Praxisluft schnuppern mit Julian Scherlitz

Das Studium am Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz beginnt mit Vorlesungen, Seminaren und Exkursionen. Je nach Studiengang heißt es dann ggf. irgendwann „ab ins Praxissemester“. Wir interviewen in unserer Rubrik „Frisch von draußen“ Studierende, die gerade ihr Praxissemester absolviert haben oder mittendrin stecken, um zu erfahren, wie diese aufregende Zeit für sie war/ist.

Julian Scherlitz hat sein dreimonatiges Praxissemester im Fachbereich Politik beim WWF Deutschland in Berlin gemacht. Im Interview verrät er uns, wie diese Zeit für ihn war.


Seit wann und was studierst du in Eberswalde?

Ich studiere einen Master an der HNEE, den es offiziell gar nicht mehr gibt. Ja genau, richtig gelesen! Meine Kommiliton*innen und ich sind die letzte Generation des Studiengangs Öko-Agrarmanagement (ÖAM). (Anm. der R.: seit dem WS21/22 heißt der Masterstudiengang: Ökologische Landwirtschaft und Ernährungssysteme). Ich habe zum Sommersemester 2021 an der HNEE mit ÖAM begonnen und absolvierte im vergangenen Sommersemester mein Praxissemester, an das sich direkt die Masterarbeit anschließt.

Zentrum der deutschen Politik, der Reichstag in Berlin im April 2021 (Foto: Julian Scherlitz)

Mit Blick auf Dein Studium: Wonach hast Du Deinen Praktikumsbetrieb ausgewählt und was möchtest Du dort insbesondere lernen, vertiefen?

Innerhalb meines vorangegangenen Agrarwirtschafsstudiums an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen habe ich mich bereits intensiv mit der praktischen Landwirtschaft sowie mit verschiedenen vor- und nachgelagerten Bereichen derselben auseinandergesetzt. Aus diesem Grund wollte ich innerhalb des ÖAM-Praxissemesters gezielt einen anderen Agrarbereich kennenlernen. Ein für mich wichtiges Schlüsselereignis war der Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021. Während dieser Wochen habe ich mich das erste Mal aktiv am Wahlkampf von Bündnis 90/ Die Grünen beteiligt und eine damalige Kandidatin für den Bundestag auf ihrer Wahlkampftour in Brandenburg begleitet. Nach vielen Gesprächen mit befürwortenden aber vor allem auch gegenüber den politischen Ansichten der Grünen kritisch oder sogar ablehnend eingestellten Menschen, war für mich danach ziemlich schnell klar, wo die Reise in meinem Praxissemester hingehen sollte. Na, könnt ihr es euch schon denken? Für mich sollte es in die deutsche Agrarpolitik gehen! Ich wollte einfach verstehen, wie genau Agrarpolitik gemacht wird und was damit alles zusammenhängt. Die Frage war für mich nur, ob ich zu einem Ministerium, einer politischen Partei oder einer NGO gehen sollte. Über einen Kontakt, welchen ich über Prof. Dr. Jens Pape in anderer Sache erhalten habe, bin ich dann auf den World Wide Fund For Nature (WWF) in Berlin aufmerksam geworden. Das ist die Organisation mit dem Panda-Logo. Mir war zu dem Zeitpunkt aber nicht bewusst, dass der WWF (zusammen mit weiteren bekannten deutschen Umweltverbänden) auch eine wichtige Instanz in Sachen agrarpolitische NGO-Arbeit in Deutschland darstellt. Glücklicherweise habe ich genau zum richtigen Zeitpunkt beim WWF angefragt und nach einem kurzen Bewerbungsgespräch wurde mir dann der Praktikumsplatz zugesagt.


Wie können wir uns Deinen Alltag vorstellen? In welchem Bereich arbeitest du dort, welche Aufgaben hast du und was macht dir am meisten Spaß?

Ab dem ersten Tag an wurde ich direkt (mit voller Wucht) in die Welt der Agrarpolitik hineingesogen. Die allgemeine Aufgabe im Team bestand darin, sich einerseits mit den „großen“, langfristigen agrarpolitischen Zielen auseinanderzusetzen. Andererseits mussten aber auch immer wieder kurzfristig Pressemeldungen und/oder fachliche Einschätzungen zu bestimmten tagesaktuellen Themen der Bundesregierung sowie anderen Verbänden und Unternehmen reagiert werden. Dazu haben wir uns im Team regelmäßig u.a. mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Naturschutzbund Deutschland (NABU), Greenpeace, dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und dem Deutschen Naturschutzring (DNR) ausgetauscht. Meine Arbeit bestand konkret darin, immer die aktuelle Tagespolitik im Auge zu behalten, d.h. ich habe mich regelmäßig über neuen Pressemitteilungen, Artikel und Stellungnahmen informiert. Außerdem habe ich selbst zu Pressemitteilungen beigetragen, Meetings vorbereitet und v.a. auch intensiv an den Projektvorbereitungen zu „KoMBi – Kollektive Modelle zur Förderung der Biodiversität“ mitgearbeitet. Im Zusammenhang mit diesem Projekt, welches sich mit kollektiven Ansätzen in der Landwirtschaft beschäftigt, habe ich dann auch meine Projektarbeit geschrieben. Meine Highlights waren definitiv die verschiedenen parlamentarischen Abende, unter anderem in der Landesvertretungen der Bundesländer Niedersachsen bzw. Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern in Berlin, die ich zusammen mit Johann, meinem Praktikumsbetreuer, besuchen durfte.

Gastvortrag von Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast bei einem parlamentarischen Abend der Rentenbank zum Thema „Wie viel Land(-wirtschaft) steckt in der Stadt?“, in der Landesvertretung Niedersachsen/ Schleswig-Holstein in Berlin im April 2022 (Foto: Julian Scherlitz)

Inwiefern war Dein Praktikum für Deine berufliche Orientierung hilfreich? Was nimmst du aus deiner Zeit dort mit?

Mein Praktikum beim WWF war definitiv entscheidend für mein weiteres politisches Engagement und dem damit verbundenen möglichen beruflichen Werdegang. Ich habe während der Zeit, vor allem auch durch das große Vertrauen von Johann, viel über die europäische und deutsche Agrarpolitik sowie über die Strukturen und das politische Vorgehen der deutschen Umweltverbände gelernt. Denn zu Beginn war das Praktikum eine „Black-Box“ für mich. Ich wusste nicht so richtig, was dabei auf mich zukommen würde. Jetzt verstehe ich viel besser, wie die politische Arbeit bzw. Lobbyarbeit einer Umweltorganisation funktioniert.


Wie blickst Du auf den Abschluss Deines Studiums an der HNEE und deine weitere Laufbahn? Kannst du dir vorstellen später in diesem Job zu arbeiten?

Ursprünglich wollte ich meine Masterarbeit auch mit dem Projekt beim WWF verbinden, welches ich während meines Praktikums mitbetreut habe. Da sich das Projekt aber noch in den Kinderschuhen befindet, hätte es sich noch nicht so gut in Form einer Abschlussarbeit umsetzen lassen können. Aus diesem Grund habe ich mich gegen eine Masterarbeit beim WWF entschieden. Meine Masterarbeit mache ich nun in Form einer anderen Kooperation, aber auch im Bereich der Agrarpolitik. Nach meinem Abschluss kann ich mir gut vorstellen in einer NGO, wie dem WWF, oder direkt für eine politische Partei im Bundestag zu arbeiten.


Angenommen ein Studi interessiert sich ebenfalls für „Deinen“ Betrieb für´s eigene Praktikum, was wären Deine Hinweise? Was sollte die Person mitbringen, um hier ein ertragreiches Praktikum zu absolvieren?

Ihr solltet definitiv Lust auf einen manchmal turbulenten Arbeitstag und selbstständiges Arbeiten haben. Außerdem solltet ihr Spaß am Recherchieren und Schreiben besitzen und euch kurzfristig auf neue Aufgaben einlassen können. Das politische Geschäft macht nicht um 16 Uhr Feierabend, also solltet ihr euch stets über das aktuelle politische Geschehen informieren und auch mal bereit sein, weit nach 16 Uhr in die Tasten zu hauen und/oder persönlich bei Treffen und parlamentarischen Abenden dabei zu sein.


Jede*r am Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz wird im Laufe des Studiums ein Praktikum oder sogar ein ganzes Praxissemester absolvieren. In unserer Rubrik „Praxisluft schnuppern mit ..." interviewen wir regelmäßig Studis um von ihren Erfahrungen aus dem "echten" Leben zu hören.


Hier findet ihr weitere Interviews dieser Rubrik.