiten mit Expert*innen zusammen die wiederum als Referent*innen in unserer ILL tätig sind. Gemeinsam mit Prof. Dr. Tobias Cremer vom FB1 bin ich für die ILL Agroforst am FB2 verantwortlich.

Seit wann gibt es die Projekte? Wie sind sie entstanden?

USt: Die Kooperation mit dem Bergwaldprojekt in diesem Wahlpflichtmodul gibt es seit 2014. Die Anregung kam von einem LaNu-Absolventen, der zunächst beim Bergwaldprojekt sein praktisches Semester absolviert hat und im Anschluss (bis heute) beim Verein als Projektleiter arbeitet.

RB: Die ILL Agroforst existiert seit gut vier Jahren und hat ihren Ursprung in der Abschlussarbeit von Dorina Hübner-Rosenau und Paul Hofmann, in der ein Konzept für ein Agroforst-Modellprojekt im Löwenberger Land (Großmutz) entwickelt wurde. Dieses Konzept wurde dann im Rahmen der ILL als „Reallabor“ in die Tat umgesetzt.

Was ist das Ziel der Projekte? Welche Ökosystemleistungen werden erbracht?

USt: „Moor muss nass!“ hat Hans Joosten, einer der renommiertesten Moorkundler der Gegenwart mal gesagt. Ziel der Moorwiedervernässung ist deshalb die Wiederherstellung eines möglichst naturnahen Wasserhaushaltes. Dann kann das Moor wieder als Kohlenstoffsenke fungieren und zum Klimaschutz beitragen, aber auch Schadstoffe zurückhalten und das Lokalklima regulieren. Zudem haben Moore eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Biodiversität.

RB: Ziel ist es mit Agroforstsystemen - dabei handelt es sich um Landnutzungssysteme bei denen Bäume oder Sträucher mit Ackerkulturen und/oder Tierhaltung auf einer Fläche kombiniert werden - die Bereitstellung von Ökosystemleistungen in Agrarlandschaften deutlich zu optimieren. Hierzu zählen z.B. vielfältigere und höhere Erträge, die Erhöhung der Habitat- und Artenvielfalt, weniger Nährstoffverluste ins Grundwasser aber auch die Aufwertung des Landschaftsbildes etc.

Was wurde bereits erreicht? Welche Erkenntnisse gibt es?

USt: LaNu-Studierende haben in Kooperation mit dem Bergwaldprojekt dazu beigetragen das Schwarze Moor in der Rhön, das Wiesbüttmoor im Spessart sowie die Tesnick, das Birkmoor und die Achterwiese wiederzuvernässen. Die letztgenannten Moore im Jasmund sind nach Abschluss unserer Arbeiten dann zur Kernzone des Nationalparks geworden. Parallel zu den praktischen Arbeiten haben die LaNu-Studierenden beispielsweise das beim Verbau genutzte Material - eine Mischung aus Holzhackschnitzeln und Sägespänen - mittels Extraktionsversuchen im Labor auf eine potentielle Nährstofffreisetzung untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass Phosphor und Stickstoff in für Moorböden sehr geringen und Kalium in normalen Mengen ausgewaschen wird und dadurch keine negative Beeinträchtigungen zu erwarten sind.

RB: Im Rahmen der ILL wurden auf der Agroforst-Modellfläche seit 2017 gut 342 Bäume (Wildbirnen, Roteichen, Elsbeeren, Baumhaseln, Speierlinge, Traubeneichen), 225 Sträucher (u.a. Sanddorn und Aronia) sowie diverse Weiden und eine Windschutzhecke angepflanzt. Seitdem findet ein intensives Monitoring statt, wobei wir z.B. die Pflanzenvitalität und die Veränderung der Biozönose erfassen. Unter anderem konnten wir feststellen, dass die Wildbirnen, die Elsbeeren und auch die Speierlinge eine deutlich bessere Trockentoleranz aufwiesen als die Eichen, was für die Anlage solcher Systeme in Zeiten des Klimawandels ein sehr wichtiges Ergebnis ist.

Herr Bloch, in der Doku ist zu sehen, wie auf den Äckern des Gut Märkisch Wilmersdorf Reihen von Pappeln gepflanzt werden. Welche anderen Möglichkeiten gibt es? Was sind die Vor- und Nachteile verschiedener Baum- oder Straucharten? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

RB: Pappeln und Weiden tragen zu einer schnellen Flächenbedeckung bei und werden daher meist zur energetischen Biomassenutzung angepflanzt. Alternativ kann man diese rasch wachsenden Gehölze aber als Frischzweighäcksel nutzen und zur Verbesserung der Bodenqualität auf die Ackerfläche ausbringen. Diesen Ansatz wollen wir ebenso auf unserer Modellfläche testen und erhoffen uns dadurch einen wirkungsvollen Beitrag zum Humusaufbau. Neben schnellwachsenden Gehölzen setzen wir vor allem auf Werthölzer in Agroforstsystemen, wodurch sich Landwirt*innen neue Märkte erschließen können.

In der Doku wird außerdem erwähnt, dass Agroforst in Frankreich schon viel häufiger umgesetzt wird. Warum ist das in Deutschland nicht so und was muss passieren, damit auch hier mehr Agroforst betrieben wird?

RB: Diese Unterschiede zwischen den EU-Ländern im Agroforst-Bereich sind u.a. darauf zurückzuführen, dass die Förderprogramme in der Zweiten Säule der EU-Agrarpolitik länderspezifisch ausgestaltet werden (z.B. KULAP), d.h. dass es in Frankreich andere Förderanreize für Agroforst-Systeme gibt, aber sicherlich auch andere Schwerpunkte in der Beratung. Auch hat die Agrarforschung und insbesondere die agrarökologische Forschung in Frankreich einen deutlich höheren Stellenwert als in Deutschland. Hinzu kommen administrative Hürden: In Brandenburg haben wir bspw. bisher nicht einmal Nutzungscodes für Agroforst-Systeme, damit Landwirt*innen diese auch im Agrarantrag anmelden können.

Forstwirt Philip Gerhardt fungiert als Berater für das Gut Märkisch Wilmersdorf und wird in der Doku gezeigt wie er bei einer Besprechung „Keyline-Design“ erwähnt. Können Sie uns das Konzept noch genauer erläutern?

RB: Keyline Design ist ein spezielles Landbausystem bei dem zunächst Ackerflächen bzw. ganze Agrarlandschaften anhand ihrer Geomorphologie analysiert werden, um zu klären wie sich das Wasser in der Landschaft bewegt und verteilt. Auf dieser Grundlage können dann unter anderem Bearbeitungs- und Pflanzmuster erstellt werden, die sowohl Oberflächen- als auch Bodenwasser entlang der Geländekontur leiten können, so dass es besser aufgenommen, verteilt und gespeichert werden kann. Unser ILL Gastreferent Philip Gerhardt hat bereits mehrere Keyline-Projekte entwickelt und betreut und kann daher den Studierenden neben der Theorie auch die praktische Implementierung dieser Systeme eindrucksvoll vermitteln.

Was erwartet Studierende, die sich für das ILL Modul anmelden wollen?

RB: Eine ILL fördert vor allem projekt- und problembasiertes sowie forschendes Lernen. Hier kommen Studierende verschiedener Fachbereiche zusammen um sich tiefer mit speziellen Aspekten von Agroforstsystemen zu befassen. Diese Vertiefung erfolgt theoretisch sowie praktisch im „Reallabor“ auf der Versuchsfläche im Löwenberger Land. Die praktische Arbeit erstreckt sich dabei von der Datenaufnahme und -auswertung, über das Recherchieren verschiedener technischer Möglichkeiten, bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit. Nicht nur die praktische Umsetzung und Forschung innerhalb der ILL liegt in den Händen von Studierenden, sondern auch die Durchführung und Organisation der Lehre. Unter der Betreuung von akademischen Mitarbeitenden und Professor*innen laden studentische Tutor*innen Referierende ein, die zu Beginn des Semesters verschiedene Agroforstkonzepte und -aspekte näher beleuchten. Darüber hinaus organisieren die Tutor*innen z.B. Pflanztage auf der Modellfläche im Löwenberger Land sowie Exkursionen zu anderen Flächen.

Frau Steinhardt, in der Doku werden Sie und Ihr Team bei der Suche nach alten Entwässerungsrohren gezeigt. Wie lange haben Sie damit zugebracht? Wie viele davon sind dort verlegt, wie viele haben Sie gefunden? Und wie anstrengend war es, diese Rohre auszuheben?

USt: Die Doku führt die Zuschauer*innen an dieser Stelle auf eine etwas falsche Fährte, denn die Arbeiten des Bergwaldprojektes bei der Moorwiedervernässung fokussieren nicht auf das Ausbuddeln von alten Drainagerohren, sondern auf den Querverbau ehemaliger Entwässerungsgräben mit Bohlen- oder Spundwänden. Dass wir beim Bau des Sperrwerks auf ein solches Drainagerohr gestoßen sind, war eher Zufall. Da wir es nun aber gefunden hatten, wollten wir es – soweit möglich – auch entfernen. Nur dafür haben wir dann den potentiellen Verlauf sondiert und dann schließlich fünf Rohrstücke von jeweils einem Meter Länge ausgebuddelt. Das hat unseren eigentlichen Arbeitsplan um mehr als einen halben Tag in Verzug gebracht. Wie anstrengend es war, ist in der Doku gut zu sehen. Aber die Student*innen haben mit Köpfchen mangelnde Kräfte super kompensiert.

Wie viele Menschen sind in das Projekt involviert? Sind auch Studierende der HNEE mit vor Ort gewesen?

USt: Ja, auch das kommt in der Doku zu kurz. Involviert waren nicht ‚Freiwillige des Bergwaldprojekt ‘ wie es in der Doku heißt, sondern 15 LaNu-Student*innen der HNEE, die nicht ganz freiwillig dabei waren, sondern für dieses Modul auch Leistungspunkte gesammelt haben. Aber sie haben sich ja bewusst – und damit doch freiwillig – für dieses Modul entschieden im Wissen um die Anstrengungen der Projektwoche.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Wiedervernässung von Mooren? Und speziell im Nationalpark Jasmund?

USt: Wichtig ist, die alten Entwässerungsgräben weitestgehend funktionsuntüchtig zu machen. Das passiert i.d.R. durch deren Querverbau und eine vor- und nachgelagerte Grabenverfüllung. Die Bauwerke sollten dabei idealerweise im mineralischen Untergrund gegründet sein. Im Nationalpark Jasmund ist das die Kreide. Die steht an einigen Stellen bereits etwa einen Meter unter der Geländeoberfläche an, an anderen Stellen haben wir aber auch in drei Metern Tiefe noch keine Kreide erreicht. Dann gilt es, das Bauwerk im ungestörten Torf gut zu verankern. In jedem Fall ist der Bau der Bohlenwände stets ein Wettlauf mit dem Wasser. Das ist in der Doku auch gut zu sehen.

Gibt es rund um Eberswalde ähnliche Projekte der Wiedervernässung?

USt: Ja, auch in Brandenburg gibt es zahlreiche entwässerte und landwirtschaftlich genutzte Moore. Einige wurden bereits wiedervernässt. Dabei muss jedoch unterschieden werden, ob die Moore damit dann gänzlich aus der Nutzung fallen oder aber neue Nutzungen unter nassen Bedingungen möglich sind. Das von Prof. Dr. Vera Luthardt geleitete Projekt „Netzwerk moorschonende Stauhaltung“ bietet beispielsweise Optionen für studentische Projekt- oder Abschlussarbeiten.

Was kann jede*r Einzelne tun um Moore zu schützen?

USt: Hochmoore werden gegenwärtig fast ausschließlich abgetorft, um Substrate für den Gartenbau herzustellen. Wenn also jede*r darauf verzichtet, torfhaltige Blumenerde zu kaufen, wäre schon einiges gewonnen. Zudem kann sich jede*r mit dem Erwerb von MoorFutures-Kohlenstoffzertifikaten an der Finanzierung von Klimaschutzprojekten durch Moorwiedervernässung in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein beteiligen.


Herzlichen Dank für das Interview!