Von der Magie des Lernens durch Interpretationen



21 RUNer*innen und Touristiker*innen machten sich auf in das periphere und vom Internet ausgeschlossene Gebiet namens Uckermark, um in der Idylle der stillen Landschaft bei Neudorf das Konzept der Interpretation als Instrument der non-formalen Umweltbildung zu erleben. Interpretation – was ist das eigentlich? Die Interpretation ist ein Konzept, um Naturphänomene durch eine Leitidee dem Betrachtenden auf eine emotionale Art und Weise zu vermitteln. Die Leitidee (z.B. vom Phänomen Waldweg: Dieser Weg ist der Zugang zur Natur) fungiert als ein Leuchtturm, also eine größere Kernbotschaft, auf die Mensch zusteuert. Der ehrenamtliche Betreuer Thorsten Ludwig, der Vorsitzender des ANU (Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung) und Vorsitzender von Interpret Europe ist und die Interpretation 1993 aus Amerika nach Deutschland brachte, überlegte sich eine inhaltlich abgestimmte Woche für die HNEE-Studierenden. Mit Beispielen und Hintergrundwissen zeigte er, wie man alltägliche Phänomene in der Landschaft oder bei bestimmten Pflanzen oder Tieren so beschreibt, dass das Konzept dem Betrachtenden im Kopf hängen bleibt. Ohne seine Bereitschaft zu dieser Exkursion, wäre sie auch nicht möglich gewesen!


Dieses Konzept wurde jeden Tag mehr und mehr vertieft. Nach jedem Exkursionsbaustein reflektierten die Studierenden ihre Arbeit und sagten, wie es ihnen damit ging, was den Tag ausmachte und was man hätte anders machen können. Um zu verstehen, was alles dahinter steckt, haben wir die einzelnen Tage der Exkursion des Moduls „Non-Formale Umweltbildung“ näher beschrieben.


#Tag1 - ohne Internet oder ÖPNV

Neudorf in der Uckermark. Vor dem Sprung in das einwöchige Abenteuer kümmerten sich die Studierenden selbst um einen fahrbaren Untersatz und um die Verpflegung. Der angepeilte Hof besitzt Zimmer, aber auch eine Wiese für mitgebrachte Zelte. So bauten sich die Studierenden ein Basislager auf, wo abends zusammen gekocht, gegessen, geschnackt und gesungen wurde. Gleich nach dem Beziehen der Zimmer - bzw. Zelte - begann die Einführung und die erste Aufgabe: Auf dem Hof befinden sich vier knorrig-alte Linden. Jede auf ihre Weise ganz besonders. Diese Besonderheiten sollten von den Studierenden, in vier Gruppen aufgeteilt, als Phänomene mit einem Leitsatz herausgestellt werden und den anderen präsentiert werden.


# Tag2 – vom Profi lernen

Vormittags gab Sebastian Zoepp eine Kurzinterpretation über ein altes Mauerwerk auf dem Hof. Nach einer kleinen theoretischen Einführung ging es mit dem Auto in den kühlen Wald, wo leider ein Haufen blutrünstiger Mücken auf die Teilnehmenden wartete. Dort bekamen die Studierenden die Aufgabe sich in Zweierteams ein besonderes Phänomen herauszusuchen und eine Kurzinterpretation dazu zu entwickeln. Diese setzt sich aus einem Phänomen, einer Leitidee mit Universal (wie Liebe, Abenteuer oder Faszination) und circa drei Fakten zusammen, die einen persönlichen Bezug zum Besuchenden haben sollen. Ein Beispiel war eine alte Wurzel im Wald zu der gesagt wurde: „Junges kann nur wachsen, wenn Altes stirbt“. Die Studierenden sind dann abwechselnd in die Rolle des Besuchenden geschlüpft und haben sich gegenseitig ihre Kurzinterpretationen vorgetragen und Feedback gegeben.


#Tag3 – durch Ideen geleitet

Am dritten Tag sollten die Studierenden eine Führung konzipieren. In Einzelarbeiten suchte sich jede*r einige Phänomene in der Umgebung heraus, die in einer größeren Gruppe zusammengetragen wurden, um daraufhin eine Hauptleitidee zu finden. In Zweierteams bereiteten die Studierenden zu jeweils einem Phänomen eine Kurzinterpretation vor. Am Ende des Tages wurde die Führung als rundes Konzept den anderen Teilnehmenden vorgestellt. Später bereiteten sich die Studierenden auf den Abend des nächsten Tages vor, in dem sie sich überlegten, an welchem Platz im Wald ein Glas mit einem Teelicht besonders schön aussehen würde. Dazu wurde wieder eine Leitidee auf einem Zettel aufgeschrieben.


#Tag4 – nicht nur Geistesblitze erhellten die Gruppe

An diesem Tag bewegten sich die Teilnehmenden weg von der Führung und konzentrierten sich mehr auf die Medien einer Interpretation. In der Wasserburg von Gerswalde verbrachten sie dafür den ganzen Tag auf dem Gelände und dem dazugehörenden Museum. Zuerst lernten sie die Umgebung durch eine Führung über das Gebäude und über die Geschichte der Gegenstände im Museum kennen. Danach sollten sich die Studierenden einen Gegenstand aus dem mit historischen Ausstellungsstücken bestückten Museum aussuchen und diesen wieder mit einer Leitidee vorstellen. So wurde z.B. zu der Morsetaste gesagt: „Diese Morsetaste spricht weiter, als Stimmen reichen könnten“.

An dem Abend, nach Grillen und Lagerfeuer-Gitarren-Beisammensitzen, brachen die Studierenden auf, um, wie am Vorabend besprochen, ihre Teelichter im Wald hinzustellen. Allerdings hörten die Studierenden in der Ferne ein Gewitter herannahen. Dann liefen sie in der Dämmerung ganz still durch den Wald von Teelicht zu Teelicht und lasen sich in dieser magischen Atmosphäre die Leitideen der anderen durch. Leider blieb es nicht lang genug trocken, sodass die gesamte Truppe vor dem Regen wieder ins Camp flüchtete.


#Tag5 – vom Geschichten nachspielen

Dieser Tag startete nach der langen Nacht im Wald etwas später; wieder bei der Wasserburg in Gerswalde. Themen des Tages waren die Entwicklung eines Audioguides oder einer Hörstation und die Rolleninterpretation. Zunächst durften sich die Studierenden wieder in Zweiergruppen ein Phänomen aussuchen und zu diesem einen 90-sekündigen Hörbeitrag verfassen, aufnehmen und den anderen präsentieren. Dabei sind die unterschiedlichsten Stile entstanden, meist wurde eine Geschichte erzählt, mal aus der Ich-Perspektive, mal aus der allwissenden Perspektive, mal wurden Geräusche nachgemacht. Dann ging es für die Mittagspause wieder nach Neudorf um uns mit der Rolleninterpretation zu beschäftigen. Dieses Prinzip wird vor allem in England verwendet. Man muss sich das so vorstellen: Da bewegen sich Personen in historischen Gewändern/ Kostümen herum und gehen ihrer Rolle nach (z.B. auf einem Marktstand Dinge verkaufen). Dann kommt eine zweite und dritte Rolle hinzu und ein Gespräch, gerne mal ein Konflikt, entsteht, in den die Besuchenden miteinbezogen wurden. So haben es die Studierenden dann auch, allerdings ohne Kostüme, gemacht. Zum Beispiel eine Fischerin auf dem Marktplatz, der dem Bauern seinen Stand weggenommen hat. Der Bauer ist empört, weil er ein schlechtes Erntejahr hatte und bereits durch Hungersnöte ein Kind verlor. Auch die Fischerin hat es nicht leicht. Dann kommt der Abt und versucht den Streit zu schlichten. Die Rolleninterpretation stieß entweder auf Begeisterung oder auf Ablehnung, sodass es den Studierenden selbst überlassen wurde, ob sie in eine Rolle schlüpfen wollen oder nicht.


#Tag6 last but not least

Bevor es noch für das Abendspektakel des Stadt- und Campusfestes nach Eberswalde zurückging, putzten die Studierenden ihre Schlaflager, packten zusammen und verbrachten dann den gesamten letzten Tag, um eine fiktive Ausstellung in Form eines Interpretationszentrums zu konzipieren. Dafür trafen Sie sich in einem Feuchtbiotop und besprachen das Vorhandensein einer Plattform, wie sie auch in einigen Archäologen-Lagern in Amerika schon vorhanden sind. Die Betrachtenden finden eine Plattform oder einen Raum vor, der sich je nach Nutzung oder Jahreszeit immer mitverändert und somit stets up to date ist. Und so endete eine arbeitsintensive und wunderschöne Woche für die Studierenden.