Walk & Talk mit der Arbeitsgruppe Verpackungsreduktion

Aktualisiert: Juni 14

Das Verpackungsmüllaufkommen in Deutschland liegt derzeit bei knapp 20 Mio. Tonnen – zur Verdeutlichung: das entspricht 50% der Masse aller auf der Erde lebenden wilden Säugetiere. Eindeutig zu viel. Viele Verpackungen sind zwar in der Theorie „recyclebar“, tatsächlich recycelt wird aber nur ein Teil, bei Kunstoffen liegt dieser Anteil laut Umweltbundesamt bei unter 50%. Die nachhaltigste Verpackung ist damit oftmals die, die weggelassen wird.

Die Arbeitsgruppe Verpackungsreduktion unter Leitung von Prof. Dr. Jens Pape und Dr. Melanie Kröger hat sich mit dieser Problematik auseinandergesetzt. Beim pandemie-konformen Interview – Mund und Nase verpackt zum unverpackt-Spaziergang durch den Treptower Park im real life verabredet – erklärte das Team im regen Gespräch was es mit dem Forschungsprojekt auf sich hat und wie es mit dem Thema in Zukunft weitergeht.

Die Arbeitsgruppe Verpackungsreduktion (v.l.n.r.): Prof. Dr. Jens Pape, Dr. Melanie Kröger, Marcel Schuricht, Paula Wörteler, Foto Credits: HNEE


Liebes Verpackungsreduktion-Team, Ihr habt euch mit Herausforderungen und Potenzialen des Konzepts „Unverpackt“ auseinandergesetzt. Was war Euch bei dem Projekt besonders wichtig?

Der erste deutsche Unverpacktladen eröffnete 2014 – das Konzept war 2015, als wir angefangen haben uns damit zu beschäftigen, also noch sehr jung und daher wenig untersucht. Es fehlte an Daten und Wissen zu den Prozessen, Hürden und Herausforderungen. Im ersten Forschungsprojekt (2016-2020) haben wir daher zunächst die Ist-Situation analysiert und dabei eng mit bestehenden Unverpacktläden zusammengearbeitet. Dabei konnte auch unser zweites Ziel, die Vernetzung bestehender Läden und die Förderung des gegenseitigen Austauschs von Erfahrungen durch gemeinsame Veranstaltungen wie Workshops, realisiert werden.


Und was waren die wesentlichen Erkenntnisse?

Verpackungen dienen vielen wichtigen Funktionen wie Schutz bei Lagerung und Transport, Informationsbereitstellung zu Inhalt, Herkunft oder MHD, sowie der Hygiene oder dem Marketing. So funktioniert ein Verzicht der Verpackungen bei vielen Produkten nicht ohne weiteres. Bei verarbeiteten Produkten ist mitunter eine Anpassung der Rezeptur erforderlich, denn Kekse brechen in Großgebinden und Crunchy-Müsli bleibt nicht knusprig, wenn es nicht luftdicht verpackt ist, um nur zwei Beispiele zu nennen. Bei anderen Produkten, wie etwa Nudeln, erschweren die Prozesse in der Produktion die Nutzung von großen Gebinden.

Darüber hinaus bedeutet ein Verzicht auf (Plastik-)Verpackung nicht zwingend, dass das Produkt dadurch klimafreundlicher wird. Transporter haben eine Maximallast. Verwendet man beispielsweise Glas statt Plastik, besteht ein trade-off zwischen Plastikmüll und Treibstoff. Das Thema ist sehr komplex.

Auf Verpackung zu verzichten ist deshalb nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Für die Umwelt wäre es gut, wenn die Lebensmittel vor allem aus der Region kommen und nicht über weite Strecken transportiert werden müssten und so Verpackungen eingespart werden könnten. Auch wenn immer mehr Menschen Wert auf saisonale und regionale Lebensmittel legen, ist eine ausschließlich regionale Ernährung der gesamten Bevölkerung derzeit nicht vorstellbar. Um die Bedürfnisse aller möglichst verpackungsarm zu befriedigen, bedarf es grundlegender Änderungen des Systems entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Schließlich sollen die Produkte am Ende nach Möglichkeit wirklich unverpackt (ohne Einwegverpackung) und nicht nur umverpackt im Laden landen. Denn neben der für Kunden sichtbaren Primärverpackung, die das Produkt direkt umgibt, werden die einzelnen Packungen oft in Sekundärverpackungen (z.B. 10 Milchkartons in einer Box) und diese wiederum in Tertiärverpackungen (Stretchfolie, Palette) verpackt, um einen sicheren Transport zu gewährleisten. Hier sind Arbeitsroutinen und -prozesse von produzierenden Unternehmen und Großhandel zu berücksichtigen. Für solche Veränderungen müssen Unternehmen auf allen Stufen kooperieren.


Könnte man nicht Mehrwegbehälter aus leichtem Material verwenden?

Unter anderem damit beschäftigen wir uns im aktuellen Projekt, das im April dieses Jahres gestartet ist. Derzeit gibt es kein einheitliches Mehrwegsystem für die Belieferung von Unverpacktläden. Es fehlt auch an einem einheitlichen Warenwirtschaftssystem und gemeinsamen Standards für Reinigungsprozesse.

Dies stellt für alle Beteiligten eine Hürde dar, weil die Prozesse – wie etwa Bestellung, Lagerhaltung und Reinigung – auf verpackte Lebensmittel abgestimmt sind. Während Supermärkte und Bioläden ihr Sortiment üblicherweise aus einer Quelle beziehen, werden Unverpacktläden von vielen verschiedenen Lieferanten – Bio-Großhändler, Hersteller und Erzeuger – beliefert, teilweise auch direkt. Einzelne Großhändler und Erzeuger – z.B. Kaffeeröstereien – beliefern die Läden mit Eimern, die immer wieder genutzt werden. Der Umgang hiermit – Handling, Lagerung, Reinigung und Rückversand – sind jedoch sehr aufwändig.

Doch mit zunehmender Anzahl und Dichte der Unverpacktläden – mittlerweile sind über 300 im Unverpackt Verband gelistet, weitere sind in Planung – lohnt es sich auch für Großhändler immer mehr, über alternative Transportsysteme nachzudenken. Einer davon ist das Unternehmen Bananeira aus Erlangen, das seit einigen Jahren Unverpackt-Läden beliefert und mit diesen beständig bessere Transportlösungen entwickelt. Auch die großen, schon lange am Markt befindlichen Großhändler, gehen immer mehr auf die Wünsche der Unverpackt-Läden ein und beliefern diese möglichst verpackungsarm, vor allem mit Großgebinden.

Zukünftig könnte der Markt für solche verpackungsreduzierten Lebensmittel noch ausgeweitet werden, etwa durch Kooperation mit weiteren Großabnehmern wie z.B. Caterern oder Kantinen.


Das Thema Verpackungsreduktion gewinnt nicht nur gesellschaftlich und wirtschaftlich, sondern auch in der Politik zunehmend an Bedeutung. 2018 entwickelte die EU-Kommission beispielsweise die ‘EU-Kunststoffstrategie‘, auf Bundesebene gibt es das Einwegkunststoffverbot sowie den 5-Punkte-Plan für weniger Plastik und mehr Recycling. Ihr Forschungsprojekt „Unverpackt 2.0“ wird durch die Deutsche Bundestiftung Umwelt (DBU) finanziert. Worum geht es in diesem Projekt?

Das Projekt hat den Titel „Standards zur Professionalisierung der verpackungsreduzierten, effizienten und nachhaltigen Warenversorgung in Wertschöpfungsketten des unverpackt-Handels“. Mit diesem Projekt soll es daran gehen, Lösungen für die Probleme zu entwickeln, die im ersten Projekt analysiert wurden.

Ein Ziel ist die Erarbeitung eines DIN-Standards für ein einheitliches Mehrwegsystem, um Stapel- und Lagerproblemen entgegenzuwirken. Doch die Behälter müssen nicht nur hinsichtlich Größen, Gewicht und Materialien standardisiert werden, sie müssen auch kostengünstig, lebensmittelecht und zuverlässig dicht sein. Stellen Sie sich einmal vor, was passiert, wenn ein Eimer mit Sojasoße neben einem Papiersack Haferflocken steht und beim Transport nicht völlig dicht ist. Darüber hinaus wollen wir die Prozesse der Belieferung von Unverpackt-Läden vereinheitlichen, damit diese effizienter, nachhaltiger und professioneller werden. Wir sehen in der Vereinheitlichung und Standardisierung einen wichtigen Hebel, um das Unverpackt-Konzept insgesamt voranzubringen.

Des Weiteren wurde unser Team, zu dem seit April Paula Wörteler und Marcel Schuricht gehören, vom Brandenburgischen Umweltministerium MLUK beauftragt, eine Beratungs- und Vernetzungsstelle Verpackungsreduktion aufzubauen. Diese wird zwischen Produzenten und Handel angesiedelt, um diese zu vernetzen und gemeinsam Initiativen zu entwickeln. Sie richtet sich an regionale Unternehmen und Initiativen der Lebensmittelwirtschaft und soll aufzeigen, welche Aktivitäten im Bereich Verpackungsreduktion es bereits gibt und die Nutzung von Mehrweg- und ReUse-Lösungen im Brandenburger Lebensmitteleinzelhandel voranbringen und dadurch sinnvolle regionale Lösungen für Verpackungsreduktion entwickeln.


Das klingt doch sehr gut. Was sind in Ihren Augen die größten Herausforderungen, die auf dem Weg dahin und in Zukunft zu bewältigen sein werden?

Unverpackt hat sich in den letzten Jahren zu einer sehr dynamischen Nische entwickelt. Die Läden inspirieren den allgemeinen Lebensmitteleinzelhandel, der einzelne Aspekte übernimmt, z.B. den losen Verkauf von Gemüse und Obst, die Nutzung von mitgebrachten Behältern an der Frischetheke oder auch die Einrichtung von Unverpackt-Abteilungen. In Zukunft geht es darum, diese Entwicklung zu verstetigen, etwa indem es für Kundinnen und Kunden alltäglich wird, Ware lose oder mit Mehrwegbehältern zu kaufen. Dafür müssen entsprechende Angebote geschaffen werden. Aber auch in den Geschäften selbst müssen sich die Arbeitsroutinen ändern. Das Weglassen von Verpackungen ist nicht „einfach“. Es reicht nicht, wenn quasi nur an der Oberfläche Dinge verändert werden. Es braucht strukturelle Änderungen, damit dies zu einer effektiven Verpackungsreduktion, etwa auch bei der Belieferung, führt. Hierbei will die Arbeitsgruppe Verpackungsreduktion die Branche unterstützen.


Vielen Dank für diesen Einblick in ein hochaktuelles Thema. Ich wünsche euch weiter viel Zuversicht bei der Suche nach Problemlösungen sowie ein zufriedenstellendes Endergebnis!



Die unverpackt-Projektergebnisse findet ihr übrigens auf der eigens konzipierten Webseite. Aus dem Forschungsprojekt ist mittlerweile auch ein Buch hervorgegangen: „Einfach weglassen? – Ein wissenschaftliches Lesebuch zur Reduktion von Plastikverpackungen im Lebensmittelhandel“ beschreibt in 21 Beiträgen die Herausforderungen, Potentiale und Chancen des Weglassens von Verpackungen.