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Eintauchen in die schwedische Moorforschung

Die vergangenen fünf Monate habe ich auf den Mooren Mittelschwedens verbracht, habe dort Treibhausgase gemessen, Bodenproben im Labor untersucht und als es immer kälter wurde gelernt, die gesammelten Daten auszuwerten. Eine lehrreiche Zeit voller Erfahrungen liegt hinter mir, von der ich euch hier berichte.

Abb. 1: Torfmoor, Abb. 2: Ausflug zur ICOS Forschungsstation im Wald, Abb. 3: Bodenproben, Abb. 4: Gehsteig auf wiedervernässtem Moor, Abb. 5: Überreste Wollgras Torf, Abb. 6: Treibhausgas Messung im Wald (Fotos: Judith Schubert)


Ich habe im Wintersemester 2019 an der HNEE angefangen den Bachelor Ökolandbau und Vermarktung zu studieren. Mein erstes Praxissemester hatte ich bereits im vierten Semester. Wie viel lebendiger ich während dieser Zeit gelernt habe, gerade im Kontrast zu den vorherigen Onlinesemestern, hat mich darin bestätigt, die Chance zu ergreifen, auch meine Abschlussarbeit mit einem Praktikum zu verbinden.


Zu Schweden hatte ich schon länger eine enge Verbindung. Ich konnte es mir gut vorstellen, mehr Zeit dort zu verbringen und auch mal den ganzen Winter im Norden zu erleben. Auch wenn ich wusste, dass die Winterzeit lang und herausfordernd sein kann, habe ich mich darauf gefreut, die Erfahrungen mit Kälte und Dunkelheit zu sammeln.

Auf der Suche nach einem Praktikumsplatz und Themen für meine Abschlussarbeit habe ich daher direkt nach schwedischen Instituten und Universitäten geschaut.


Die SLU (schwedische Landwirtschaftsuniversität) hat ein ähnliches Konzept wie die HNEE. Mit einer Kombination aus Studiengängen wie Agronomie, Forstwirtschaft, Bodenkunde, Umwelt- bis hin zu Veterinärwissenschaften ist sie in Schweden einzigartig im Bereich der angewandten Umwelt- und Landnutzungswissenschaften.

Die SLU ist mit drei Standorten, einem in Südschweden, einem in Umeå und dem größten Campus hier in Uppsala im Land vertreten. Der Campus Ultuna in Uppsala liegt etwas außerhalb und ist wie eine kleine eigenen Stadt, zusammengesetzt aus alten und neuen Instituts- und Universitätsgebäuden. Die Forschung ist, obwohl die SLU im Vergleich zu den anderen Universitäten Schwedens noch relativ jung ist, sehr etabliert. Hier werden unter anderem auch die Boden- und Waldinventuren und Teile der Klimaberichterstattung für das ganze Land vorgenommen und es wird eng mit den Kommunalverwaltungen, Land- und Forstwirt*innen zusammen geforscht und gearbeitet.

Ich stieß während meiner Recherche zur Moorforschung in Schweden schnell auf Projekte und Studien der SLU und auch auf Sabine Jordan. Sie ist eine deutsche Wissenschaftlerin, die für ihre Dissertation vor 15 Jahren nach Schweden ging und seitdem an der SLU unter anderem Treibhausgas-Flüsse in Mooren untersucht, Torfextraktionsstandorte wiedervernässt und organische Böden unter unterschiedlichen Nutzungsformen vergleicht.


Durch einen Vortrag, den ich 2020 über Paludikultur (landwirtschaftliche Nutzung nasser Moorböden) im Modul „landwirtschaftlicher Bodenschutz“ hielt, bin ich zum ersten Mal auf das Thema gestoßen und bin seitdem motiviert, mich auch für meine Abschlussarbeit mit Mooren zu beschäftigen. Denn auf diesem für viele so unscheinbaren oder unwirtlichen Ökosystem spielt sich ein beispielhafter Schutz- und Nutzungskonflikt ab. Die Komplexität des Lebensraumes Moor und die Kontroverse um ihre Entwässerung, die auch im Ökolandbau hohe Nachfrage nach Torf für Anzuchterden und die Bedeutung der Wiedervernässung für Klima- und Biodiversitätsschutz, interessieren mich sehr.


Also hat das perfekt gepasst und durch viel Glück und ein spontanes Treffen mit Sabine Jordan habe ich die Möglichkeit bekommen, fünf Monate Praktikantin in ihrer Forschungsgruppe zu sein und daraufhin meine Abschlussarbeit zu schreiben.


Nach einer Vorbereitungsphase mit Bewerbungen für Erasmus+ und Wohnungssuche in Uppsala bin ich Ende August in den schwedischen Herbst aufgebrochen.


Zusammen mit einem Masterstudenten aus Italien bin ich im September direkt in die letzte Phase der Feldmessungen eingestiegen.

An fünf Forschungsstandorten, auf denen organischer Boden unterschiedlich genutzt wird, haben wir Treibhausgasflüsse gemessen: In zwei forstwirtschaftlich genutzten Wäldern unterschiedlichen Alters, in einem Wald, der sich, nachdem der Torf gefördert wurde, etabliert hat und einem Feldversuch, auf dem das entwässerte Grünland für Futter und Weide genutzt wird.

Den Umgang mit den Geräten und die Abläufe der routinierten Messungen im Arbeitsalltag habe ich schnell erlernt und direkt mitmachen können. Alsbald wurde uns zugetraut selbstständig die Messungen durchzuführen und die Daten auszuwerten.


Wir wurden rasch eingegliedert in die Forschungsgruppe und noch im September eingeladen, auf die Konferenz des großen Krycklan Catchments in Umeå mitzukommen, auf der Forscher*innen die Ergebnisse ihrer dortigen Langzeitforschungen vorstellten.

Dadurch und auch im Alltag des Instituts in Uppsala durfte ich viele Menschen und deren spannende Forschungsrichtungen und Arbeiten kennenlernen.


Während es im Laufe des Herbstes immer dunkler und kälter wurde, endete die Saison der Feldarbeiten und die Arbeit mit den Daten und im Labor begann.

Wir haben die Daten der Treibhausgasflüsse berechnet und aufgearbeitet, damit sie später publiziert werden können. Die Arbeit mit den Daten und Programmen, um die Ergebnisse zu visualisieren, war zuerst herausfordernd für mich, doch mit dem Bezug zu den Flächen und durch die Zusammenarbeit im Team verstand ich immer besser, damit zu arbeiten.


Neben der Arbeit am Computer konnte auch im Labor mit den gesammelten Bodenproben weitergearbeitet werden. Wir maßen unter anderem pH-Wert und Leitfähigkeit der Bodenproben, arbeiteten mit dem Muffelofen, um die organischen Gehalte zu bestimmten, bestimmten die Korngrößenzusammensetzung mit der Hydrometer-Methode und vieles mehr. Nach der Teilnahme im Modul Bodenkunde im ersten Semester an der HNEE hatte ich leider nicht mehr die Chance, weiteres über Bodenuntersuchungen im Labor zu lernen und habe mich sehr gefreut, hier nochmal Zeit dafür zu haben.

Eine der Forschungsflächen im Dezember (Foto: Judith Schubert)

Heute sitze ich an meiner Bachelorarbeit.

Ich habe nach meiner Praktikumszeit wirklich das Gefühl zu kennen, worüber ich schreibe. Auch wenn ich wahrscheinlich mit Daten aus der Forschungsgruppe arbeiten werde, die ich nicht selbst erhoben habe.

Ermutigt und im Bewerbungsprozess (für Stipendien...) unterstützt hat mich Prof. Dr. Vera Luthardt. Sie betreut in Zusammenarbeit mit Sabine Jordan auch meine Abschlussarbeit, wofür ich sehr dankbar bin.


Ich würde es jedem sehr empfehlen, die Möglichkeiten für Praktika im Ausland auch zusätzlich zum Praxissemester zu nutzen!


INFOS ZUR FÖRDERUNG durch ERASMUS+ :

Gefördert wurde ich in der Praktikumszeit von Erasmus+ durch das Leonardo Büro. Im Beratungsgespräch mit unserem International Office habe ich mir Informationen zur Förderung von nicht-Pflichtpraktika im Ausland eingeholt. Das „normale“ Erasmus für belegte Kurse im innereuropäischen Ausland konnte ich nicht beantragen, da die SLU und die HNEE leider (noch) keine Partneruniversitäten sind. Da mir allerdings ein Praktikum im Forschungsinstitut der SLU angeboten wurde, konnte ich mich durch Erasmus+ fördern lassen.

Das Leonardo Büro ist die Instanz, die die Erasmus+ Gelder, das Bewerbungsverfahren und die Koordination übernimmt. In deren Portal Placement online werden alle Dokumente hochgeladen.

Der Bewerbungszeitraum hängt davon ab, ob der Praktikumsplatz schon gefunden ist. Mit einem konkreten Ziel reicht es, wenn die Unterlagen 3 Monate vor Praktikumsbeginn da sind, sonst müssen es 6 Monate vor der geplanten Reise sein.

Es muss ein Motivationsschreiben verfasst, eine akademische Referenz von einer/einem Professor*in erbeten und der Lebenslauf hochgeladen werden. Später müssen noch Dokumente von der HNEE und von der Praktikumseinrichtung ausgefüllt werden. Wenn im Anschluss an das Praktikum auch die Abschlussarbeit im Ausland geplant ist, gibt es weitere Förderungsmöglichkeiten wie das HAW Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für Abschlussarbeiten im Ausland. Dafür ist die Bewerbung wesentlich aufwendiger, aber sehr lohnenswert.

Erasmus+ reicht, um die laufenden Kosten zu decken. Gekoppelt mit Auslands BAföG (falls es ein Pflichtpraktikum ist) ist mensch gut abgesichert, auch wenn z.B. in Schweden die Lebenshaltungskosten wesentlich höher sind als in Eberswalde.

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